Wichtiger als ein Theaterlehrer?

Die merkwürdigen Auslassungen eines Kultusministers
 
ein Kommentar
 
 
Aufreibend wird in letzter Zeit um das Thema "Theater und Schule" und die damit verbundenen Möglichkeiten der ästhetischen und kulturellen Bildung debattiert. Auch am Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt geht dies nicht vorbei. Am 30. Mai 2007 festigte Kultusminister Prof. Jan-Hendrik Olbertz seine Vorstellungen auf der Theaterkonferenz "Theater und Horizonte" in Dessau.
 
Auf die Gefahr hin, eine "deutsche Diskussion [zu] führen", wehrt der Minister die Forderung nach einem Kulturgesetz für Schulen ab. Probleme dürfe man nicht "nur zu lösen glauben durch neue Pflichten und Vorschriften, und durch Ge- und Verbote". Denn "wenn es nämlich nicht gelingt, die kulturelle Bildung als übergreifende universelle Aufgabe zu kommunizieren", dann helfe auch keine gesetzliche Vorgabe mehr, schließlich sei "das eine Frage der Lehrerbildung". Kultur müsse als freiwilliger Mehrwert erkannt werden, "ich möchte, dass die Lehrerinnen und Lehrer und die Schüler freiwillig" Kultur konsumieren.
 
Abseits, Herr Kultusminister! Wir führen die Diskussion "Kultur als Staatsziel" im Grundgesetz zu verankern, ermöglichen es aber nicht, Kindern Theaterunterricht zu gewährleisten? Kommen Sie mir nicht mit dem Freizeitargument. Kultur und die dadurch erlangte unersetzbare ästhetische Bildung darf man nicht dem Zufall, Einzelinteressen oder der finanziellen Abhängigkeit engagierter Eltern überlassen. Kulturelle Bildung ist nicht als Pausenfüller gedacht, sondern integrales Element von Allgemeinbildung, die jedem zugänglich gemacht werden muss.
 
Diese "kulturelle[n] Bedürfnisse" entstünden "erst auf der Basis [von] Kulturtechniken: Lesen, Schreiben, Rechnen und menschlich miteinander umgehen". Dieses Wissen müsse gefestigt werden, bevor man darauf aufbauen kann. "Das Problem ist, die Fächer sind total überlastet und überfrachtet mit Stoff". Nun sei es möglich, die Lehrpläne umzustellen und luftiger zu gestalten, um "quer zu allen Fächern kulturelle Bedürfnisse einzuholen und dort dann auch die Verbindung zum Theater und zu den übrigen Sparten zu knüpfen". Schließlich könne man "einfach gar nicht lauter zusätzliche Fächer einführen". Solche "Forderungen, die sehr populär sind", müssten gut überlegt sein. Man solle sich "universell und fachübergreifend stärker als bisher auch der kulturellen Bildung widmen können". Demnach stelle sich die Frage "auf Kosten welchen anderen Unterrichtsfachs" Theater in den Lehrplan integriert werden sollte. "Ulla Schmidt [fordert] ein Unterrichtsfach Ernährung, der Verkehrsminister Tiefensee möchte ein Unterrichtsfach Verkehrserziehung und es gibt auch noch Umwelt".
 
Herr Kultusminister: auch die Gelbe Karte ist Ihnen sicher! Bevor Sie wahllos neue Unterrichtsfächer erfinden, halten Sie sich erstmal an bereits existente. Die Forderung nach Theater in Form eines Schulfachs ist keineswegs eine Modeerscheinung. "Darstellendes Spiel" hat sich seit über dreißig Jahren in Hamburg als reguläres Schulfach bewährt. Schließlich hat die Kultusministerkonferenz bereits 2006 die Einführung der Abiturprüfungsmöglichkeit im Fach Darstellendes Spiel in allen Bundesländern bis 2010 beschlossen. Wie es sich in sieben deutschen Bundesländern bereits erwiesen hat, kann Darstellendes Spiel günstig in den Stundenplan integriert werden. Anstatt wie bisher nur die Auswahl zwischen den Fächern Musik und Kunst anzubieten, kommt nun eine weitere Wahlmöglichkeit hinzu. Erste Schulbücher sind bereits auf dem Markt. Nun fehlen nur noch die Lehrangebote.
 
Die Forderung nach Theater als Schulfach "ist so wohlfeil", wobei Hamburg "das aller-, aller-, allerschlechteste" Beispiel sei. Dort würde "bis vor wenigen Jahren das Abiturfach Deutsch durch darstellerisches Bühnenspiel" ersetzt. "Wesentliche Elemente einer allgemeinen Hochschulreife" haben somit abgewählt werden können. "Mit dem Ergebnis, dass Hamburg bei den Pisa-Studien nicht mal mehr mit ausgezählt werden konnte, also nicht nur ganz hinten lag, sondern angesichts der extrem geringen Teilnahmequote unterstatistisch wurde". Natürlich könne auf diese Weise "eine Stundentafel" zusammengebaut werden, aber dabei werde "eines vergessen: Dass nämlich kulturelle Bedürfnisse bei Kindern kumulativ aufwachsen auf das Erlernen der elementaren Kulturtechnik". Und "das ist für mich wichtiger als ein Fach Theater oder ein Theaterlehrer". Die "kulturelle Bildung liegt mir so am Herzen, dass ich denke, wir müssen auch pragmatische Vorschläge erörtern"!
 
Rote Karte, Herr Kultusminister: Den Ausdruck "darstellerisches Bühnenspiel" haben Sie wohl selbst erdacht. Ebenso die wirren Fakten, mit denen Sie Hamburgs Versagen zu beweisen glauben. Ich frage Sie, weshalb Schulen, die Darstellendes Spiel unterrichten, angeblich bei der PISA- Studie ungenügend abschneiden? Was heißt denn Messbarkeit im Bereich der kulturellen Bildung? Wie kann man dieselben Maßstäbe auf Darstellendes Spiel anwenden wie auch auf Mathematik? Die durch Darstellendes Spiel erworbenen Schlüsselqualifikationen wie der handlungsorientierte Erwerb von Sachkompetenz und emotionale Intelligenz werden bei PISA gar nicht abgefragt. Vielmehr wurde die Aufmerksamkeit auf die drei von Ihnen genannten Basisfächer gelenkt, sodass kaum noch Ressourcen für andere Kompetenzfelder übrig bleiben. Hier wird sich ausschließlich auf überprüfbare formale Bildungsinhalte beschränkt.
 
Um dies zu ändern und damit auch der letzte deutsche Kultusminister aufgeklärt werden kann, ist eine PISA- Studie für kulturelle Schulfächer, wie sie die Enquete- Kommission "Kultur in Deutschland" fordert, angebracht!