"Laura, das Theatertreffen der Jugend ist müde!"

Bereits zum 30. Mal fand vom 22. - 30. Mai 2009 in Berlin das Theatertreffen der Jugend (TTJ) statt. Die Teilnehmer werden durch einen Bundeswettbewerb ermittelt, der im Auftrag des Bildungsministeriums für Bildung und Forschung durchgeführt wird. Die Redakteurin der Festivalzeitung, Laura Naumann, und Carolin Gerlach, Teilnehmerin der Fachtagung des TTJ, mailten sich im Wechsel.

Am Freitag, den 22.5.2009 um 23.12 Uhr schrieb carolingerlach:

Hallo Laura!

Jeder Anfang beginnt mit einem Ende - Wie Juryvorsitzender Martin Frank (Leiter der Theaterpädagogik am Theater Basel) heute während der Eröffnungsfeier erklärt, liegt der Wettbewerb ab sofort hinter uns und das Festival kann jetzt beginnen. Wertigkeiten spielen nun keine Rolle mehr, und das anwesende Bildungsministerium kann die erste der acht eingeladenen Produktionen ("Peanuts" vom Jugendclub des Hans Otto Theaters in Potsdam) - denen das TTJ laut Bundesministerium "Grundstein für spätere Theaterpersönlichkeiten" ist - bestaunen. Leider überschätzt Annette Schavans Vertreter seine Funktion und die der Berliner Festspiele, dem Veranstalter des TTJ, wie man an seiner Wortwahl erkennen kann. "Grundstein" der persönlichkeitsbildenden Theaterarbeit legen SpielleiterInnen, TheaterpädagogInnen und LehrerInnen. Das TTJ bündelt lediglich eine minimale Auswahl dieser und gibt ihnen die Möglichkeit, in Austausch miteinander zu treten, Netzwerke zu bilden, Gleichgesinnte kennenzulernen und andere "beispielhafte" - wie die Jury immer betont - Inszenierungen mit/von/für Jugendliche(n) zu sehen.

Martin Frank verwirrt, wie jedes Jahr in seiner Eröffnungsrede, schon wieder alle, indem er Absurdes vor Publikum äußert und es auch noch ernst meint. In diesem Jahr hat es ihm der Begriff "Autoritäten" angetan. Wer Theater spielt, muss sich auch voll und ganz darauf einlassen, persönliches Interesse hinten anstellen und für die Weisungsbefugnis des Regisseurs offen sein. "Jugendliche Theatermacher haben das Recht, Autoritäten" – mitunter auch sich selbst als solche - zu definieren. In diesem Sinne erkennt er sich selbst als vom Jugendlichen bestimmte Autorität an und moderiert den gesamten Eröffnungsabend durch, anstatt hier schon Jugendliche selbst walten lassen. Sein "erwachsenes" Wort wird er in den folgenden acht Tagen weiterhin patriarchalisch an die Jugend erheben. Warum muss eine eigentlich feierliche Eröffnungsveranstaltung eine derart langweilige Angelegenheit sein, auf der Männer Reden halten und jede Theatergruppe kurze 60 Sekunden die Bühne betritt, um sich vorzustellen? Wo bleibt die theatrale Kreativität bei einer solchen Konvention? Wieso dürfen all die Folgeabende bunt und jugendlich sein, dieser aber nicht? Wo bleibt eine angemessene jugendliche Begrüßung? Trocken und erwachsen entlässt mich dieser selbsternannte "Prolog" in die Potsdamer Vorstellung. Der gesamte Abend wirft bei mir die Frage auf: Warum muss theaterpädagogisches Theater immer über Sprache funktionieren? Es ist eintönig und als Stilmittel bald aufgebraucht. Mein Wunsch an jugendliches Theater allgemein: Ein bisschen weniger literarische Figuren und lineare verbal vorangetriebene Handlungsstränge und ein bisschen mehr Postdramatik.

Gar nicht gespannt, eher ein bisschen erschrocken, gehe ich an diesem Abend einfach gleich ins Bett. Gute Nacht, Laura.

 

Am Samstag, den 23.5.2009 um 22.54 Uhr schrieb lauranaumann:

Liebe Caro! Sieh an!

Eröffnungsveranstaltungen werden zu Feinden gemacht. Warum, frage ich mich nach jeder Eröffnungsveranstaltung, die ich im Rahmen von Literatur- und Theaterfestivals besucht habe, ganz besorgt. Martin Frank. Es ist immer sein großer Auftritt, oder? Danach sagt er zwar kaum mehr etwas, kommuniziert aber als Scharfrichter des Festivals über Kopfschütteln und Nicken. Er mischt sich wenig unters Volk, erhebt ab und an patriarchalisch seine Stimme an die Kinder, wie du so schön sagst. Aber diese Rede am Eröffnungsabend muss knallen. Lass uns mal diese Instanz Juryvorsitzender beobachten über die Tage. Und gucken, wie sich das mit seinen Autoritäten in den Stücken und im Festivalleben zeigt.

Worum geht’s denn bei so einer Eröffnungsveranstaltung? Wohl in erster Linie darum, dass die, die es möglich machen, sich zeigen. Schließlich geben sie zum Beispiel Geld, bewilligen Förderung oder wählen als Jury Produktionen aus. Auch sie wollen ihre Ideen, ihre Ãœberzeugungen und ihre Freude darüber ausdrücken. Es geht um Bitte und Danke und Schön, dass ihr uns dieses Festival schenkt. Klar wäre eine Party besser. Das TTJ könnte mehr Jugend zeigen, mehr Theater und insgesamt einfach ein bisschen bunter und lustiger sein. Aber ohne das Bundesministerium für Bildung und Forschung gäbe es wahrscheinlich kein solches Festival und da muss natürlich gedankt und geredet und so weiter werden. Läuft das nicht immer so? Und wurden eigentlich die Sponsoren einzeln aufgezählt?

Es ist jetzt 22 Uhr irgendwas und ich schreibe dir aus der Redaktion. Ein paar meiner Kollegen sind auch noch da. Interessanterweise ist das Gesprächsthema nicht das "Bürgen Schafft! Ein Stück Schiller" von der Theatergruppe Ludwigsgymnasium Straubing, sondern ein Leserbrief, der heute bei uns ankam. Eine Spielerin beschwert sich darin, dass Müller einer der Sponsoren des TTJ ist und der sei ja bekanntlich die größte Sau überhaupt. Genfood UND Nazi. Um ehrlich zu sein, ich wusste das beides nicht, aber mir ist dann auch mein Joghurt mit der Ecke im Hals stecken geblieben. Wie verhält man sich dazu? Vor allem als Zeitung? Es ist klar, dass wir den Brief in irgendeiner Weise abdrucken werden, aber wie kommentieren? Ich zum Beispiel bin gegen Genfood und gegen Nazis. Aber ich bin froh, dass ich auf dem TTJ immer so gut zu essen bekomme. Wenn ich jetzt gegen Müller als Sponsor hetze, denunziere ich dann das Festival? Ist es allgemein bekannt, was Müller so macht und wenn man so was weiß, sollte man sich nicht von "so jemandem" sponsern lassen? Oder ist das Wurst (bzw. Milch)?

Ich mach jetzt den Computer aus. Seh’ dich gleich am Fassbrause-Tisch!

Am Sonntag, den 24.5.2009 um 22.37 Uhr schrieb carolingerlach:

Liebe Laura!

Herzlichen Glückwunsch. Wir dürfen an einem besonderen Jubiläum teilnehmen. Das TTJ wird 30 und bestätigt damit: Theater ist den einen Jugendlichen nach wie vor ein inneres Verlangen. Andere hingegen finden laut Martin Frank: "Sorry, ich geh nicht ins Theater, die Benutzeroberfläche ist mir nicht griffig genug." Am besten kann man dem entgegenwirken, indem man selbst einfach mal ausprobiert, wie man das Interface der eigenen Zielgruppe (sich selbst) anpassen kann. Also: Einfach Theater machen, das kann jeder!

Dass man damit dann auch ernst genommen wird, dafür stand bisher die Leiterin der Jugendfestspiele Barbara Pohle. Bevor sie jedoch die Leitung ab 2010 an Dr. Christina Schulz abgibt, wird sie ihren jugendlichen Gästen in der Wabe "ihren Respekt und ihr persönliches Interesse", wie Martin Frank in der Festivalzeitung FZ schriebt, zollen. Die stehen nämlich an erster Stelle und erst danach kommen die "VIPs", denen "sie ihre Fachkompetenz und ihre höfliche Aufmerksamkeit" widmet. Mein Eindruck könnte kaum konträrer sein. Wenn man bereits 15 Minuten vor Vorstellungsbeginn eine Schlange vor dem Einlassdienst bildet, um endlich einen Sitzplatz mit Sichtmöglichkeit zu ergattern, steht man doch wieder nur frustriert vor den ersten Reihen voller "Reserviert"-Schilder. Nicht nur die Festivalredaktion und die gesamte Jury, auch alle organisatorischen Beteiligten und sämtliche grauhaarige langjährige Begleiter des Festivals platzieren sich, als wäre es selbstverständlich, auf den besten Sitzen. Mit welcher Begründung? Damit die Jury, die es bereits als Video gesichtet und teilweise auch live angeschaut hat, kein Detail verpasst? Weil die Redaktion ja am Folgetag eine Rezension veröffentlicht, für deren Gelingen bestmögliche akustische Verständlichkeit und uneingeschränkte Sicht gewährleistet sein muss? Warum wird in der Sitzordnung plötzlich zwischen Erwachsenen und Jugendlichen unterschieden?

Natürlich ist es gut und richtig, dass auch TheaterpädagogInnen und -interessierte zum TTJ kommen. Schließlich sollen die jugendlichen Theaterschaffenden sich nicht nur gegenseitig bereichern, sondern auch nach außen wirken können. Wo sonst bekommt man eine solche Bandbreite an zeitgenössischem jugendlichem Theater? Die Fachtagung unter langjähriger Leitung der ehemaligen Vorsitzenden des Bundesverbandes Theaterpädagogik und Mitbegründerin des Treffens "Jugendclubs an Theatern", Marlies Jeske, setzt hier an. In vier theoretischen Einheiten begleitet sie das Treffen über sechs Tage hinweg. Hinzukommt der von Elske Seidel angebotene praktische Fachtagungsteil zum Thema "Physische Kommunikation am Beispiel der Kontaktimprovisation" in fünf Teilen. Nur leider nehmen nicht wirklich viele Interessierte dieses Angebot wahr. Tatsächlich sieht man neben den ohnehin beteiligten Spielleitern und Jurymitgliedern ständig dieselben Anwesenden. TheatermacherInnen, die teilweise weit über 50 sind und sicher gehen wollen, dass man ihre Namen nicht vergisst. In Impulsreferaten soll man sich dann gegenseitig bereichern, natürlich auf Grundlage der gemeinsam geschauten Inszenierungen. Leider wird aus einem fünfminütigen Impulsreferat mitunter ein fünfzigminütiger Vortrag über die Arbeit im eigenen Bundesland. Ich fühle mich nicht mehr als jemand, die interessiert und ernst genommen wird, sondern als Mindestanzahl einer Zuhörerschaft für die Profilierung ohnehin bekannter TheatermacherInnen. Vielleicht bleiben einige Interessierte ohnehin aus, wenn ihnen auffällt, dass sich in diesem Jahr der Praxisanteil der Fachtagung wiederholt. Hier haben die Berliner Festspiele wohl nicht bedacht, dass ihre Zielgruppe anscheinend doch nicht so groß ist, oder wie könnte man sich sonst erklären, dass sie denselben SpielleiterInnenworkshop zwei Jahre hintereinander anbieten? Da hat wohl jemand geschlafen im Organisationsbüro?

In diesem Jahr steht die Fachtagung unter dem Motto "Performance – dokumentarisches Material und seine Gestaltung". Das klingt ziemlich contemporary. In Zeiten, in denen man um den Begriff performance (art) nicht mehr drum herum kommt, ihn gleichzeitig jedoch dank inflationärem Gebrauch genauso wenig definieren kann, ist es dringend notwendig, sich vor allem in Fachkreisen darüber auszutauschen. Demnach wird zu Beginn der Fachtagung Dr. Annemarie Matzke geladen, um von ihrer Arbeit einerseits als aktive und erfolgreiche Performerin mit ihrem Performance-Kollektiv SheShePop), andererseits als theoretisch abgesicherte "Selbstinszenierungs"-Dozentin zu berichten. Die Frage wird aufgeworfen, was es bedeutet, wenn man auf der Bühne mit der eigenen Biografie agiert. Hat das dokumentarische Theater, das momentan auch im Jugendtheaterbereich eine starke Tendenz darstellt, tatsächlich mit Performance zu tun? Oder versucht man während dieser Tagung eher, so oft wie möglich den Begriff "Performance" in Redebeiträgen unterzubringen, um der eigentlichen Diskussion darüber zu entgehen?

Laura, ich bin noch unschlüssig, ob das eine schöne Woche wird. Streitbar ist sie auf alle Fälle heute schon.

 

Am Montag, den 25.5.2009 um 21.49 Uhr schrieb lauranaumann:

Carolein!

Du machst immer so ein bedrücktes Gesicht, wenn ich dich in den Pausen im Garten seh. Was ist nur los?

Ich bin jetzt im Festivalgroove. Die heutige Aufführung "Familiengeschichten" von den Jungs und Mädchen des jungen schauspielhannover, die sich ironisch "Menschen mit Migrationsvordergrund" nennen, hat mich sehr glücklich gemacht. Die Produktion wurde heute beim Abendessen an einem der langen Biertische von Insidern als besonders heikel und kontrovers angekündigt (begründet wurde das mit der Erfahrung aus dem Vorjahr), die Publikumsstimmen bis jetzt waren euphorisch. Morgen werde ich in der Einlassschlange zum Nachgespräch stehen. Ich bin schon sehr aufgeregt, denn oft geht es mir so, dass die theaterpädagogisch und blabla geleiteten Nachgespräche den schönsten Abend im Nachhinein noch ruinieren können. Wie die das nur immer schaffen.

Es geht um die Jugendlichen!

Das glaube ich. Und das glaube ich vor allem Barbara Pohle. Da finde ich eine Diskussion um "Reserviert"-Schilder an den Haaren herbei gezogen. So was zeigt sich nicht an so was. Es zeigt sich daran, was das Festival einem für Möglichkeiten bietet. Wie viel Freiheit man hat. Wie viel Austausch stattfinden kann. Wie man aufgenommen wird. Wie geschützt der Raum ist, in dem man sich trotzdem noch gehörig und genügend aneinander reiben kann.

Barbara besorgt die Räume und den (Müller)Joghurt, sorgt für Musik, kümmert sich also darum, dass es gemütlich ist. Aus dem Rest hält sie sich raus. Nie sagt sie etwas über die eingeladenen Produktionen. Nie sagt sie, ob ihr diese oder jene Aufführung gefallen hat. Sie schweigt. Und guckt. Und wenn gefeiert wird, ist sie besonders glücklich. Ich kann mich erinnern, 2007 wurde sehr wenig gefeiert, was Barbara irgendwann Mitte der Woche mit den Worten kommentierte: "Es waren noch nicht mal die Bullen da." Wenn gefeiert wird, ist es gut. Wenn die Polizei kommt, ist es ein Spaß. Wenn was kaputt geht, Herrgott. Wo sonst kann man so ohne Schwierigkeiten feiern, als hier in der Hauptstadt, hier im Theater, hier auf dem Festival? Läuft alles gut, sitzt sie vor dem Zelt auf dem Mäuerchen, und wenn man sie dort aufsucht als Festivalteilnehmerin, ist sie, anders als manche Juroren oder Spielleiter, aufmerksam und auf Augenhöhe.

In meinen Augen ist da viel Respekt und großer Ernst. Dass die Juroren immer in der ersten Reihe sitzen, stimmt außerdem nicht. Da sitzen nämlich auch noch die Kuratoren. Ha!

Die Redaktion hat immer reservierte Plätze in der zweiten oder dritten Reihe (wo man in der Wabe aber trotzdem schlecht sieht), besteht aber nicht aus Erwachsenen, sondern Jugendlichen. Ein auf dem Festivalgelände weit verbreiteter Irrtum: Die Zeitung setzt sich nicht zusammen aus Theaterwissenschaftlern oder Berufsjournalisten. Das sind Schüler oder Studenten mit Theaterinteresse, ehemalige Spieler aus Gruppen, die zum TTJ eingeladen waren, Preisträger des Treffens Junger Autoren. Das sind Augenpaare im Zuschauerraum wie alle anderen, mit dem Unterschied, dass sie (nach Möglichkeit) gut mit Worten sind und das Gesehene im Nachhinein beschreiben, in Schrift durchdenken und so weiter. Die Zeitung ist nicht das rechtsprechende Organ oder die Verkünderin der Wahrheit. Sie ist eine Verwertungseinrichtung, eine Stimmungssammlung, ein Impulsblatt. Und sie möchte gern dazugehören.

Ich habe keine Lust mehr über Performance zu reden. Was du beschreibst, kann ich mir sehr gut vorstellen. Es hat etwas Albernes. Aber es hat auch etwas Albernes, wenn sich im Seminar jemand meldet, um einen Monolog über "die Stimme als performatives System" zu halten. Das bringt der Begriff, so besetzt und innerhalb von kurzer Zeit so abgenutzt, mit sich. Ist ja auch alles Performance inzwischen. Ich gehe nicht mehr in die Uni, ich performe da hin. Ich danke dem Geldautomaten für seine tolle Performance. Den Vögeln. Der Sonne. Ich atme auch nicht mehr, ich performe.

Wie gesagt, bin ich im Groove. Ich hab so Lust auf alles, was jetzt noch kommt.

Ab ins Zelt mit uns!

Laura

Am Dienstag, den 26.5.2009 um 21.42 Uhr schrieb carolingerlach:

Laura, das Theatertreffen der Jugend ist müde!

Nach so langen Jahren finanzieller Sicherheit und den immer selben Strukturen, wird es Zeit für ein Upgrade! Die Durchführung des TTJ erscheint mir festgefahren. So als hätte die Festivalleitung mit Beginn des Festivals aufgehört zu arbeiten. Im Vorfeld wurden organisatorische Abläufe geklärt, Theatergruppen ausgesucht, eingeladen, einquartiert. Und nun sind die Jugendlichen selbst an der Reihe. Die Leitung beschränkt sich auf den Kartenverkauf und nimmt am weiteren Festivalverlauf nur noch beobachtend teil. Du meinst, das Festival biete einem Möglichkeiten und lobst die Freiheit und den geschützten Raum, den man hier bekommt. Das kann ich nur bestätigen: Die jugendlichen Teilnehmer sind allein gelassen in der Ausgestaltung der Zwischenprogrammpunkte, die Abende sind unstrukturiert, die Pausen ausgedehnt, die Workshops nicht maßgeblich. Ich möchte den von dir gelobten Freiraum mal mit "Leerraum" übersetzen. Uns werden ein Zelt, Bierbänke, Heizpilze und Fassbrause zur Verfügung gestellt und damit sollen wir unaufgefordert neun Tage Spaß haben. Was fehlt, ist ein Rahmenprogramm! Ein gezielt zusammengestelltes Team, das initiiert und Raum schafft für teilnehmerübergreifenden Austausch auch außerhalb der thematisch gebundenen Nachgespräche. Ich spreche nicht von angeleiteten Diskussionen, sondern von Partystartern. Das können gern auch Jugendliche selbst sein. Ich spreche nicht von engagierten Freizeitpädagogen, die Partyspiele vorbereiten. Ich spreche von einem System, das die Jugendlichen dazu aktiviert, die Zeit zwischen Workshop, Nachgespräch und Aufführung für sich zu nutzen. Das kann beispielsweise ein Rotationssystem sein, das vorschlägt, jeder Abend solle unter verschiedenen Mottos von einer der Teilnehmergruppen gestaltet werden. Natürlich unterhalten die Teilnehmer sich auch untereinander, kommen in der Buffettschlange ins Gespräch oder teilen während der Vorstellung Tränen - wie auch Lachanfälle - mit ihnen zuvor unbekannten Sitznachbarn. Daran zweifle ich nicht. Aber es ist traurig zu sehen, wie die immer selben 15 Kontaktfreudigen lange nach Vorstellungsende im Brausezelt sitzen und doch eigentlich viermal so viele Spaßhabende sein könnten.

Vielleicht fällt es den Hannoveranern "Menschen mit Migrationsvordergrund", wie ihre Spielleiter sie aufgesetzt selbstironisch im Stück sagen lassen, deshalb so schwer, sich auf gleicher Augenhöhe mit den restlichen Teilnehmern zu fühlen: Sie sind eben doch nicht so richtig integriert in den Rest der Abituranwärter. Hast du heute das Nachgespräch zu "Familiengeschichten" verfolgt? Ich konnte dem germanistisch-ambitionierten Bad Hersfelder Teilnehmer mit seiner blumigen Metaphorik bald nicht mehr folgen. Sicher blieb ich nicht die einzige, die seine Bemerkung, es mangele an einer "humanistischen Pointe", nicht verstand. Abgesehen von den Hannoveranern, setzten sich die anderen aus einem gewohnt gymnasialen Teilnehmerkreis zusammen. Wäre nicht gerade Theater eine gute Möglichkeit, Schüler unterschiedlicher Bildungsgrade aufeinander zugehen zu lassen und auf einem außerschulischen unbewertetem Niveau zusammenzuführen?

Wie schon beim erwachsenen Theatertreffen, könnte man auch dem TTJ den Vorwurf machen, eher ein Wiedersehen als ein Kennenlernen zu veranstalten. Größtenteils reichen sich bekannte Teilnehmer die Hand bzw. neue Schüler mit theatertreffenerfahrenen Spielleitern. Natürlich werden die Berliner Festspiele wieder argumentieren, dass es nicht darum gehe, schlechtes Provinztheater nach Berlin zu holen, wo es ohnehin nicht bestehen könne. Eher gehe es darum, "beispielhafte" Inszenierungen miteinander bekannt zu machen. Wenn diese von den immer Selben verursacht werden, dann ist das doch nur ein Ausdruck für deren Qualität. Würden auch andere, unbekannte Spielleiter "beispielhaftes" Theater mit Jugendlichen produzieren, wäre man sicher nicht abgeneigt, diese einzuladen. Wie steht es mit der gezielten Werbung für dieses Festival in den unterschiedlichen Bundesländern? Es kann doch nicht nur am Vorhandensein von Theater als Schulfach liegen, dass im Vorjahr aus Nordrhein-Westfalen 31, aus Sachsen und Sachsen-Anhalt jedoch nur jeweils vier Bewerbungen zum TTJ eingingen. Wie wird bestimmt, wer die Information erhält, dass und wie man sich bewerben kann? Nicht jedem Spielleiter ist dieses Festival ein Begriff.

Wie sehr bemüht sich das TTJ um seine Außenwirkung? Das Gefälle der am TTJ interessierten Presse ist, vor allem den anderen von den Berliner Festspielen veranstalteten Festivals gegenüber, peinlich groß. Wo bleiben die Fachmagazine, die Theaterkritiker, die Theaterpädagogen? Ich in diesem Jahr noch keinen gesehen. Und ich kann mich auch an keinerlei Berichterstattung in der Fachpresse oder andere Aufmerksamkeit in den Vorjahren erinnern. Lohnt es denn nicht, auch im jugendlichen Theater die Zukunft zu suchen und jetzt schon Tendenzen festzuhalten? Ist denn niemand interessiert an uns?

Heute ist Dienstag. Die jährlich wiederkehrenden "Interessierten" beenden ihr langes Berliner Wochenende und fahren zurück. Es wurden zahlreiche Hände geschüttelt, man hat oft genug sein Wort während der Fachtagung erhoben und sich weiteren Menschen in Erinnerung gerufen, damit sie den eigenen Namen auch bloß nicht vergessen. Das TTJ sollte mehr Leuten von außen die Möglichkeit bieten, auf Theater von Jugendlichen aufmerksam zu werden. Man bleibt zu sehr unter sich und hat kaum Chancen, außerhalb der Teilnehmergruppen wahrgenommen zu werden.

Mieke Matzke hat kürzlich ihre Herangehensweise an Performance definiert als ein Thematisieren von "sich selbst und dem eigenen Verhältnis zum Thema, anstatt faktisch eine Geschichte oder Biografie auf die Bühne stellen zu wollen". Die drei jüngsten Teilnehmerinnen des diesjährigen Festivals kommen aus Münster und bringen diese in ihrer Eigenproduktion "Anne Frank und ich" zur Anwendung.

Ich sehe Emily, die Anne Frank spielt und darin wiederum drei Mädchen, die Emily spielen. Es geht nicht darum, drei verschiedene Facetten der Anne Frank aufzuzeigen. Vielmehr nehmen drei Schülerinnen jeweils eine fiktive Rolle namens Emily an um aus dieser Distanz heraus ihre eigene Herangehensweise an die Person der Anne Frank zu zeigen. Ãœber diese Vorgehensweise wurde heute heftig diskutiert. Eine Teilnehmerin sagte im Nachgespräch "Wer Anne Frank denkt, muss auch Auschwitz denken". Hierin erkenne ich das Verlangen, den Holocaust nicht beschönigen zu dürfen. Dem widerspricht sicherlich kein Anwesender, jedoch muss hier unterschieden werden zwischen der Anne Frank, welche als "Opfer"- Symbol dient und der Jugendlichen Anne. Das Mädchen mit seinen pubertären Gedanken und Ängsten, mit der naiven Weltwahrnehmung und einem Leben, das nicht nur aus NS besteht. Viele Jugendliche haben heute danach verlangt, die abscheulichen Fakten und Bilder aufgezeigt zu bekommen. Mutig und ihrer Konzeption vertrauend, wiesen die Schülerinnen der Marienschule in Münster darauf hin, dass dies bereits geschehen sei. Indem wir alle beim Sprechen von Auschwitz sofort dieselben Bilder vor unserem inneren Auge sehen, ist es nicht notwendig, diese auf die Bühne zu projizieren. Jeder Anwesende kennt die Anzahl der Toten, erinnert sich an Bilder vom Eingangstor zum Konzentrationslager, weiß von der Unsinnigkeit der Rassentrennung. Ich erlebe eine unglaublich aufgebrachte Menge junger Menschen. Sie empören sich um einen angeblich nachlässigen Umgang mit einem unzweifelhaften Thema. Es wurde langsam Zeit für solch aufgeladene Reaktionen!

Auf dass wir ab heute nicht mehr ruhig schlafen können! Für mehr Party und Streitigkeiten!

 

Am Mittwoch, den 27.5.2009 um 23.58 Uhr schrieb lauranaumann:

Caro, lass uns das vorm Zelt klären. Mit SchnickSchnackSchnuck. Wie echte Männer.

Die Empörung über den "(angeblich) nachlässigen Umgang mit einem unzweifelhaften Thema", wie du es nennst, wäre nicht so groß, wäre das, was die Mädchen aus Münster gezeigt haben, nicht ein einziges Ausstellen der eigenen Befindlichkeiten gewesen. Was ich gestern Abend gesehen habe, waren drei Mädchen, die schwer an ihrer Pubertät zu leiden hatten. Mehr nicht. Und sie machen sich nicht einmal die Mühe, dieses Leiden zu reflektieren, nein, sie stellen sich ans Mikrofon und hauchen "Ich habe solche Sehnsucht" und "Ich bin so traurig" hinein. Da das noch nicht genug ist, suchen sie sich eine tragische Mädchenfigur aus der Geschichte, und vergleichen ihr eigenes mit einem fremden Leiden, was gut funktioniert. Irgendwann fällt ihnen ein, dass das Leben ja doch schön sein könnte und sie beschließen, ihr Zimmer lieber doch zu verlassen, nicht länger eingesperrt zu sein. Anne Frank konnte das nicht. Natürlich kennen alle Anwesenden Anne Franks Geschichte und auch Auschwitz. Natürlich war Anne Frank ein Mädchen wie jedes andere auch, mit Sorgen und Ängsten und den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens. Natürlich wusste Anne Frank, in der Zeit, in der sie Tagebuch schrieb, nicht, dass sie in Auschwitz enden würde.

Aber sie war Jüdin. Sie wurde als Jüdin verfolgt. Sie musste sich in diesem Hinterhaus verstecken. Und zwar nicht über die Sommerferien, sondern über Jahre. Sie konnte nicht einfach beschließen, raus zu gehen. Und das Wichtigste: Sie hat in ihrem ganzen Tagebuch nicht so vordergründig gelitten wie die drei Emilys aus Münster.

Im Nachgespräch sagen die Mädchen sehr oft "berühren" und "Gefühle wecken" und formulieren das als ihre Absicht und Vorstellung davon, was Theater auslösen müsse. Das habe ich schon oft auf Jugendtheaterfestivals gehört und ich frage mich, wer den Jugendlichen das immer einredet? Es gibt keine Formel dafür, was Theater alles muss. Schon gar nicht muss es nur eine Sache. Ich gehe nicht hin, um Gefühle zu kriegen. Vor allem gehe ich nicht hin, um Gefühle 1:1 dargestellt zu bekommen. Warum fällt es ihnen so schwer zu verstehen, dass man nicht traurig gucken und traurig sprechen muss, um Trauer darzustellen? Warum machen sie im Nachgespräch mit ihren Befindlichkeiten genauso weiter wie gestern Abend auf der Bühne?

Und warum halten sich alle, die gestern Abend gewettert und geflucht haben, in diesem Nachgespräch zurück? Welpenschutz? Die armen kleinen Mädels, wollen wir sie mal lieber in Ruhe lassen? Oder weil Martin Frank mit verschränkten Armen dazwischen sitzt und mit dem Kopf schüttelt?

Bitte keine Abendanimation. Die kleine Showeinlage von den Waack-Schwestern (Carmen und Linda Waack, Performerinnen und hier Leiterinnen des Gender-Workshops) und ihrem Workshop zum Partyanheizen gestern war irre komisch und ein voller Erfolg. Jedoch glaube ich deshalb, weil das spontan passiert ist. Ein durchorganisiertes Rahmenprogramm bis in die Abendstunden hinein, könnte das ganze Gegenteil bewirken. Wer will sich denn den ganzen Tag in einem festgesteckten Rahmen bewegen? Die Tage nach Stundenplan verbringen? Bespaßt werden? Das ist doch kein Ferienlager. Es ist ein Festival. Für junge Theaterleute. Wer von denen feiern will, wird schon feiern. An manchen Tagen sind es dann 15, an anderen 50. Das kann und soll man nicht planen.

Ich hatte einen supersuper Abend mit "Topinambur" aus Frankfurt/Main. Die haben sogar ihre Autorin dabei, das hätte ich gern öfter. Jetzt: Eins zwei drei, Feierei.

Laura

 

Am Donnerstag, den 28.5.2009 um 01.22 Uhr schrieb carolingerlach:

Laura, ich bin mir nicht schlüssig!

Erstens: Theater ist toll, dessen sind wir uns alle bewusst.

Zweitens: So viele Leute wie möglich sollten Theater ausprobieren, weil siehe erstens. Demnach kann ich es nur begrüßen, wenn Theater Bestandteil des (Schul)Lebens wird. Theater in der Schule kann ja eine AG sein oder wird in einigen Bundesländern sogar als (Abitur)Fach angeboten.

Nur genau hier liegt der maßgebliche Unterschied: Theater AG bleibt unbenotet, Darstellendes Spiel als Schulfach jedoch muss bewertet werden und fließt zum Teil ins Abiturzeugnis mit ein. Es erscheint logisch, dass Spielleiter sich auf diese Unterschiede einstellen und demnach ganz verschieden arbeiten müssen, abhängig davon, ob sie die Jugendlichen als Teilnehmer oder als Schüler wahrnehmen.

Was bewertet wird, muss auch für alle fair und gleich sein. Es müssen alle eine vergleichbare Aufgabe bekommen, und dann wird hinterher entschieden, wer sie wie gut erledigt hat.

Die Frankfurter zeigen exemplarisch, dass man bei dieser Arbeitsweise kaum um chorisches, gleichberechtigtes Spiel drum herum kommt. Wenn immer alles simultan, choreographiert, steril (und so wie heute: farblich weiß) sein muss, um daraus die Note Eins ablesen zu können?

Sodass ich sagen muss: Die Jugendlichen sind mir fremd geblieben aufgrund der aalglatten Perfektion ihrer Form. Hier versteckt man sich. Anstatt die Auseinandersetzung mit einem selbst, wird hier die glattest mögliche Oberfläche anvisiert. Ich finde es traurig, dass ich die Frankfurter als Jugendliche erlebe, die scheinbar zum Ziel haben alles richtig zu machen. Ich möchte behaupten: Diese Inszenierung genügt sich selbst, sie hätte auch ohne Zuschauer funktioniert.

An diesem Beispiel sieht man sehr schön: Darstellendes Spiel ist nicht Theaterpädagogik! Sobald Theater als Schulfach betrieben wird, bedarf es der Unterteilung in Lehreinheiten, Kategorien und einem System von richtig oder falsch, anhand dessen Maßstäbe aufgestellt und Schüler bewertet werden können. Habe mich heute mit Josef Meißner unterhalten, er ist Mitglied der Jury. Der hat den Eindruck, Jugendliche heutzutage "wollen wissen, wie es richtig geht. Sie fragen den Spielleiter, ob es richtig ist, anstatt eigenverantwortlich" und risikofreudig zu arbeiten.

Die Schweriner, die heute Abend "Immer spielt ihr und scherzt" nach George Tabori spielen, werden mir entschieden widersprechen. Ihre Produktion lässt einen kollektiven, lehrerfreien Probenprozess vermuten. Zwar ist ihr Hitler fünffach besetzt, jedoch erspielt sich jeder Darsteller seine Individualität mittels einzigartiger Intonation, mimischer Besonderheit und auffallend virtuoser Körperlichkeit. Tatsächlich jedoch sind auch sie ein gymnasialer DSKurs. Was ist hier anders gelaufen? Warum habe ich heute Abend die Jugendlichen auf der Bühne gesehen und gestern nur Abziehbilder. Wie kommt es, dass gestern 20 Jugendliche chorisch gleich angezogen, viele Einzelcharaktere mimen sollten und mir doch das Gefühl gegeben haben, eine verwaschene Masse zu sein – und im Gegensatz dazu heute fünf Hitlerdarsteller auf der Bühne standen, die mir alle unterschiedlicher denn je vorkamen und mich im Ganzen nicht haben DEN einen Adolf sehen lassen, sondern eine Vielzahl komischer Sichtweisen auf ihn. Oder liegt das nur an Taboris Textvorlage??

Choreografisch-synchron winken meine Hände zu dir rüber und knacken mit den Fingerknochen, vorfreudig auf SchnikSchnakSchnuk.

Am Freitag, den 29.5.2009 um 02.51 Uhr schrieb carolingerlach:

Carolin Gerlach, ich verstehe das nicht!

Man muss doch wohl unterscheiden. Die Frankfurter haben eine ganz andere Form gewählt als die Münsteraner und die Schweriner. Der Chor, der Gleichklang, das Weiß â€“ meiner Meinung nach war das alles bewusst gesetzt. 20 Jugendliche sollten nicht Einzelcharaktere mimen, sondern wenn überhaupt, Einzelcharaktere, die sich möglichst gleich machen. Darum ging es doch auch inhaltlich. Dazugehören, sich anpassen. Sie waren in erster Linie der Chor und sind dann von Zeit zu Zeit herausgetreten, um eine Figur anzudeuten. Außer den beiden Hauptdarstellern hat niemals jemand vorgegeben, eine Rolle zu spielen. Erfrischend daran war, dass sie dabei trotz des Themas Jugend, Großwerden, Nichtwissen wohin, Dazugehören, Makingaliving, blabla, nicht in ein ewiges Klagen und Weinen verfallen sind. Sie haben gezeigt, dass die Dinge manchmal schlimm sein können, ohne 45 Minuten auf der Bühne zu leiden.

Ich finde die Diskussion, die heute darum entstanden ist, nicht nachvollziehbar. Gestern Abend im Zelt war die Stimmung gut. Die meisten waren angetan von "Topinambur". Die Stimmen zum Stück in der Zeitung waren größtenteils gut. Heute im Nachgespräch ist Wolkenbruch. Alle legen richtig los. Die Frankfurter werden aufs Höchste angefeindet. Inhaltslosigkeit, Leere, Kälte und Unüberlegtheit werden ihnen vorgeworfen. Tatsächlich wirft ihnen sogar jemand vor, dass sie das Stück nicht selbst geschrieben haben. Was ist das bitte für ein Argument? Ein Mädchen aus Münster meldet sich und sagt, das hätte sie nicht berührt, da sein kein Gefühl rübergekommen, darum sei das auch nicht gut. Caro, ich glaube hier geht etwas Komisches vor sich. Hier entladen sich angestaute Energien, die nicht nur mit der Sache zu tun haben. Was ist das für eine Nachgesprächsform? Ich habe das Gefühl, da wird sich immer ziemlich zusammengerissen, bis es halt nicht mehr geht. Nach "Anne Frank" hat keiner ein böses Wort fallen lassen, nach "Topinambur" knallt es richtig. Und es wird unfair, unsachlich, zusammenhangslos. Nach Anne Frank hat Martin Frank bei einer leicht kritischen Frage schon abfällig den Kopf geschüttelt, heute tut er nichts. Kann es sein, dass man tendenziell eher Gruppen kritisiert, die sicher und professionell wirken? Kann es sein, dass es Neid unter den Gruppen gibt? Und die Kleinen verschont werden?

Warum geht man auf ein Festival, frage ich mich? Doch wohl um in einen Austausch zu treten! Um zu zeigen, was man macht. Um zu sehen, was andere machen. Um sich der Kritik zu stellen. Um sich weiter zu entwickeln. Man geht nicht hin, um sich zu schonen. Und nicht, um sich zu zerreißen.

Ich würde mir mehr Sachlichkeit in den Gesprächen wünschen. Mut, auch außerhalb der anonymen Stimmen zum Stück zu kritisieren. Und mal mehr ICH zu sagen, als ständig so allgemein zu sprechen. Man ist bitte kein Langweiler, wenn einem "Topinambur" zu durcheinander war und kein emotionaler Krüppel, wenn man bei "Anne Frank" nicht weinen musste.

Ich finde interessant, was Josef Meißner sagt. Dass die Jugendlichen es richtig machen wollen, statt eigenverantwortlich zu probieren, zu arbeiten. Das stimmt. Aber es ist kein Wunder. Denn das ist Schule. Das beginnt in der ersten Klasse und geht bis zum Abitur. Es gibt nichts anderes in der Schule. Wie sollte es beim DS-Unterricht in der Schule anders sein? So was ist ja drin in Körper und Kopf. Die Aufgabe der Theaterpädagogen und DS-Lehrer ist es auch, sich damit auseinander zu setzen. Und Mut zu machen. Zu zeigen, dass es im Theater nicht um richtig und falsch geht. Die Benotung dieses Faches wirkt dem natürlich wieder entgegen.

Aber muss Theater denn Abiturfach sein? Da die Befreiung von der Schule in der Schule ja wahrscheinlich nicht klappt: Findet im Schulfach DS nicht eine Verschulung von Theater statt?

Heute Abend war mein theatraler Festivalhöhepunkt. Bad Hersfeld mit "Lieblingsmenschen" von Laura de Weck. Weil das, was die gezeigt haben, genau mein Leben ist. Unser aller Leben ist, die wir Anfang 20 sind. Mit den Beziehungen und SMS und Umzugskartons als Lebens-Status-Quo.

Jetzt geh ich zur Abschlussparty. Ich bin zufrieden. Mit der Stimmung sehr. Mit den Stücken auch. Mit dem Austausch und dem Input sehr. Die Nachgespräche sind immer wieder das, was nicht funktioniert. Christina Schulz, die Nachfolgerin von Barbara Pohle, hat sich ein bisschen gezeigt, und ja, auf die freu ich mich schon. Wir sehen uns gleich auf der Tanzfläche!

Und morgen früh nochmal beim Abschlussgespräch.

Sleep tight, ach nee, daraus wird nichts.

 

Samstag, 30. Mai carolingerlach und lauranaumann schreiben sich SMS aus dem Zug in

Richtung Heimat

lauranaumann schreibt um 14.23 Uhr

abschiede sind nicht mein ding. hab sicherheitshalber nen zug eher genommen, um nicht in festivalende-tränen zu versinken. still und leise wein ich aber doch.

carolingerlach schreibt um 14.23 Uhr

mir gehts genau andersrum: sitz noch im zelt, seh die letzten abreisen & warte auf den kick,das tolle, das NEUE, das ich die letzten 8 tage nicht finden konnte.

lauranaumann schreibt um 14.24 Uhr

trotzdem kann man ja eine schöne zeit haben. ich hatte die.

carolingerlach schreibt um 14.26 Uhr

m.frank sitzt neben mir & fantasiert: jetzt müsste es erst richtig losgehen: alle miteinander vermischen & gemeinsam eine neue form von theater erfinden.

lauranaumann schreibt um 14.29 Uhr

weiß nicht, ob das anspruch sein muss: dass immer was neues rauskommt. glaub nicht, dass man ne neue form findet, weil sie sich wenn dann selbst findet.

carolingerlach schreibt um 14.30 Uhr

weil wir grad alle wieder fahren, wächst das verlangen, die ganze hier gebündelte energie nicht zu verwerfen & gemeinsam was ohne erwachsene & kollektiv zu schaffen.

lauranaumann schreibt um 14.32 Uhr

mein empfinden: das brauchen ist einfach noch nicht groß genug. das brauchen war eher klein in diesen tagen. ist es allgemein.

carolingerlach schreibt um 14.34 Uhr

idee: alle zusammenwürfeln, 30h zeit geben, dann einen festivalkonsens präsentieren. Das TTJ ist noch zu viel vorzeigen & weniger gemeinsam was neues entwickeln.

lauranaumann schreibt um 14.36 Uhr

das ist ja immer der wunsch. dass man zusammen eins wird & aufsteht für eine sache, was anfängt mit der energie. aber wenn man doch nicht weiß, was (& wofür).

carolingerlach schreibt um 14.39 Uhr

bingo! lauranaumann, lass uns ein cyberpopfeministisches theaterkollektiv gründen & herausfinden, wie wir unsre energie nächstes jahr beim TTJ einbringen können!