Ein Kongress-Kommentar über Kindertheater auf Kampnagel

Wie formen Kinder und Erwachsene gemeinsam eine facettenreiche und lebendige kulturelle Landschaft, (…) an der jeder teilhat?“ und „Wie kann man voneinander und miteinander gleichberechtigt lernen?“ Entlang dieser und ähnlicher Leitfragen entwickelte das Gießener Theaterkollektiv „Skart“ auf Kampnagel, mit Förderung des Fonds Doppelpass der Bundeskulturstiftung, im Laufe des Jahres 2014, Performances für junges Publikum. Zur Halbzeit ihrer künstlerischen Zusammenarbeit luden die Kooperationspartner zum zweitägigen „experimentelle(n) Kongress“ „Masters of the Universe“ ein. Vom 20. bis zum 22.11.2014 waren hier gleichberechtigt sowohl junge, als auch alte „Theaterguckende, Theaterschaffende und Theaterlehrende“ dazu aufgefordert, gemeinsam mit Theaterkollektiven aus Hamburg und anderswo „ein Theater der neuen Generation zu diskutieren und zu formulieren“.

 

 Ein offenes Forum zum Austausch und zum gemeinsamen Hinterfragen und Weiterdenken eines Kinder- und Jugendtheaters wurde sowohl im Internet als auch im Programmheftvielversprechend angepriesen. Sowohl Vorträge und Präsentationen, unter anderem von Sibylle Peters (Fundus-Theater Hamburg) und Dramaturg Jan Deck („Stop Teaching“), lieferten den Kongressteilnehmern und Impulse zu Diskussionen, sollten erklären, befragen und vergleichen, was Theaterschaffende, -guckende und -lehrende, unter Kinder-und Jugendtheater verstehen und wo ein Umdenken erforderlich wäre. Vereinzelt fanden im Rahmen der Workshops angeleitete Diskussionen statt, denen beigewohnt werden konnte, sofern die interessierten Kongressteilnehmer noch einen der limitierten Plätze ergattern konnten. Leider fand der erwartete und durchaus die Veranstaltungsbezeichnung „Kongress“ legitimierende Austausch mit Kindern und Kollektiven ihren Raum weniger in moderierten Gesprächsrunden oder produktiven Arbeitsgruppen, sondern wenn überhaupt eigeninitiativ in Leerlaufphasen zwischen Workshops und gemeinsamen Mahlzeiten.

Wer das Gespräch nicht suchen wollte, der bemalte in der Jurte des Gießener Kollektivs „Mobile Albania“ Overheadfolien mit persönlichen Kongresseindrücken. Die unter anderem aus alten Wahlplakaten erbaute Jurte war nämlich, wie es in der Programmankündigung nachzulesen war, als dauerhafte Anlaufstelle gedacht, in der Eindrücke festgehalten und über den Kongress in eine „Verfassung für ein Theater der neuen Generation“ Eingang finden sollten. Leider entstand hierbei nicht etwa ein Thesenpapier, an dem sich die Theaterwelt nun reiben und entlangarbeiten könnte. Die Eindrücke verloren sich nach einem ambitionierten, aber weniger erfolgreichen Versuch die Bilder zu Geschichten zu interpretieren, im Raum.

 Diskussionsstoff über ein zukünftiges junges Theater boten dagegen die Performances „Lucky Strike“ von „Skart“ und „Insekten“ von Ingo Toben. In diesen Produktionen wurde die junge Generation als eigenkreativ theaterschaffend behandelt, denn Kollektive und Jugendliche gestalteten große Teile der Performance-Konzepte gemeinsam. Das Potenzial des Kongresses wurde zwar deutlich, aber nicht genutzt, um im Nachhinein behaupten zu können, einen ersten großen Schritt auf ein „Theater der neuen Generation“ zuzumachen. Es ist dennoch nicht zu bezweifeln und mit begründeter Hoffnung zu erwarten, dass Kampnagel viel daran setzen wird, diese Bewegung weiter zu befördern und das Theater für ein junges Publikum zu reformieren.