Leid und Leidenschaft beim Bundestreffen Jugendclubs an Theatern

Anmerkungen einer Jungjurorin

Einmal reiste ich vier Stunden für ein Wochenende nach Krefeld um dort 16 Stunden mit acht weiteren Personen in einem kleinen Raum zu arbeiten und in einem noch kleineren Raum auf einer durchgelegenen Matratze zuwenig zu schlafen. Zu Hause in Hildesheim war es nicht etwa langweilig geworden, im Gegenteil dort häufte sich die Arbeit nur so an und es war fraglich, wie ich sie bis zum Semesterende nur annähernd bewältigen sollte. Es gab also genug zu tun und trotzdem war ich in Krefeld. Und trotzdem gab es kein Geld für dieses Wochenende. Und trotzdem war es Arbeit. Und trotzdem tat ich es freiwillig.

Aber dieses Wochenende war nur der Anfang. In den folgenden drei Monaten hieß es immer wieder quer durch Deutschland reisen, in kleinen Hotelzimmern übernachten, Gespräche führen und Auswertungen machen. Am Ende gab es wieder ein Wochenende in Krefeld. Diesmal mit 20 Stunden Arbeit, der selben durchgelegenen Matratze und noch weniger Schlaf. Viel Zeit. Viel Arbeit. Und trotzdem freiwillig.

Warum? Für wen oder was tut man so was? Was lässt mich und acht andere ihre freie bzw. noch nicht mal freie Zeit darauf verwenden ohne direkten Gegenwert?

Es ist das Theater.

Genauer das Bundestreffen Jugendclubs an Theatern. Es ist wohl Lob und Leid gleichermaßen, wenn das Theater Menschen aus reiner Freude an der Sache mit ihren fachlichen Kompetenzen an sich binden kann.

Das Bundestreffen Jugendclubs an Theatern fand in Krefeld zum 19. mal statt. Im jährlichen Turnus präsentiert das bundesweite Festival jeweils in einer anderen Stadt die Jugendclubarbeit an den deutschen Theatern. Veranstalter des Festivals ist der Bundesverband Theaterpädagogik e.V. (BUT) und das jeweilige ausrichtende Theater. Die neunköpfige Jury handelt weitgehend unabhängig und bezieht ihre Mitglieder eigenmächtig aus der Kinder- und Jugendtheaterszene. Sie ist zuständig für die Sichtung und Auswahl der Stücke, sie steht aber auch im engen Kontakt mit dem ausrichtenden Theater (ein Mitarbeiter des Theaters ist verpflichtend Jurymitglied) und bespricht und beschließt das Workshopangebot, die Räumlichkeiten, das Essen, die Unterbringung, die Werbung und die Finanzierung. Da das ausrichtende Theater jedes Jahr wechselt, ist die Jury das einzige kontinuierliche und somit erfahrene Organ des Festivals. Es ist also nicht übertrieben zu sagen: die Jury ist das Festival bzw. das Festival ist die Jury.

Ein Festival auf 18 wackeligen Jurorenbeinen.

Wenn sich der Stellenwert und die Qualität des Festivals an der Wertschätzung oder schlicht der Entlohnung dieser Arbeit messen würde, wäre es schlecht bestellt um das Jugendclubtreffen. Aber es wohnt dem Theater inne, dass es gerade aus dem Nichts das Größte entstehen lassen kann. Und so ist es auch mit dem Bundestreffen Jugendclubs an Theatern. Gerade die ehrenamtliche Arbeit der Jury spricht für ihren ungebrochenen Idealismus und lässt das Festival zu einem anspruchsvollen als auch ausgefallenen Ereignis werden.

Aber woraus nährt sich dieser Idealismus? Bzw. die Frage vom Anfang bleibt: Warum? Wofür tut man das? Ich könnte sagen, ich war jung und brauchte kein Geld. Beides stimmt nicht wirklich, aber es ist wohl das Phänomen Praktikum dem ich als Jungjurorin unterlag. Erfahrungen machen ist unbezahlbar, also wieso Geld dafür bekommen wollen. Nein, tatsächlich war es eine großartige und bereichernde Arbeit gewesen. In zwei Jahren der Jurytätigkeit konnte ich einen umfassenden Einblick in die aktuelle Jugendclubarbeit bekommen und in Zusammenarbeit mit erfahrenen Kollegen ein Festival zu organisieren lernen.

Was aber rechtfertigt die Selbstausbeutung der anderen Jurymitglieder? Was bringt zum Beispiel eine Tina Jücker, Mitglied des freien Kindertheaters Marabu, dazu, mögliche Aufführungstermine durch unbezahlte Juryarbeit zu ersetzen? Der Glaube an die Sache. Die Gewissheit, dass ihre Arbeit die Qualität des Festivals sichert. Die Hoffnung, dass dieses Festival wahrgenommen wird. Und letztendlich, ähnlich wie bei mir, der Spaß und die Erfahrung, die ihr diese Arbeit bringen. Doch zu aller erst die feste Ãœberzeugung, dass solch ein Festival notwendig ist.

Passion und Profession

Das Bundestreffen Jugendclubs an Theatern ist das einzige bundesweite Festival, welches sich gezielt der Arbeit von Jugendclubs (an deutschen Theatern) widmet. "Die Arbeit der Jugendclubs ist die bewusste Auseinandersetzung der Jugendlichen mit der Kunstform Theater: eines Theaters, das mit der Wirklichkeit genauso wie mit Sehnsüchten, Utopien und Illusionen zu tun hat, eines Theaters, das Ausdruck und Einmischung ist. Es möchte die Vielfalt und Bandbreite der Arbeitsweisen von Jugendclubs an deutschen Theatern sichtbar machen, ästhetische und inhaltliche Anstöße geben und mit neuen Theaterformen konfrontieren. Zudem soll es den Austausch von Spielerinnen und Spielern, Spielleiterinnen und Spielleitern fördern sowie eine lustvolle und kompetente Auseinandersetzung von Jugendlichen mit dem Theater unterstützen.", heißt es in der diesjährigen Ausschreibung des Festivals in 2009.

Es mag einige Festivals geben, die sich dem Theater mit Jugendlichen widmen. Jedoch ist die Teilnahme auf Länderebene nur selten beschränkt und häufig liegt der Fokus auf dem Schülertheater. So auch beim Berliner Theatertreffen der Jugend. Die Arbeit in Jugendclubs (auch von freien Theatern) ist vor allem Theaterarbeit unter professionellen Bedingungen und somit benötigt diese Arbeit auch ein professionelles Festival. Jugendtheater ist nicht nur Theater mit Jugendlichen, sondern es ist in erster Linie Theater. Und nicht selten sehr kunstvolles Theater. Es kämpft nur zu oft in jeder Stadt aufs Neue um Aufmerksamkeit und Anerkennung. Das Jugendclubtreffen nimmt sich dieser Schieflage an und holt das Theater mit und von Jugendlichen aus seinem Nischendasein und macht es sowohl zugänglich für eine breite Öffentlichkeit, genauso wie es die Begegnung mit Gleichgesinnten ermöglicht. Denn das Bundestreffen Jugendclubs an Theatern ist nicht nur ein Festival der Präsentation, sondern auch der Rezeption und Diskussion. Das Treffen ist weder als Nabelschau noch als Kurzurlaub zu verstehen, sondern als intensive, vielfältige und vor allem bundesweite Auseinandersetzung der Jugendlichen mit Theater. Schließlich sind nicht nur die eingeladenen Produktionen anwesend, sondern jeweils zwei Delegierte von jeder Gruppe, die sich beworben hat.

Der Bund kann Zeichen setzen.

Ein bundesweites professionelles Theaterfestival für Theater mit Jugendlichen ist also eine Wertschätzung dieser Theaterform. Es ist und muss aber auch die Wertschätzung der Theaterarbeit sein. Es werden demnach nicht nur professionelle, herausragende Endprodukte gesucht, genauso wenig wie es in der Arbeit nur auf produktorientierte Qualifizierung von talentierten Jugendlichen geht. Theaterarbeit, so sagt man und habe ich selbst erfahren, ist Arbeit an sich selbst. Es ist eine wertvolle und unentbehrliche Schule des Lebens. Diese Bildung aber hängt von der kulturellen Infrastruktur der Länder und Kommunen ab. Wie viele und wie gute theaterpädagogische Angebote den Kindern und Jugendlichen zuteil werden, ist oft abhängig vom Engagement einzelner Künstler. Das Bundestreffen Jugendclubs an Theatern ist eine Möglichkeit des Bundes diese Arbeit zu honorieren und dem Theater von und mit Jugendlichen seine Bedeutung zumindest ideell beizumessen. Dieses Festival ist trotz seiner Professionalität keine Talentschmiede oder Castingshow für ein späteres Berufsleben. Mit diesem Festival erweitert der Bund die Möglichkeiten ganz persönlich bereichernde Theater- bzw. Lebenserfahrungen zumachen. Zwar sichert der finanzielle Zuschuss des Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das Bestehen des Festivals nur geringfügig, doch die Schirmherrschaft der Bundesministerin Ursula von der Leyen verhilft dem Festival zu seinem überregionalen Ansehen.

Ein Jugendfestival mit Zukunftsangst

Es ist fraglich ob das reicht. Müsste nicht das Bestehen eines solch wichtigen und bundesweit einzigartigen Festivals gesichert sein? Bei einem Eigenanteil von 10.000 Euro des jeweils ausrichtenden Theaters ist es fraglich, ob sich bei diesen Krisenzeiten nächstes Jahr noch ein Veranstalter finden lässt. Erst recht wenn das Theater allein das Risiko von finanziellen Ausfällen trägt. Um nicht abermals zu sprechen von der ehrenamtlichen Jury ohne die es keine kontinuierliche Basis für das gesamte Festival gäbe. Es ist nicht nur bedauerlich sondern beängstigend, wenn ein Festival von solcher bundesweiter Bedeutung auf so unsicheren Füßen steht.

Auch um das Ansehen des Festivals müsste man sich Sorgen machen. Oder zumindest um seinen Bekanntheitsgrad. Denn bei über 100 Jugendclubs Deutschland weit bewerben sich meist nur um die 40 Gruppen. Tendenz mehr absteigend als aufsteigend. Beim jahrelangen Fehlen einer Internetpräsenz dieses Festivals kein Wunder. Dabei benötigt gerade dieses Festival eine informative, übersichtliche und vor allem aktuelle Internetseite. Sie kann Informationen das ganze Jahr über zugänglich machen und bietet vor allem den Adressaten des Festivals selbst, den Jugendlichen eine zeitgemäße und direkte Kontaktmöglichkeit. Es mag sein, dass das Fehlen einer Internetseite eine Lappalie darstellt, hier steht es aber für das grundsätzliche Problem des Jugendclubtreffens. Ständig wechselnde Veranstaltungsorte machen das Festival zwar zu einem besonderen eben bundesweiten Ereignis, doch fehlt so die kontinuierliche Basis. Unter diesen Umständen ist eine besonders gute Internetpräsenz wichtig und genau wegen dieser Umstände gibt es keine.

Im Spiegel der kritischen Öffentlichkeit?

Aber mit Ansehen ist nicht nur der Bekanntheitsgrad unter den Theaterschaffenden gemeint. Dieses Festival soll laut Ausschreibungstext auch ein "Forum sein, um die Jugendclubarbeit im Spiegel einer kritischen Öffentlichkeit zu reflektieren." Einer Öffentlichkeit, die sich nur selten angesprochen fühlt. Denn das Treffen richtet sich mit seiner Ausschreibung und seinem Programm viel zu sehr an die Theatermacher als an ein Publikum. Und der ständige Ortswechsel erschwert die Erschließung einer regionalen Zuschauergruppe. Trotzdem sollte es Ziel sein, das Bundestreffen als Möglichkeit zu nutzen, das Theater mit jungen Menschen in den öffentlichen Raum und den Alltag der Veranstaltungsorte zu tragen und so für eine Teilhabe von sonst davon fernen Menschen zu sorgen.

Hierfür, möchte man meinen, ist nur das ausrichtende Theater zuständig, doch letztlich ist es auch die Bedeutung und Aufmerksamkeit die dem Treffen von Presse und Politik zugesprochen wird. Dieses Festival braucht starke und laute Fürsprecher, nicht nur um es zu erhalten, sondern um es zu bewerben. Und hier reicht eine Schirmherrschaft vielleicht nicht aus, sondern es benötigt physische und tatkräftige Präsenz der Prominenz.

Vielleicht wäre das der Anfang für die wichtige Unterstützung der alleingelassenen Jury.

Noch ist alles beim alten. Noch reisen auch dieses Jahr neun Menschen unbezahlt und trotzdem freiwillig quer durch Deutschland um später in nächtelangen Sitzungen die Auswahl, die Workshops, die Unterkünfte und das Essen zu beschließen. Dieses Jahr zum 20ten mal. Denn das Bundestreffen Jugendclubs an Theatern feiert im Mai 2009 in Dresden Jubiläum. Die wackeligen 18 Jurorenbeine haben es bis hierher getragen, doch es sollte sich einiges tun, damit es mit Sicherheit ein weiteres Jubiläum feiern darf.