Verknüpfungspunkte. Über die Beziehung von Theaterpraxis und Theorie

Dass Theater Gegenstand wissenschaftlicher Forschung ist, war und bleibt kontrovers. Dabei hat die Theaterwissenschaft in Deutschland eine lange Tradition, die auf Vorlesungen von Max Hermann und Artur Kutscher Anfang des 20. Jahrhunderts zurückgeht. Das Verhältnis von Praktikern des Theaters und Theaterwissenschaftlern war und ist häufig diffizil. Deshalb war die Konferenz „Art meets Research. International symposium on concepts, contexts and methods of research in Theatre for Young Audiences (TYA)” des Theaterinstituts der Universität Hildesheim eine gute Möglichkeit, diese Verhältnisse zu beobachten.



Das Gespräch „Practioners Perspectives“ im Rahmen dieser Konferenz hätte ein Exempel für ein unproblematisches Verhältnis von Theorie und Praxis im Theater werden und zeigen können wie sich das Netz zwischen Forschung und Theorie weiter sinnvoll knüpfen lässt. Stefan Fischer-Fels, Leiter des GRIPS Theaters Berlin, und Tabea Hörnlein, Leiterin der Theaterakademie am Theater der Jungen Generation Dresden, nahmen an der Gesprächsrunde, die von Wolfgang Schneider, Professor für Kulturpolitik, moderiert wurde, teil und setzten sich mit Fragestellungen nach  dem Forschungsgehalt in ihrer künstlerischen Arbeit, dem Bedarf an Forschung in den Darstellenden Künsten und Perspektiven der Beziehung zwischen Forschung und Theater auseinander. 

Antworten auf die ersten beiden Fragenstellungen formulierte Stefan Fischer-Fels klar und schlüssig: „Alles beginnt mit einem Realitätsabgleich.“ Die Mitwirkenden einer Produktion, vom Regisseur bis zum Schauspieler, erforschen gemeinsam welchen Ausgangspunkt ihre Theaterproduktion habe und setzen sich anschließend mit Experten und Forschern außerhalb des Theaters zusammen, um den Gegenstand weiter zu ergründen. Es schien so als denke Fischer-Fels an dieser Stelle nicht an Theaterwissenschaftler, sondern Wissenschaftler, die sich mit dem Forschungsgegenstand des Stücks beschäftigen. 

Tabea Hörnlein hingegen bekundete ihr Interesse an theatertheoretische Texte und Ideen, die ihr bei Theaterproduktionen als Material dienen. Deutlich wurde jedoch nicht, wie Theaterschaffende theaterwissenschaftliche Methoden und Theorien in der Praxis nutzbar machen und diese in ihren Proben- und Produktionsprozess einbinden. Sowohl Fischer-Fels als auch Hörnlein arbeiten an Häusern, die dem Feld Kinder- und Jugendtheater zuzuordnen sind. Insbesondere an diesen Häusern müsste die Entwicklung und Reflexion von Modellen der Vermittlung des Theaters doch eine zentrale Rolle spielen. Der Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis sollte hier naheliegend sein, wie sich im Gespräch herausstellte, ist er das nicht. Trotz ihrer langen Tradition in Deutschland entsteht im Verlauf des Gesprächs der Eindruck, dass die Theaterwissenschaft in der Vergangenheit und auch gegenwärtig verbindungslos zum Theater existieren konnte. 

„Was mir auffällt ist, dass Sie immer nach Experten auf das zu bearbeitende Thema bezogen suchen. Meine Frage an Sie als Experte des Theaters ist, warum all diese Themen im Theater behandelt werden sollen und insbesondere auf welche Art und Weise sollen sie auf der Bühne verhandelt werden?“, fragte Geesche Wartemann, Professorin für Ästhetik des Kinder- und Jugendtheaters. Fischer-Fels antwortete, dass das GRIPS Theater in der Vergangenheit oft entschieden habe, welche Themen im Theater behandelt und wie sie auf die Bühne gebracht werden sollten, ohne im Dialog mit anderen Experten des Theaters zu stehen. „Wir kennen unsere Themen. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, wie man sie auf der Bühne umsetzt“, so Fischer-Fels. Er stehe neuen Ideen und Entwicklung im Theater immer offen gegenüber und glaube die Auseinandersetzung mit ihnen sei von großer Bedeutung. Die gegenseitige Aversion zwischen Praktikern und Wissenschaftlern der Vergangenheit scheint gegenwärtig noch nicht restlos abgebaut zu sein, aber Bekenntnis zu dieser und die Bekundung eines neuen Interesses auf Seiten der Theatermacher eröffnen einen zukünftigen Dialog. 

Und dieser Dialog ist nicht nur bedeutsam, sondern ist dringend notwendig. Forschung mit dem Gegenstand Theater ist erst sinnvoll, wenn ihre Ergebnisse in der konkreten Praxis, außerhalb der scientific community verfügbar und nutzbar gemacht werden. Der Mehrwert, der bei der Begegnung von Theorie und Praxis entsteht, ist für Theatermacher und Theaterwissenschaftler, wie für Theaterzuschauer insbesondere im Bereich Kinder- und Jugendtheater ein großer Gewinn. Es ist unverkennbar wie rar Verknüpfungspunkte von Theatertheorie und Praxis sind. Die Fragen, ob es überhaupt Verknüpfungspunkte gab oder ob Theater und Theaterforschung verbindungslos existieren konnten, stellt sich. 

Das Gespräch „Practioners Perspectives“ im Rahmen der Konferenz „Art meets Research“ lässt hoffen, dass sich Theaterpraktiker und Theaterforscher ihrer gegenseitige Relevanz und dem Mehrwert, der durch einen gemeinsamen Dialog entstehen kann, bewusst werden. Das Theater der jungen Generation mit der Theaterakademie, in der Theatertheorien als Gegenstand von Kursen und Stücken genommen, theaterwissenschaftliche Texte gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen gelesen und in der Praxis ausgetestet werden, hat bereits Anknüpfungspunkte für ein Netz aus Theorie und Praxis gefunden. Dies gilt es in Zukunft weiterzuknüpfen.