Kinder brauchen Theater! Brauchen Kinder Theater?

Sieben Fragen an den Hildesheimer Kulturwissenschaftler Professor Dr. Wolfgang Schneider

www.burghof.com

1) Warum soll ausgerechnet das Theatererlebnis so wichtig sein für Kinder?
Wichtig für Kinder ist, dass sie geliebt und gefordert werden, dass sie die Möglichkeit haben, sich bilden zu können, dass sie gesunde Nahrung erhalten. Das alles kann auch das Theater bieten. Und gutes Kindertheater ist auch ein Lebensmittel. Die frühe kulturelle Teilhabe hilft bei der Weltaneignung.

2) Die ASSITEJ* fordert, dass jedes Kind zweimal im Jahr die Möglichkeit haben muss, ins Theater zu gehen. Und wie soll dieses Ziel erreicht werden?
Ganz klar: Durch mehr Kindertheater! In Schweden ist das Gesetz, in Dänemark in der Kommunalpolitik verankert, in den Niederlanden gibt es sogar das Unterrichtsfach "Kulturelle Bildung", in Großbritannien "Theatre in Education" und in Italien ist Theater Teil der frühkindlichen Erziehung. Alle Theater und Kultureinrichtungen sollten 25 % ihrer künstlerischen Produktion für ein junges Publikum anbieten. In diese Richtung gehen auch die Handlungsempfehlungen der Enquête-Kommission "Kultur in Deutschland" des Deutschen Bundestags.

3) Welche Voraussetzungen muss ein Theater erfüllen, um ordentliches Mitglied der ASSITEJ zu werden?
Theater dürfen nicht nur zur Weihnachtszeit die roten Bäckchen und glänzenden Äuglein der Kleinen entdecken, sie müssen ganzjährig ein professionelles Angebot in den darstellenden Künsten ermöglichen! Mehr als 150 Mitglieder bieten derzeit von Flensburg bis Konstanz, von Bedburg-Hau bis Dresden Tanztheater, Puppentheater, Kinderoper, Jugendclubs und Schauspiele für Windelpakete oder Pubertierende, für Menschen, die jung an Jahren oder jung im Geiste sind.

4) Gibt es Tipps für Eltern, Erzieher und Lehrer, die geeignete Theatervorstellungen für ihr/e Kind/er aussuchen?
Mein Tipp: Nicht so viel suchen, vielmehr hingehen – wann immer es geht! Kinder sind Vielfraße und allzu viel "Ausgesuche" birgt die Gefahr, Theater zu funktionalisieren. Ein guter Magen verträgt reichlich Kost. Und bei etwa zwölf Kindertheaterbesuche im Jahr können die Rezipienten früher oder später die Spreu vom Weizen trennen. Also ab nach Basel ins Vorstadt-Theater, ab nach Freiburg ins Theater im Marienbad, ab nach Straßburg ins Theater Jeune Public – und natürlich das komplette Abo im Burghof.

5) Die Puppentheater Halle oder Meiningen, Theatermacher wie Peter Müller oder Stefan Wey sind international renommiert und werden auch von der ASSITEJ immer wieder ausgezeichnet. Was macht ihre herausragende Qualität aus?
Zunächst und zu aller erst geht’s denen um die Kunst. Sie verstehen ihr Handwerk des Schau- und Puppenspiels, sie haben was zu erzählen und sie wissen das mit den Mitteln des Theaters zu inszenieren. Ihre Bühne ist eine Schule des Sehens, sie setzen auf existentielle Geschichten und ästhetische Erfahrung. Selbstverständlich nehmen sie Kinder ernst, selbstverständlich wollen sie unterhalten, selbstverständlich sind sie immer noch neugierig auf ihr Publikum.

6) Gibt es auch schlechtes Theater für Kinder?
Oh, ja! Schrecklich, diese Pseudo-Kinderfreunde, diese TV-Kopisten, diese Themen-Truppen: Billig, bunt und beifallheischend. Theater als Gewaltprophylaxe, Theater als siebte Unterrichtsstunde, Theater als Suchtaufklärung. Dabei braucht Theater nur Theater zu sein: "Die Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagen, und jedermann erwartet sich ein Fest".

7) Welche Kindertheaterproduktionen haben Sie am meisten beeindruckt?
Das alles aufzulisten würde den Rahmen des "Burghof-Magazins" sprengen. Aber erinnern will ich mich gerne an Volker Ludwigs "Linie 1" am Berliner Grips Theater, an Rudolf Herfurtners "Geheime Freunde" an der Schauburg in München, an Friedrich Karl Waechters "Teufel mit den drei goldenen Haaren", erzählt von Verena Reichardt, an "Die Versammlung um die Braut" vom Theater Wederzijds aus Amsterdam, an "Lauras Landschaft" vom Speeltheater der Eva Bal in Gent, an Roberto Frabettis Theater für die Allerkleinsten, an Suzanne Ostens "Das Mädchen, Mama und der Müll" am Unga Klara in Stockholm usw. usw. usw.




Professor Dr. Wolfgang Schneider ist Direktor des Instituts für Kulturpolitik, Dekan des Fachbereichs Kulturwissenschaften und ästhetische Kommunikation sowie Mitglied im Stiftungsrat der Universität Hildesheim, war Sachverständiges Mitglied der Enquête-Kommission "Kultur in Deutschland" des Deutschen Bundestags, ist Vorsitzender der ASSITEJ Deutschland und Präsident der Internationalen Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche.

 

Birgit Degenhardt ist im Burghof neben der Leitung der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit auch für die Spielburg – professionelles Theater für Kinder und die Kinderbuchmesse Lörracher LeseLust – verantwortlich und wurde dafür 2007 von der ASSITEJ mit dem Veranstalterpreis ausgezeichnet.

 

* ASSITEJ heißt ausgeschrieben ASSociation International du Théâtre pour l’Enfance et la Jeunesse – und bedeutet auf Deutsch "Internationale Vereinigung für das Theater für Kinder und Jugendliche". Die ASSITEJ hat nationale Sektionen in 85 Ländern auf allen fünf Kontinenten. Die deutsche Sektion wurde 1966 gegründet.
Mehr Infos international www.assitej.org und zur deutschen Sektion www.assitej.de oder zum Kinder- und Jugendtheaterzentrum in Frankfurt am Main www.kjtz.de