Die Vermessung der Dresdner Klassenzimmer - Reisebericht eines Festivalbesuchs

Auf der Suche nach dem Boskop – Was ist eigentlich Theater?


Es ist, als hätte Dresden sich fein gemacht an diesem frühwinterlichen Mittwochmorgen. Dachsimse und Haltestellenhäuschen sind von einem ersten, zaghaften Schnee bepudert. Die Morgensonne hat ein Leuchten auf Häuserfassaden und die Gesichter der Passanten gelegt. Im herzlichsten Sächsisch wird in der Straßenbahn ein Platz angeboten.
Die Linie 2 Richtung Prohlis ruckelt einmal quer durch die Stadt, nach rechts unten über den Rand meines Stadtplans hinaus. Melodiös betitelt die automatische Haltestellenansage die Wegmarken. Es ist der 14. November und ich bin auf dem Weg zu einem Klassenzimmer. In eine von 23 Dresdner Schulen, die für die nächsten drei Tage Schauplätze eines Theaterfestivals werden sollen.

Das Kreuzgymnasium empfängt mit dem schnöden Charme eines heruntergekommenen Plattenbaus. In den Gängen hängt der überregional unverwechselbare Geruch nach Schulspeisung. Durch ein Labyrinth aus Treppen und Fluren gelangen wir zur ersten Bühne dieses Tages. Tafel, Lehrertisch und Polylux liefern die Szenographie, verschlissene Vorhänge vor zugigen Fenstern die Kulisse. Hinter ihren Bänken scharren dreißig Sechsklässler ungeduldig mit den Füßen. Aufgeregtes Tuscheln und Kichern. Das ist keine gewöhnliche Schulstunde heute.
Eine Frau vom "Theater Grüne Soße" stellt sich vor. Sie sagt, sie wolle mit den Schülern einen Workshop machen, und beginnt, Fragen zu stellen. Ja, was ist denn eigentlich Theater?
Das eifrige Hochschnellen der Kinderarme wird jäh unterbrochen, als plötzlich die Tür aufspringt und zwei Männer in knallroten Latzhosen ins Zimmer poltern. "Also, der Hausmeister meinte, hier wäre jetzt kein Unterricht", tönt einer der Handwerker. Während die Lehrerin hinauseilt, das zu überprüfen, nehmen Bernd und Olaf das Klassenzimmer in Besitz.
Mit seltsamen Gerätschaften und abstrusen Messgeräten machen sie sich an Tafel, Lehrertisch und Vorhängen zu schaffen, klettern über die Bänke und spannen Schnüre von einer Wand zur anderen. Und kommentieren ihr Tun gewichtig im schönsten Spezialistengromolo. Da müssen eine "modulare Plattform" aufgebaut, ein "gebutterter Trafo" verwendet und ein "Blanzel mit Graviflex" richtig eingesetzt werden. Dreißig Augenpaare verfolgen jeden Handschlag mit höchster Aufmerksamkeit. Weil Olaf immer noch verzweifelt nach einem Werkzeug namens Boskop sucht, kramt ein Junge in der letzten Reihe triumphierend seinen Frühstücksapfel aus dem Ranzen: "Na, den Boskop hab ich hier."
Man kann förmlich sehen, wie es hinter den Stirnen zu arbeiten beginnt. Und sich eine aufgekratzte Irritation breitmacht. Ist das jetzt echt oder werden wir hier reingelegt?
Als mit lautem Knall und Funkensprühen schließlich der "Entkoppler" explodiert, ist das Erschrecken sehr real. Und löst echtes Kreischen und echte Tränen aus. Doch "Alles im grünen Bereich!" – Bernd und Olaf haben die Situation unter Kontrolle. Denn sie heißen eigentlich Sigi (Herold) und Willy (Combecher) und sind Schauspieler vom "Theater Grüne Soße". Das mit der Explosion war ein Bühnentrick mit Wunderkerzen und Kunstnebel. Effektvoller Showdown einer Theatervorstellung.
ALLES IM GRÃœNEN BEREICH ist ein in erster Linie theaterpädagogisches Projekt, welches das Spiel mit der Theaterverabredung für eine Schritt-für-Schritt-Heranführung an das Medium fruchtbar machen soll. Bernds und Olafs Vermessung des Klassenzimmers berührt die Kinder physisch wie emotional. Im doch noch folgenden Workshop mit Nadja Blickle werden sie diese Erfahrung formulieren und reflektieren. Und feststellen: man erschrickt auch, obwohl man weiß, dass der Unfall nicht echt ist. Und das mit dem Als-ob selbst auf der Bühne ausprobieren. Am Ende der zwei Stunden sind alle Tränen getrocknet. Die Eingangsfrage hat eine Antwort mehr gefunden: Theater ist, wenn man auch mit einer Fernbedienung telefonieren kann.

Wie die nächsten Tage zeigen werden, ist das nur eine Spielart eines sich immer mannigfaltiger entwickelnden Phänomens dramatischer Kunst. Die dritte Auflage des Dresdner Festivals "Theater im Klassenzimmer" versteht sich als Austausch- und Arbeitstreffen und will ein breites Spektrum an künstlerischen Entwürfen vorstellen. Insgesamt 15 Inszenierungen aus ganz Deutschland haben die drei Veranstalter – Theater Junge Generation, Staatsschauspiel Dresden und Landesbühnen Sachsen – eingeladen. In ihrer Eröffnungsrede wird Festivalleiterin Felicitas Loewe später betonen, dass die Auswahl nicht darauf abziele, ein "Best of" zu repräsentieren. Vielmehr wolle man in den insgesamt 45 Vorstellungen dieser drei Tage die Vielfalt an ästhetischen Ansätzen und Theaterformen versammeln, die inzwischen deutschlandweit die Klassenzimmer erobern. Workshops, Lesungen und Podiumsdiskussionen ergänzen das Programm des in Kooperation mit dem Deutschen Hygiene-Museum und der ASSITEJ veranstalteten Treffens.

Durch die Labyrinthgänge des Kreuzgymnasiums geht es nun ein Stockwerk weiter nach oben. Hier zeigt Theaterhof/19 aus Oldenburg den Klassiker WOYZECK als Stücksubstrat für den Deutsch-Leistungskurs. Auf 35 Minuten und einen Schauspieler zusammengekürzt und mit werkhistorischem Hintergrund angereichert, wird hier ein Stück Unterrichtsstoff anschaulich aufbereitet. Wenn der Schauspieler Dieter Hinrichs im anschließenden Gespräch über Büchner erzählt, hat er eine Pädagogenmine aufgesetzt. Er macht auch gar keinen Hehl daraus, dass der Auswahl eines Lehrplanstückes ganz pragmatisches Kalkül zugrunde lag. Diesem Ansatz kann man vorwerfen, Kunst zur Illustration von Unterrichtsinhalten zu missbrauchen. Nichts zuletzt ist ein Stück wie WOYZECK aber ein Versuch, dem Dilemma des unrentablen Geschäfts Klassenzimmertheater offensiv zu begegnen.

Von "Ãœberdentellerrandschauern" und "Zwischendiestühlesetzern" – Das Theater geht aus sich heraus


Straßenbahnlinie 2 Richtung Gorbis. Vom theatralisierten Alltagsraum Schule führt die Fahrt vorbei an den ganz alltäglichen Aufführungen auf den Dresdner Straßen und Plätzen. Ein Festival, das die Theaterhäuser verlässt, schickt auch seine Besucher nach draußen. Auf dem Weg zum nächsten Programmpunkt in mittäglich überfüllten Verkehrsmitteln bleibt die Kontaktaufnahme zu ortskundigen Einheimischen nicht aus.
Haltestelle Deutsches Hygiene-Museum. Knotenpunkt jenes unsichtbaren Netzwerks, das an diesen drei Tagen die Dresdner Klassenzimmer verbindet. Im Kleinen Saal wird das Festival offiziell eröffnet. Die Wahl dieses Kooperationspartners ist Konzept.

Dr. Eva-Maria Stange nennt es "Grenzüberschreitung". Die Sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst meint damit die Ãœberwindung der Barrieren zwischen den Institutionen. Zwischen Theater und Museum. Sowie zwischen den Kultur- und Bildungseinrichtungen. Solch eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit käme nicht zuletzt dem Prozess der kulturellen Bildung zugute.
Vielbemühtes Schlagwort: Kulturelle Bildung. Das es stetig neu mit Inhalten zu füllen gelte, fordert Dietrich Kunze in seinem Grußwort. "Die Bedeutung der Kunst für die Bildung und die Bedeutung der Bildung für die Kultur müssen immer wieder neu bestimmt werden." Im Sinne eines ganzheitlichen Bildungskonzepts, so der Intendant des Theater Junge Generation, habe Kultur die Aufgabe, soziale und politische Kompetenzen zu schulen.

Die abgeschlossene Institution Schule könne von solchen externen Impulsen nur profitieren, betont auch Annett Kieschnik bei der anschließenden Podiumsdiskussion MUSIK–THEATER–SCHULE. Sich ihrer Begrenztheit als Vermittler durchaus bewusst, lädt die engagierte Gymnasiallehrerin gern Experten aus dem "richtigen Leben" in ihren Unterricht ein.
Man ist sich einig: Um grenzüberschreitende Konzepte zu realisieren, braucht es Querdenker, die Phantasie, Mut und Engagement aufbringen, Neues zu wagen. Es braucht "Ãœberdentellerrandschauer" und "Zwischendiestühlesetzer" wie den Musiker, Komponisten und Instrumentenbauer Erwin Stache. MUSIK FÄLLT AUS lautet seine ironische und kreative Antwort auf die zunehmende Reduzierung der musischen Fächer an den Schulen. Das Projekt mit Kindern und Jugendlichen vollzieht die Entwicklung in entgegengesetzter Richtung und wendet das Prinzip Musik auf alle Unterrichtsfächer an.
Musizieren erfordert dabei weder spezielle Vorkenntnisse noch ein großes Orchester. Den akustischen Beweis liefern die amüsanten Zwischeneinlagen seines Schülerensembles. Auf unkonventionellen Instrumenten spielt ATONOR originelle Klangkompositionen, die den Nachmittag auflockern.
Rainer Schochow vom Schott Music Verlag vermisst den einen Blick von der anderen Seite des Tellerrands. Er berichtet von einem überalterten Repertoire für Kinder- und Jugendtheater und allzu spärlichem Autorennachwuchs. Die großen Opernpartituren seien für Komponisten wie Verlage eben nach wie vor attraktiver. ATONORS Kommentar darauf ist ein letztes Stück auf Telefonhörern, das die Füße mitwippen lässt.

Mit Kunst gegen Unkultur


"Grenzüberschreitung" kann in zweierlei Hinsicht über diesem Festival stehen. In einem Bundesland, das immer wieder mit rechtsextremistischen Ãœbergriffen Schlagzeilen macht, ist die Ãœberwindung der Grenzen und Mauern in den Köpfen nach wie vor ein relevantes Thema. Die Förderung aus dem Programm "Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz" zeugt vom politischen Glauben an das Potential der ästhetischen als moralische Bildung. "Kultur ist teuer, aber noch teurer ist Unkultur", begründet das die Staatsministerin. Das direkte, emotionale Theatererlebnis als Schule der Konfliktfähigkeit und Mittel der Gewaltprävention.

Im Festivalprogramm gibt es zwei Stücke und eine Lesung, die Gewalt gegen Minderheiten zum Thema machen. Alle drei greifen auf ganz unterschiedliche Art und Weise authentische Fälle auf. Und werden flankiert von Workshops der "Jugendinitiative für ein demokratisches Sachsen – IDEMOS", welche die teilnehmenden Klassen zu einer weiterführenden Auseinandersetzung einladen.
In HIER GEBLIEBEN! vom Berliner Grips Theater geht es um die Situation der so genannten "geduldeten" Flüchtlinge in Deutschland. Und um die Zivilcourage einer ganzen Klasse, die die drohende Abschiebung einer Mitschülerin abzuwenden vermag.
Ein solcher Vorfall hatte sich im August 2004 tatsächlich so ereignet. Im Rahmen einer Kampagne für das Bleiberecht von Kindern und deren Familien entwickelten drei Autoren daraus ein Klassenzimmerstück. In typischer "Gripsmanier" ermutigt es dazu, einer repressiven Ausländerpolitik selbstbestimmt handelnd entgegenzutreten.

Spätprogramm in der Dresdner Neustadt. Vor dem Eingang des Abendgymnasiums stößt eine dicht zusammengedrängte Horde Rauchwolken in die Luft. Im Inneren des Jugendstilgebäudes erwartet die Zuschauer eine szenische Lesung der besonderen Art. DAS IST ESTHER handelt von der Jüdin Esther Bauer, die vier Konzentrationslager und den Holocaust überlebte. In diesem halb-authentisch, halb-fiktiven Klassenzimmerstück holt die Enkelin Mary-Ann ihre Geschichte in die Gegenwart. Das eigentlich Besondere: Die extra aus New York angereiste Zeitzeugin berichtet an diesem Abend persönlich von ihren Erinnerungen.
Harte Kost im Zimmer nebenan. Wenn ein Dokumentarfilmer ein Theaterstück schreibt, trifft das Ergebnis mit der Wucht eines gezielten Faustschlags. Andres Veiel hat über einen Mord in der Uckermark recherchiert, der eine filmische Gewalttat zum Vorbild nahm. In Potzlow haben drei Skinheads den berüchtigten "Bordsteinkick" Realität werden lassen. Ihr 16-jähriges Opfer wurde über Stunden misshandelt und schließlich zu Tode gequält.
Veiel verarbeitete seine Befragungen und Interviews zu einem dokumentarischen Theatertext: DER KICK – hier in der Inszenierung des Staatsschauspiel Dresden gezeigt. Wir bekommen O-Töne der Beteiligten und Angehörigen zu hören, die über den Mord und dessen Umstände aus ihrer jeweiligen Perspektive berichten. Die Täter werden verhört; Eltern, Freunde und Nachbarn kommen zu Wort. Von Alkohol und Drogen ist da die Rede, von Arbeits- und Hoffnungslosigkeit nach der Wende. Von dem Gefühl der Ohnmacht gegenüber einer Politik, von der man sich "nur verarscht" fühlt. Die Erzählungen geben Aufschluss über psychologische Verfasstheiten wie über soziale und familiäre Hintergründe. Was steht hinter dem latenten Rassismus der Eltern, dem offen gelebten der Jugendlichen? Was hinter der verzweifelten Hilflosigkeit der Mitläufer? Plötzlich meint man, in die Köpfe hineinsehen zu können, und erschrickt.
Durch den direkten Vortrag zum Publikum gewinnt die szenisch sehr zurückhaltende Montage eine immer größere Intensität und Eindringlichkeit. Selbst wer sich gegenüber "Betroffenheitskitsch" immun glaubte, kann sich in der Enge des Klassenzimmers der Beklemmung nicht lange entziehen.
Der journalistische Zugriff ist dabei ein Versuch, über das Ausleuchten aller Details das Unfassbare zu verstehen. Doch erweist es sich als unmöglich, aus den subjektiven Erlebnisberichten so etwas wie Wahrheit herauszufiltern. Diese liegt vielleicht irgendwo zwischen den unterschiedlichen, sich widersprechenden Versionen. Einfache Erklärungsmodelle und Schuldzuweisungen, wie sie eine verkürzte mediale Berichterstattung liefern würde, sind so nicht möglich. Die Frage nach dem Warum bleibt unbeantwortet.
Den Zuschauer mit dieser unbefriedigenden Leerstelle allein zu lassen, ist die große Stärke von DER KICK. Es gilt, die Uneindeutigkeit auszuhalten. Beim Verlassen des Abendgymnasiums bleibt ein dumpfes Ziehen in der Magengegend.

Ein Thema in die Klasse bringen – Die Kämpfe der Außenseiter-Prinzen


Beim Durchblättern des Festivalprogramms fällt ein Buchstabenkürzel erstaunlich oft ins Auge: UA. Dass es sich bei mehr als der Hälfte der Produktionen um Uraufführungen handelt, mag daran liegen, dass man hier die jüngsten Entwicklungen präsentieren will. Darüber hinaus ist es aber vor allem auch ein Zeichen für die Umtriebigkeit und den Innovationsgeist der Macher. Der Zweig wächst und treibt eigene, frische Blüten. Ganz aus sich heraus – weil es für das relativ junge Genre schlichtweg einfach noch kein breites Repertoire an Stückvorlagen gibt.
So stellt auch die Verlagspräsentation neuer Stücke kaum eines mit explizitem Klassenzimmerbezug vor. Ulrike Lessmann hat sechs Texte ausgewählt, die ihrer Meinung nach jedoch durch eine Umsetzung in diesem Raum gewinnen. Ein Schauspielerduo liest Auszüge.
Viel Gelächter erntet Norbert Ebels ERBS UND BOHN DUELL für das Grundschulalter. Mit Worten statt Waffen tragen hier ein Mädchen und ein Junge ihr Gefecht aus. Und erfinden sich in schräg-versponnenen Sprachspielen gleichzeitig ein Stück weit selbst.

Um Kämpfe geht es auch in vielen Jugendstücken. Um das Ringen mit sich selbst auf der Suche nach einer Identität, einem Image, nach Individualität. Wer bin ich und was will ich sein? Und die Stücke handeln von den Kämpfen, die dabei mit dem sozialen Umfeld auszufechten sind. Gerade die Klasse ist ein Ort, wo im Spannungsfeld zwischen Integration und Ausgrenzung Rollenmuster immer wieder verhandelt werden.
Die Protagonisten sind oft Außenseiter, durch einen vermeintlichen Makel stigmatisiert. Abgestempelt als "Asozialer" oder "Ausländer", "Schläger" oder "Schwuchtel", "Fussballproll" oder "Fettsack". In der Intimität des Klassenzimmers erzählen sie von ihren individuellen Ãœberlebensstrategien und dem täglichen Ringen um Selbstbehauptung. Und werden so für die Zuschauer zu Identifikationsfiguren und sogar Vorbildern.
Jörg Menke-Petzmeyers ARM ABER SEXY beginnt damit, dass die Protagonistin die Klasse nach etwas Essbarem durchforstet und so gleich ihre Mittellosigkeit bekennt. Provokativ und schonungslos direkt wird hier das hochaktuelle Thema Jugendarmut verhandelt.
Eine andere Art der Abweichung von der Norm beschreibt TÃœRKISCH GOLD von Tina Müller. "Man kann doch keinen Derwischtanz zu Heino tanzen", heißt es da in einem Schulhofgespräch. In solchen pointierten Vergleichen erzählt das Stück von Hoffnungen und Wünschen einer Liebe über kulturelle Differenzen hinweg.

Das Festivalprogramm kann ebenso mit Geschichten aufwarten, in denen neben harten Themen wie Gewalt, Drogen oder Aids auch Romantisches Platz hat. Manchmal braucht es eben eine Portion Poesie, um die Widrigkeiten des Lebens zu ertragen. Mit einem Mädchen auf einer fleckigen Matratze die Landkarte der eigenen Träume nachzeichnen: so beschreibt das Stück BOMBER von den Westfälischen Kammerspielen Paderborn die Insel der ersten Liebe, "wo es plötzlich nur noch Himmel gibt und Meer und sonst nichts anderes". Die amouröse Begegnung als Rückzugsort, in den die Bedrohungen der Realität schließlich doch eindringen.
Auch im Turnhallenstück FEDERSPIEL der Radebeuler Autorin Esther Rölz geht es rückblickend um eine Liebesgeschichte. Die Inszenierung der Landesbühnen Sachsen erzählt von einer Wiederbegegnung nach langer Zeit, von verwirklichten Lebensentwürfen und gescheiterten Zukunftsvisionen.

Immer wieder stehen Antihelden auf den Klassenzimmerbühnen dieser drei Tage. Wie Bodo, dem es schwerfällt, sich in der Klasse zu behaupten. Vormittäglichen Schulfrust kompensiert der PRINZ POMMES mit Fernsehen und Fastfood am Nachmittag. Statt Anerkennung Cartoons und Chips auf dem Sofathron.
Einer von den "Schwachen" ist auch Jürgen Rickert. Die Uckermärkischen Bühnen Schwedt zeigen Jürgens ERSTE STUNDE in einer neuen Schule. "Okay, ihr habt fünf Minuten. In denen könnt ihr mit mir machen, was ihr wollt." Diese provokative Aufforderung landet direkt im sozialen System der 8. Mittelschulklasse. Schnell schieben sich Hände vor verschämtes Grinsen. Will der uns verarschen? Nein, Jürgen meint es ernst. Das masochistisch anmutende Angebot ist Angriff nach vorn und Ausdruck der langen Leidensgeschichte eines Mobbingopfers.
Jürgens Liste von Selbstdemütigungen nimmt kein Ende. Jürgen bietet der Klasse eine Reihe möglicher peinigender Spottnamen für ihn an. Jürgen heftet einen 50-Euroschein an die Tafel: als Begrüßungsgeld.
Die Jugendlichen werden so gezwungen, in dieser Situation Position zu beziehen. Und, wenn Jürgen den Spieß umdreht, sich mit der Rollenverteilung in den eigenen Klasse auseinanderzusetzen. "Wer ist denn bei euch das Opfer?", fragt er in die Reihen. "Eine Klasse ohne Mobbing, das ist wie ein Meer ohne Wasser. Das gibt’s nicht!" Ein Junge springt auf und zeigt kichernd auf seinen Banknachbarn. Als wolle er die Geste zurücknehmen, plumpst er dann sofort auf seinen Platz zurück. Keiner will sich hier eine Blöße geben, als Opfer oder gar Täter entlarvt werden.
Die durchgehende Provokation in ERSTE STUNDE trifft zielgenau die Stelle, an der es wehtut. Ein Stück, das sichtbar einen Prozess in Gang setzt und in das hochempfindliche System von Klassendynamiken eingreift. Gerade weil die Fiktion hier direkt Realität beeinflusst, wäre eine sensible und durchdachte theaterpädagogische Nachbereitung Pflicht. Fraglich, ob die Lehrer allein imstande sind, die ausgelösten Reaktionen und Verunsicherungen angemessen aufzufangen.

"Wenn ick ma’ tot bin" – Theater- meets Museumspädagogik


Zweiter Festivaltag, Haltestelle Deutsches Hygiene-Museum. MUSEUM–THEATER–SCHULE: das Rahmenprogramm stellt heute Methoden mit interdisziplinärem Ansatz vor. Denn "auch Wissensvermittlung im Museum ist zunehmend an emotionale Vorgänge geknüpft", zieht Kunstwissenschaftlerin Dr. Brigitte Kaiser Parallelen zwischen theatraler und musealer Kommunikation. Die Sicht von einer anderen Warte aus eröffnet einen frischen Blick auf das Vertraute und bahnt neue Wege.
So einen Perspektivwechsel kann man an diesem Nachmittag bei einer Museumsführung der anderen Art selbst erproben. Benno Plassmann hat in einem festivalbegleitenden Workshop mit einer Gruppe von Schülern die Performance MEMORIES OF EARTH (4) erarbeitet. Ausgehend von einem gleichnamigen epischen Gedicht Edwin Morgans wird die Dauerausstellung szenisch erschlossen.
Ãœberdimensionale, pinkfarbene Masken verwandeln die Besucher in alienartige Teilnehmer einer Expedition. Eine "Kommission für Kosmische Ordnung" will den Planeten Erde und die Merkmale der Menschheit untersuchen. Die Forscher-Performer beschreiben Objekte einer irdischen Dauerausstellung. Durch die schmalen Augenschlitze der Masken rückt das vorher Selbstverständliche in seltsame Ferne. Als pinkköpfiges Kommissionsmitglied kann man sich nur wundern über die Absonderlichkeiten dieser seltsamen Spezies Homo sapiens.

Um Tod und Sterben geht es in den Werken der laufenden Ausstellung SIX FEET UNDER. Museumspädagogin Christiane Hille und Stephan Hoffmann vom Theater Junge Generation haben dazu gemeinsam ein interaktives Vermittlungskonzept entwickelt. Was bedeutet Sterben? Welche Wünsche habe ich an den Tod? Welche an das Leben? Die Werkstatt will einen persönlichen Zugang zu den ausgestellten Werken moderner Kunst schaffen.
Ein Zugang, der nicht allein kognitiv hergestellt wird. In der bewussten Bewegung durch den Raum gehen die Seherfahrungen noch einmal durch den Körper hindurch. Der spielerische Umgang mit den Erinnerungen an die Exponate hilft nachzuspüren, was bewegt und was erschreckt hat. Daran schließt sich eine eigene kreative Auseinandersetzung an, die zudem andere Ausstellungsbesucher einbezieht. Aus den Ergebnissen wächst nach und nach eine Fotowand mit bekennenden, nachdenklichen, witzigen Statements. "Wenn ick ma’ tot bin, dann dreht sich die Welt trotzdem weiter."
MUSEUM–THEATER–SCHULE – wenn es durch Projekte wie dieses gelingt, beispielsweise den Blick des Biologielehrers für die Kunst zu öffnen, sind die Grenzen zwischen den Bereichen ein wenig durchlässiger geworden.

Fünf Menschen auf dem Podium – Die Frage nach dem Warum


Auf dem Podium fünf Menschen hinter Mikrophon und Wasserglas. Moderiert von ASSITEJ-Vorsitzendem Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Universität Hildesheim, fragt die Diskussion nach Produktionsbedingungen, Machart und Wirkungsweisen einiger Inszenierungen dieser drei Tage. An irgendeinem Punkt stoßen die Stückbesprechungen immer an eine grundsätzliche Frage: Warum überhaupt Klassenzimmertheater?
Seit seinen Ursprüngen in den 70er Jahren hat sich das Genre entschieden weiterentwickelt. Wie die Festivalauswahl zeigt, geht es längst nicht mehr um ein antiautoritäres "Wir-mischen-mal-den-Laden-auf". Zwischen Tafel und Bankreihen werden inzwischen gesellschaftlich relevante Themen unterschiedlichster Art verhandelt sowie neue Formen und Ästhetiken erprobt.
Jörg Hückler, Schauspieldirektor am Volkstheater Rostock, nippt an seinem Wasserglas. Trotzdem zeichne ein gutes Stück auch heute noch aus, dass es "die Kinder möglichst heiter aus dem Schulalltag herausreißt und mitnimmt in eine andere Welt". Die verstörende Situation zu Beginn sei wesentlich, weil der Ãœberraschungseffekt des Unangekündigten sofort Spannung aufbaue.

Warum machen wir Klassenzimmertheater? Ina Steinel von den Landesbühnen Sachsen trinkt einen Schluck. Für ein Theater mit dem Auftrag, "auf die Dörfer zu reisen", eigne sich diese Form schlichtweg, um dort Kinder an Theater heranzuführen. Gerade aber in kunstfernen ländlichen Gebieten, weiß Rike Reininger vom Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen zu berichten, würden innovativere Produktionen schlecht aufgenommen.
Darauf muss das Klassenzimmertheater zweifelsohne reagieren und mit dem Erfahrungshorizont seines spezifischen Publikums entsprechend umgehen. Bedeutet das jedoch zwangsläufig, "die Zugangsschwelle so niedrig wie möglich zu halten", wie Jörg Hückler vorschlägt? Ina Steinel möchte das relativieren. Letztendlich sei es aber immer ein Balanceakt, an die Erfahrungswelt der Schüler anzuknüpfen, ohne sich dabei anzubiedern oder die eigenen künstlerischen Ansprüche aufzugeben.

Inwiefern Klassenzimmertheater tatsächlich zur Akquirierung neuer Publika beiträgt, kann man nicht nachweisen. Ohnehin sollte das oft bemühte Legitimierungsargument nicht unkritisch gesehen werden. Ist es davon doch nicht mehr weit zu einer Instrumentalisierung dieser Kunstform als bloßer Werbemaßnahme. PR-Interessen dürften aber genauso wenig Anlass für die Auslagerung von Stücken sein wie der Mangel an räumlichen Kapazitäten in den Häusern.
Man ist sich einig: Die Wahl des Genres sollte immer begründet geschehen und die Inszenierung mit dem spezifischen Ort umgehen. Theater begibt sich ins Klassenzimmer, weil die besondere Wirkung und Erfahrung interessiert, die dieser Raum möglich macht.

Einvernehmen besteht auch in dem Wunsch, in den Schulen willkommen zu sein, unabhängig davon, ob die Stücke nun Probleme des Lehrplans oder der Gesundheitserziehung behandeln. Nicole Baumann vom Theater für Niedersachsen Hildesheim Hannover erzählt von den Schwierigkeiten, trotz niedriger Eintrittspreise Publikum für ihr Tanzstück zu gewinnen. "Man macht Theater eben auch immer für die Vermittler", sagt Rike Reininger. Bedauerlicherweise entschieden Lehrer allzu oft nach dem pädagogischen Gebrauchswert. Und würden mitunter gar zu "Störfaktoren", die die Spielvereinbarungen nicht akzeptierten oder die Aufführung mit "Psssst"-Ermahnungen und Fotoblitzen unterbrächen.

Warum Schauspiel im Klassenzimmer? Ãœber die thematische Auseinandersetzung hinaus eröffnet diese Form des Site-Specific-Theaters vor allem eine veränderte Wahrnehmung von Welt. Und kann so, jenseits von didaktischer Verwertbarkeit, vielleicht allmählich dazu beitragen, die Dichotomie von Pädagogik und Kunst aufzuheben.
Moderator Prof. Dr. Wolfgang Schneider nimmt einen tiefen Schluck aus seinem Wasserglas. Vielen Dank für das Gespräch.

Räume für Geschichten und Begegnung im Raum


Die öffentlichen Verkehrsmittel sind an diesen Tagen das eigentliche Festivalcafé. Hier begegnen sich Besucher und Macher, tauschen sich über Gesehenes und Bevorstehendes aus und begleiten einander beim Aufspüren des nächsten Spielorts, das zuweilen Züge einer Schnitzeljagd annimmt.
Zur 88. Grundschule in Weißig gelangt man mit dem Stadtbus Nummer 61. Wir steigen aus in einem ruhigen Vorort im Dresdner Osten. Villen, am bewaldeten Elbhang gelegen, und gepflegte Vorgärten verheißen gutes Gedeihen. Ein idyllisches Fleckchen, wo gesundes Aufwachsen noch möglich zu sein scheint. Verführerisch duftet es aus der Bäckerei an der Ecke, doch für ein nachgeholtes Frühstück bleibt keine Zeit. Denn in wenigen Minuten startet in der 88. Grundschule SPACEMAN seine Rakete.
SPACEMAN ist eigentlich ein kleiner Junge namens Bud, der erstens davon träumt, Astronaut zu werden, um zweitens dem Rest der Welt zu beweisen, dass es Außerirdische gibt. Aus Großvaters altem, flimmernden Fernseher hat einer zu ihm gesprochen: "Hol mich hier raus, Bud!" Doch wer ein echter Spaceman werden will, muss zunächst einmal sehr fleißig sein. Sieben Jahre dauern Buds Vorbereitungen auf seine große Weltraumfahrt.
Die Reise in ferne Galaxien wird erzählt von Professor Blastow, der im Klassenzimmer sein Labor errichtet hat: Da gibt es einen Stapel Schiefertafeln und zwei sprechende Kreidestückchen mit Namen Betty und Harry. Auf diese Tafeln zeichnet der erzählende Wissenschaftler Bud und seine Freundin Jane in liebevoller Strichmännchenästhetik. Alsdann verwandeln sich die Platten in Cabrio, Fernseher oder Rakete und werden zu Mitspielern. Der ganze Weltraum findet darauf Platz.
Dank Charles Ripleys großer Spielfreude und den überraschenden Einfällen erschöpft sich dieses einfache, aber effektvolle Prinzip an keiner Stelle. Die entstehenden Bilder sind von witziger Skurrilität. Da gibt es ein "Krankenhaus für von Raketenteilen getroffene Tiere", da bekommt man zu sehen, wie Bud am Rand des Universums kippelt.
Das Bemerkenswerte an dieser Kölner Produktion von Ömmes und Oimel in der Comedia aber ist: Hier wird über eine knackige Geschichtenerzählung von einem Zukunftstraum und seiner Verwirklichung die naturwissenschaftliche Neugier der Kinder geweckt. Wie alt ist das Universum? Wo ist die Welt zu Ende? Und was ist eigentlich eine DNA? Professor Blastow stellt Fragen an die Viertklässler und entwirft auch schon mal mit vielen Strichen ein Schema der Urknalltheorie. Unaufdringlich didaktisch, gibt das preisgekrönte Stück so gleichzeitig eine unterhaltsame Einführung in die Astronomie.

Das Klassenzimmer in der Weißiger Grundschule wird zum Ausgangspunkt einer Expedition in weit größere Räume. Die Phantasie kann hier das gesamte Universum heraufbeschwören. Auch JOHNNY HÃœBNER GREIFT EIN von Hartmut El Kurdi sprengt die Klassenzimmerwände. Das beliebte Stück für fünfte und sechste Klassen erscheint derzeit allerorts auf den Spielplänen. Im Festivalprogramm ist JOHNNY HÃœBNER sowohl mit der Umsetzung vom Rostocker Volkstheater als auch in der Braunschweiger Version vertreten, die der Autor selbst spielt.
Ab und zu kann es vorkommen, dass man beim Lesen eines spannenden Schmökers buchstäblich in die Geschichte hineingezogen wird und plötzlich mitten in einem lebensgefährlichen Abenteuer landet. So ergeht es Olga. Gerade noch lag sie gemütlich eingekuschelt mit ihrer Gutenachtlektüre unter der Bettdecke, als sie auf das Deck eines Piratenschiffs geschleudert wird. Dort herrschen ein rauer Ton und Kapitän Bert Braunbart, der das unliebsame Mädchen über die Planke schicken will. Zum Glück findet Olga Verbündete im Smutje Giovanni und der ewig hungrigen Schiffsratte Pelzi. Doch die gemeinsam ausgetüftelte Meuterei bringt sie in eine brenzlige Lage.
Das ist der Moment, in dem Johnny Hübner vom MGRK eingreift. Das "Mobile Geschichten-Rettungskommando" ist für die Befreiung von in Geschichten verstrickten Lesern zuständig. Um Olga zurückzuholen, bedarf es jedoch der Hilfe und Stimmkraft der Kinder. "Schlaf du kleiner Pirat, morgen gehen wir auf Kaperfahrt…", tönt es durch das Klassenzimmer. Die vorher einstudierte Schlummermelodie setzt zunächst den Piratenkapitän außer Gefecht. Mit Trampeln und lauten Rufen wird Olga schließlich aus dem Buch zurück in ihr Bett befördert. Und Smutje und Ratte landen direkt im Paradies – einem Kochbuch mit vielversprechendem Puddingrezept.
Jörg Hückler vom Volkstheater Rostock sieht in dem Stück das Potential, die Buchgeschichten wieder spannend zu machen und ins mediengeprägte Bewusstsein der Kinder zu rücken. Imagination hat hier die Kraft, eine Welt zu erschaffen, die real bedrohlich werden kann. Die doppelte Fiktion, die "Geschichte in der Geschichte in der Geschichte" fordert dabei das Abstraktionsvermögen der Kinder heraus. Sie schärft aber gleichzeitig den Sinn dafür, was eine Erzählung in ihrer Essenz ausmacht.

Beide Stücke erzählen für und mit den Kindern. JOHNNY HÃœBNER macht die Zuschauer zu Mitgestaltern der Aufführung, die das Stück schließlich einem glücklichen Ende zuführen. Sie erfahren hier die eigene Stimme als Element der Geschichte und die eigene Kraft als handlungsverändernd.
Bevor er von SPACEMAN zu erzählen beginnt, begrüßt Professor Blastow die Schüler mit Handschlag als Forscherkollegen. Später werden sie nach ihrem Wissensstand über das Alter des Universums oder ihren Ãœberzeugungen hinsichtlich der Existenz Außerirdischer befragt. Das Gesicht eines Jungen mit Strubbelfrisur dient als Zeichenvorlage für die Comicphysiognomie von Bud.
Klassenzimmerstücke bringen nicht nur Geschichten in den Alltagsraum und lassen in der Schule andere Welten entstehen. Durch Interaktion schaffen sie auch Raum für direkte Begegnung. Die Erfahrungen des selbst Miterlebten sind bekanntermaßen am prägendsten.

Hier kommt alles zusammen – Theaterspektakel in Cotta


Am Vorabend feierte man noch auf dem ASSITEJ-Empfang im "Alten Wettbüro". Am Morgen geht das Fest weiter und das Festival mit einem Stückemarathon zu Ende. Zwölf Inszenierungen verwandeln an diesem Vormittag das Gymnasium Cotta in ein Theaterhaus. Hinter jeder Klassenzimmertür Schauspiel statt Diktaten. In den Gängen ein geschäftiges Treiben. Alle Hände helfen, das Fest auszurichten. Am Eingang mimen ein paar eifrige Mädchen die Empfangsdamen. Andere verkaufen selbstgebackenen Kuchen zu 30 Cent und frischen Kaffee in Plastikbechern. In den Pausen spielt die Schulband loungigen Jazz.
Zwölf Inszenierungen und die Präsentation der parallel zum Festival entstandenen Workshopergebnisse an einem Vormittag. Das Theaterspektakel lässt das Programm Vielfalt noch einmal erlebbar werden. Und erlaubt einen Vergleich zwischen ganz unterschiedlichen Entwürfen.

In DER LETZTE PLATZ wagt Nicole Baumann einen Tanz durchs Klassenzimmer. Und den Versuch, Grundschüler an eine Kunstform heranzuführen, die doch eine erhebliche Transferleistung erfordert. Die Inszenierung vom Theater für Niedersachsen entgeht der Gefahr, die Kinder zu überfordern, indem sie stets konkret bleibt. Und die Choreographie mit einer Erzählung vom Band kombiniert.
Lina kommt neu in die Klasse. Sie fühlt sich fremd; niemand spricht mit ihr. Auch auf dem Pausenhof steht sie allein und doch wie von den Blicken der anderen umzingelt. Den Wunsch, jetzt am liebsten vom Erdboden verschluckt zu werden, übersetzt die Tänzerin in Bewegung. Sie versucht sich im Türrahmen und hinter der Tafel zu verkriechen, will den Kopf im Ranzen verstecken, das Gesicht hinter dem Pausenbrotpapier. Wenn Nina vor der Klasse eine Rechenaufgabe lösen muss, zittert und tanzt die Kreide an der Tafel mit. Aus ihrer Federmappe windet sich ein rotweißes Absperrband, mit dem ihr Platz nun zur deutlich isolierten Insel wird.
Sich wegträumend, vollführt sie einen Prinzessinnentanz auf den Tischen und kommt den Zuschauern plötzlich körperlich nahe. Die Drittklässler ducken erschrocken die Köpfe. Erst das gemeinsame Erfinden von Kicherwörtern (= komische Zusammensetzungen wie "Fischrülpser" oder "Tischkopf") bricht das Eis. Als die Kinder dabei helfen, die Absperrung einzureißen, kommt hinter Linas Maske ein strahlendes Gesicht zum Vorschein.
Spätestens mit der gelungenen Nachbereitung, welche die Schüler genussvoll die eigene Bewegung erfahren lässt, hat DER LETZTE PLATZ auch den letzten für das Tanztheater begeistert.

Wenn Tanz im Klassenzimmer funktioniert, warum soll das für andere Theaterformen nicht auch gelten? Die Junge Oper der Staatsoper Stuttgart tritt mit WESTZEITSTORY den Versuch an, eine ganze Opernaufführung in die Schule zu tragen. Ein Modelleisenbahn-Spieltisch in zusammengewürfelter Playmobilästhetik ersetzt hier aufwändige Kulissen und großes Personal. Das Orchester ist minimiert auf Schlagzeuger, Geräuschemacher, Trompeter und den unvermeidlich betrunkenen Pianospieler. Und trotzdem ist der Aufwand im Vergleich zur erzielten Wirkung immens. Oper lebt eben auch im Miniformat von großen Effekten und Ausstattungsbrimborium.
Geboten wird der x-te Aufguss einer Westernstory um Liebe und Abenteuer. Gen Westen zieht es hier David West, der die schmucke Kate Sweetwater aus den Händen der Indianer errettet. In einem Raum, der aus allen Nähten zu platzen droht, ist diese Geschichte trotz reichlicher Kalauer nicht besonders vergnüglich. Wenn die Sänger auf ihrer Flucht halsbrecherisch über vollbesetzte Tische stöckeln, stolpern und klettern, gewinnt der Zuschauer sicherlich eine Vorstellung von ihrem Heldenmut. Ob potentielle Nachwuchsoperngänger diese Erfahrung wiederholen möchten, bleibt fraglich.
WESTZEITSTORY ist ein Experiment, das vor allem die Notwendigkeit zeigt, mit dem bespielten Raum Klassenzimmer auch umzugehen. Wenn das Ergebnis keinen Mehrwert erbringt, muss man nicht um jeden Preis die Theaterhäuser verlassen. Es gibt Formate, die sprengen den begrenzten Rahmen und sind wohl besser auf einer Bühne aufgehoben.

Ein drittes Experiment gibt es gleich in zwei Varianten: WENN JÃœRGEN KOMMT in einer Koproduktion vom Puppentheater des Theater Junge Generation und dem Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen.
Wovon träumt der Besen? Was ist das Lieblingsessen der Kreide? Und warum wäre die vertrocknete Zimmerpflanze lieber ein Auto geworden? Objekttheater im Klassenzimmer erweckt vertraute Alltagsgegenstände zu einem Eigenleben.
Wenn Jürgen kommt, wird das Klassenzimmer Schauplatz einer Kriminalgeschichte. Mordopfer: das Handtuch; die Leiche wurde neben dem Papierkorb aufgefunden. Mit Hilfe von Co-Kommissar Menzel, einer sprechenden Leiter, untersucht Jürgen den Fall. War es der Polylux, die Kreide, das Handtuch? Was weiß der Papierkorb? Mit Abhörzangen vernimmt Jürgen fünf höchst verdächtige Stühle.
Deren Aussagen bleiben unverständlich. Die nur akustisch animierten Objekte antworten nicht, werden nicht wie sonst im Figurentheater zu lebendigen Spielpartnern. Die geniale Ausgangsidee des Stücks, die Dinge der alltäglichen Umgebung aus ihrer sonstigen funktionalen Zuschreibung zu lösen, verpufft im sichtbaren Ringen um die Beherrschung der Geräte.
Trotz technischer Pannen decken Jürgens Ermittlungen den Fall schließlich auf: Ein ganzes Komplott steht hinter einer Serie von Verbrechen, der jüngst auch Handfeger und Schwamm zum Opfer fielen. Die Schreiber haben sich gegen die Reiniger zusammengetan, von denen sie nicht länger weggewischt und ausgelöscht werden wollen. Jürgen fordert die Auslieferung aller Schreibgeräte des Klassenzimmers. Bleistifte, Füller und Kulis fliegen durch den Raum, landen in einem bunten Haufen auf dem Lehrertisch.

Im Cotta-Gymnasium ist es inzwischen Mittag geworden. Allmählich leeren sich die Gänge. Schüler wie Theaterleute packen zusammen und treten den Heimweg an. Eine liegengelassene Jacke sucht noch ihren Besitzer. Nach drei intensiven Tagen ist das Fest vorüber. Spuren hat es zweifelsohne nicht nur an wild bekritzelten Tafeln hinterlassen.
An der Haltestelle Dresden Altcotta steige ich in die Straßenbahnlinie 12. Der Singsang der Stationenansage ist inzwischen vertraut. Wie eben noch die Stifte auf dem Lehrerpult, stapeln sich nun im Kopf die Bilder und Eindrücke der letzten drei Tage zu einem bunten Mosaik.
Nächster Halt: Hauptbahnhof. Hier ist die Straßenbahnfahrt zu Ende. Bleibt nur zu hoffen, dass sie in zwei Jahren weitergeht.