Müssen wir Belgischer arbeiten? Kinder- und Jugendtheater diskutiert den Umbruch

Freiburg, 24. November 2012 - Das Theater im  Marienbad, das Kinder- und Jugendtheater der Stadt im Breisgau lud ein: Zum Symposium über neue Entwicklungen und Herausforderungen des Theaters für ein junges Publikum. In sieben Tischgesprächen und einer abendlichen Podiumsdiskussion kamen Theatermacher, Lehrer, Pädagogen, Theaterwissenschaftler und Kommunalpolitiker zusammen. 

Es ist das ständige Hinterfragen der eigenen Arbeit, die die Theatermacher hier zusammen kommen lässt. Es sind die neuen alten Fragen, die sie sich stellen: Wohin müssen wir uns verändern? Brauchen wir performatives Theater  für Kinder? Oder sollen wir lieber den Jugendlichen die alten Geschichten weiter erzählen? Und auch sie schwebt im Raum: die große Strukturfrage. 

Ivo Kuyl, Dramaturg an der Königlich Flämischen Shouwbourg in Brüssel, nennt es „Engagierte Autonomie“: Die Reflexion über die eigenen formalen Strukturen, die das Nachdenken über Aspekte der gesellschaftlichen Realität mit einbezieht. Autonomie versus Heteronomie? Inwiefern instrumentalisieren wir das Kinder- und Jugendtheater für pädagogische Zwecke? Denn schließlich liegt die Motivation des Theatermachers nicht in der Kulturellen Bildung.

Daran nimmt Christian Schönfelder, Dramaturg am Jungen Ensemble Stuttgart, in seinem Impulsreferat Anstoß: Belgischer arbeiten? Also weg vom Text als Grundlage eines Probenprozesses und hin zu einem assoziativeren, an Bildern orientierten Arbeiten? Den Text weniger wichtig nehmen? 

Performativ und Partizipativ?

Dr. Wolfgang Sting, Professor der Uni Hamburg fordert: Das Kinder- und Jugendtheater muss sich der gesellschaftlichen Realität stellen. Demographischer Wandel und Migration müssen als Herausforderungen begriffen werden: 50% aller eingeschulten Erstklässler in Hamburg haben einen Migrationshintergrund. Das „psychologische Theater ist nicht mehr angesagt“.

Liegt die Zukunft des Kinder- und Jugendtheaters also in performativen und partizipativen Theaterformen? Zumindest hat sich ein neues Theaterverständnis entwickelt: Ereignishaftigkeit und Selbstinszenierung spielen hier eine große Rolle. Mehr Handeln als Spielen und Unmittelbarkeit statt Vierter Wand. 

Das „so tun als ob“ als Auslaufmodell? Beginnt man damit nicht schon im Kindesalter den Unterricht in Selbstdarstellung? Performance als Schlüsselqualifikation des 21. Jahrhunderts? Leider ja, ergo: das Theater nicht mehr länger als Schule des Sehens sondern als Schule des sich Präsentierens? Oder, wie Sting es sieht, Theater als forschungsintensiver Kollektivprozess?

Kunst und Bildung?

Durch die Entwicklung der Wirkungsforschung denke man jetzt in Zielvereinbarungen, kritisiert Dr. Ingrid Hentschel, Professorin  an der FH Bielefeld. Das Theater würde als Schulungsinstrument benutzt und der Partizipation mehr Bedeutung geschenkt als dem Theaterbesuch. Die Autonomie der Kunst sei durch ihre Ökonomisierung bedroht, das Theater stehe unter einem ständigen Rechtfertigungsdrang. Daran knüpft Antonia Brix, freie Regisseurin aus München, an: die Inszenierungen haben es mittlerweile viel schwerer, als Kunstprodukt für sich zu stehen, insbesondere im Kinder- und Jugendtheater. Das Theater biedere sich bei den Schulen an, indem es sich an deren Lehrplänen orientiere und Schlagwörter wie Migration und Mobbing abarbeite. Theater dürfe kein Ort der bürgerlichen Selbstvergewisserung sein, sondern müsse die gesellschaftliche Bildung fördern. 

Gerade dafür, verteidigt Ingrid Hentschel, sei das Theater besonders geeignet: Die leibliche Ko-Präsenz von Akteur und Zuschauer ermöglicht, sich selbst als Mensch wahrzunehmen. Gerade in einer mediatisierten Gesellschaft, sei das unmittelbare, körperliche Erleben in den Hintergrund gerückt.  Es ermöglicht die Begegnung mit dem Fremden, was zwangsläufig zur Irritation und zur Selbstreflexion führt. Folglich kann man, so Sting, Kultur und Bildung gar nicht trennen. Theater ist eben doch per se Kulturelle Bildung, wie es Christian Schönfelder in seinem Impulsreferat verteidigt. 

Jedoch, und das darf man nicht vergessen, wird Theater der Kunst und nicht der Kulturellen Bildung wegen gemacht. Am Ende sind es dennoch 3,5 Schauspieler und 5,5 Theaterpädagogen, die am Jungen Ensemble Stuttgart beschäftigt sind. Das Ideal, der sich selbst vermittelnden Kunst, scheint in Vergessenheit geraten. 

Neuartig und Neugierig?

An Kultur darf nicht gespart werden, sie hält eine Gesellschaft zusammen, sagt Staatssekretär Jürgen Walter vom baden-württembergischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Man müsse an der Geisteshaltung der Menschen arbeiten, damit Kultur ein größerer Stellenwert eingeräumt würde. Für ein „baden-württembergisches Hildesheim“ soll ein Konzept erarbeitet werden, denn es fehle, so Walter, noch an einem akademischen Unterbau. 

„Kulturelle Bildung ist Teil der Allgemeinbildung und unverzichtbarer Teil einer ganzheitlichen Persönlichkeitsbildung“, heißt es im Freiburger Handlungskonzept zu Kultureller Bildung. Ulrich von Kirchbach, Bürgermeister der Stadt Freiburg, sieht dies durch langfristige Ziele und durch Sicherung von Institutionen  verwirklicht. 

Aber ist das  Theater im Marienbad dann überhaupt der richtige Ort, um über Visionen zur Zukunft des Kinder- und Jugendtheaters nachzudenken? Vor mehr als drei Jahrzehnten als Vorreiter einer neuen Bewegung gegründet, feiert es  diesen Monat die 500. Vorstellung eines Klassikers „Die Geschichte vom Onkelchen“. Ein paar alte Hasen wollen wissen, was es denn so Neues gibt? 

Einstimmiger Tenor der Tagung war: bleibt neugierig! Das Kinder- und Jugendtheater zeigt sich in Freiburg flexibel und selbstkritisch. Man will sich erneuern, aber auch die erfolgreichen Traditionen weiterführen. Es gibt neue Möglichkeiten auszuloten und Mauern einzureisen. Auf jeden Fall ist es erwachsen geworden, das Kinder- und Jugendtheater. Das Nischendasein steht ihm nicht mehr. Längst drängt es auf die große Bühne. Was einst als eine Bewegung entstand, pocht jetzt auf Manifestierung seiner erreichten Ziele. Es will die Anerkennung, die es verdient, gleicher Lohn für gleiche Arbeit und vor allem: eine spartenbezogene Ausbildung.