Theater für alle? - Ein Programm der kulturellen Bildung versucht „Wege ins Theater“ zu ebnen

„Kultur für alle“, forderte Hilmar Hoffmann bereits in den 1970er Jahren. Inwiefern ist Kultur heute immer noch eher ein Luxusgut, welches sich fast ausschließlich an ein gehobenes Bildungsbürgertum richtet? Eine Frage, die nach wie vor von großer Relevanz zu sein scheint. Denn noch immer ist nicht geklärt, wie es Kulturinstitutionen schaffen können, alle Schichten unserer Gesellschaft anzusprechen.

 

Ziel des Programms Wege ins Theater! ist es, Kindern und Jugendlichen Wege ins Theater zu eröffnen, die bisher keinen Zugang dazu haben. Die ASSITEJ wird durch die Förderung "Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unterstützt. Im Sommer 2013 erhielt der deutsche Kinder- und Jugendtheaterverband eine Fördersumme von drei Millionen Euro zur Umsetzung von Projekten an Theatern vor Ort innerhalb der nächsten fünf Jahre.

 

„Das Programm Wege ins Theater! löst nicht die strukturellen und finanziellen Probleme der Theater, aber es hat kein geringeres Ziel, als die Verankerung des Theaters als relevante Größe im Alltag auch derjenigen, die in unserer Gesellschaft aus den verschiedensten Gründen Benachteiligung erfahren“, konstatiert Anna Eitzeroth, Projektleiterin von Wege ins Theater!.


Das Programm der ASSITEJ fördert Projekte der Theatervermittlung mit drei Schwerpunkten: Das Format Besuch setzt einen starken Fokus auf den Sozialraum der angesprochenen Kinder und Jugendlichen und findet deshalb zum Beispiel in Schulen oder Jugendclubs statt. Der Gegenbesuch stellt die Rezeption von Theater in den Mittelpunkt und im Projektformat Scouts geht es darum, einen kontinuierlichen Dialog zwischen Theatermachern und Kindern und Jugendlichen zu entwickeln. Dabei sind Bündnisse mit Bildungseinrichtungen und anderen Partnern vor Ort für das Erreichen von Kindern und Jugendlichen wesentlich. Durch die Bildung von Bündnissen sollen Theater stärker in lokalen Bildungslandschaften verankert werden.

 

Jährlich veranstaltet die ASSITEJ eine so genannte „Reflexionsveranstaltung“ für alle Teilnehmer des Programms, um in einen gegenseitigen Austausch über Erfahrungen und Herausforderungen der Projektpraxis zu treten. Im Rahmen des Arbeitstreffens der freien Kinder- und Jugendtheater SPURENSUCHE 12 fand nun ein weiteres Zusammenkommen der Projektpartner am 25. und 26. Juni 2014 im Fundus Theater Hamburg statt. Zwei Dutzend Teilnehmer aus Theatern in ganz Deutschland diskutierten, welche Themen in der Zusammenarbeit mit dem jungen Publikum interessant für sie sind und worin sie Chancen und Schwierigkeiten der Theatervermittlung sehen.

 

Eine der Voraussetzungen des Programms Wege ins Theater! ist es, dass die durchgeführten Projekte immer außerschulische Veranstaltungen am Nachmittag sind und somit auf einer Freiwilligkeit der teilnehmenden Kinder und Jugendlichen basieren. Somit ist es eine der zentralen Herausforderungen der Projektleiter, überhaupt Interesse  für eine gemeinsame Zusammenarbeit zu wecken, da die Teilnehmenden für diese ihre Freizeit investieren müssen.

Khaled Sleiman, Theaterpädagoge am Hebbel am Ufer (HAU) in Berlin, besuchte gemeinsam mit dem Tänzer Kadir „Amigo“ Memiş (u.a. Teil der Breakdance-Formation „Flying Steps“) den Tag der offenen Tür der Thomas-Mann-Oberschule in Berlin-Reinickendorf. Amigo tanzte dort, Khaled Sleiman verteilte Flyer für das geplante Tanz-Theater-Projekt und kam mit vielen interessierten Schülern ins Gespräch.

Im Mittelpunkt des Projekts stehen 15 Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren. Inspiriert von der HAU-Plakatreihe der Spielzeit 2012/13, auf der nur Portraits von Tieren zu sehen sind, wird unter der Leitung von Sleiman und Amigo gemeinsam mit den Jugendlichen die Tanzperformance „ANIMALS“ entwickelt. Geprobt wird vor allem in den Schulräumen der Thomas-Mann-Oberschule, Aufführungen im HAU sind geplant.

Sleiman sagt, dass es schwierig sei, die Jugendlichen über lange Zeit zu motivieren, so dass sie wirklich wöchentlich zu den Proben kämen. Zuerst hätten sie wenig Ausdauer und Disziplin gehabt –  schließlich haben sie kaum Theatervorerfahrungen und kennen Kulturveranstaltungen meist nur durch Zwangsbesuche aus der Schule. Auch die Kommunikation mit den Jugendlichen sei eine Herausforderung. Mails und Briefe wurden nicht beantwortet oder gar nicht erst gelesen, so dass Sleiman nun dazu übergegangen ist, mit den Jugendlichen ausschließlich über What's App zu kommunizieren – was hervorragend funktioniert.

Das Programm Wege ins Theater! finanziert die Honorarkosten für Sleiman und Amigo, die Material- und Fahrtkosten – außerdem erhalten die teilnehmenden Jugendlichen freie Eintrittskarten für Veranstaltungen des HAUs, die sie interessieren. Das Theaterprojekt soll schließlich als Drehscheibe fungieren und einen langfristigen Dialog zwischen dem HAU und den Jugendlichen hervorrufen. Deshalb dürfen die Jugendlichen des Projekts Sleiman auch jederzeit in seinem Büro im Theater besuchen.

Schon nach wenigen Wochen konnten die jungen Akteure zum ersten Mal auf der Bühne des HAUs proben. Sie waren von der Atmosphäre begeistert – und wollen am liebsten gar nicht mehr in die Probenräume der Schule zurück. Der Weg hat sie also ins Theater geführt.