Kindertheater braucht Hoffnung. Der Dramatiker Ad de Bont über Krieg auf der Bühne im Gespräch mit Wolfgang Schneider

Er schreibt die Klassiker des Kinder- und Jugendtheaters, er ist immer nah dran und mitten
drin, er dramatisiert Relevantes zu den Dramen der Realität: Ad de Bont, 1949 geboren, seit
1982 künstlerischer Leiter der Theatergruppe Wederzijds in Amsterdam und einer der
meistgespielten Autoren in Europa. Mit „Mirad, ein Junge aus Bosnien“ (1993) hat er den
Krieg auf die Bühne geholt, vermeidet jede Larmoyanz oder falsche Betroffenheit, seine
Geschichte über Unmenschlichkeit, Folter und Flucht wird von Tante und Onkel erzählt. Am
21. September 2015 hatte sein neuestes Stück im Theater Utrecht Premiere: „Lügen“, eine
Geschichte aus dem heutigen Holland, mit Rückblicken auf die Geschichte des Genozids in
Ruanda. Wolfgang Schneider sprach mit dem Träger des deutschen ASSITEJ-Preises darüber,
warum Kinder im Publikum mit dem Krieg auch noch auf dem Theater konfrontiert werden
müssen, welche Rolle die Künste in der Gesellschaft spielen und ob es noch Hoffnung gibt für
ein Happy End in Frieden und Freiheit.

Gewalt und Krieg, das sind Themen, die du immer wieder in deinen Stücken bearbeitest. Was
beschäftigt dich, diese Realität aufzugreifen und wie willst du künstlerisch wirken?
Es ist vielleicht das Unverständnis, wenn man davon hört, Bilder sieht. Man kann sich
überhaupt nicht vorstellen, dass so etwas passieren kann, dass das wirklich geht. So war es
auch bei meinem letzten Stück „Lügen“, einem Stück über Ruanda. Ich bekam eine Anfrage
von einem Theater aus Utrecht, ob ich nicht eine Geschichte schreiben könnte, über ein
großes Missverständnis, einen Streit zwischen Vater und Sohn. Ich erinnerte mich an eine
Geschichte aus der Zeit von „Mirad“. Wir spielten damals auch viele Vorstellungen in
Asylbewerberheimen. Dort erzählte ein Mann: „Und dann kam ich in ein Zimmer mit sechs
anderen Leuten und einer davon war ein Serbe, der meine Familie ermordet hatte. Hier
standen wir plötzlich, beide in demselben Zimmer, beide Asylanten in Holland.“ Eine
zufällige Begegnung. Aber wie lebt man von dort an weiter? Was soll man tun? Wie sich
verhalten? Weiter morden, der Gerechtigkeit wegen? Oder alles der Polizei erzählen? Diese
Gedanken waren der Ausgangspunkt für das neue Stück.

Du hast einmal gesagt: „Es gibt Geschichten, die niemand erzählen will und niemand hören
will. Geschichten, die es nicht geben sollte, die es aber gibt, geben wird, so lange Menschen
auf Erden leben.“ Warum müssen diese Geschichten im Kindertheater gezeigt werden?
Weil man sonst kein reales Bild von der Welt kriegt. Man spürt diese Geschichten überall.
Man hört sie überall. Wenn man nicht darüber redet, ist die Gefahr groß, dass sie sich
fortsetzen, dass man nicht gewarnt ist. Es geht darum, unsere Kinder auf das ganze Leben
vorzubereiten, das manchmal romantisch und sehr schön sein kann, aber oft auch grausam.

Du hast eine bestimmte Arbeitsweise, insbesondere bei den Stücken, wo es um solche
existenziellen Erfahrungen geht. Du arbeitest mit Erzähltheaterelementen, du arbeitest mit
Tagebucheintragungen, du arbeitest mit dokumentarischem Material. In „Lügen“ kommen
auch Lieder vor, die du recherchiert hast. Wie würdest du diese Arbeitsweise beschreiben?
Ich lese so viel wie möglich und sehe Dokumentarfilme über die jeweilige Zeit, über die
Geschichte. Dann suche ich mir Fragmente oder kleine konkrete Anekdoten zusammen. Wie
die Geschichte in „Mirad“, in der der Vater in ein Minenfeld geschickt wird. Die habe ich in
einem Bericht von Amnesty International gelesen. Ich fand das so grausam, dass man einfach
unschuldige Menschen in ein Minenfeld schickt. Und so bauen sich langsam alle Teile auf.

Du lässt die Geschichte von Mirad, einem Jungen aus Bosnien, durch Tante und Onkel
erzählen. Könnte man diese Form von Theaterarbeit als eine „Dramaturgie der Distanz“
bezeichnen? Dass du etwas dazwischenschaltest, zwischen die Realität und das, was auf dem
Theater möglich ist?
Ja, für dieses Stück wäre das eine sehr gute Beschreibung. Durch die Distanz kann man
ziemlich neutral berichten, ohne immer wieder in die Gefühlsebene abzurutschen.

Willst du den Kindern nicht die ganze Grausamkeit zumuten? Willst du durch diese Distanz
mehr Reflexionsmöglichkeiten schaffen? Gewissermaßen als emotionale Antizipation?
Es ist wichtig, dass das Theater nicht nur zum Mitfühlen, sondern auch zum Denken anregt.
Ich bin mittlerweile der Ansicht, dass das Publikum manchmal mehr fühlt, wenn die
Beschreibung ein bisschen sachlicher ist oder mit Abstand erzählt wird.

Wenn ich mir erlaube, diese beiden Stück nebeneinander zu legen, sehe ich einerseits nach
wie vor in „Mirad“ eines der wichtigsten Stücke, die es im Kinder- und Jugendtheater gibt,
die sich mit Krieg, Gewalt und Flucht beschäftigen. Es werden viele schreckliche Dinge beim Namen genannt: Menschen seien wie Tiere aufeinander losgegangen, wird dort zum Beispiel
gesagt. Wenn ich „Lügen“, dein neues Stück, dagegen halte, glaube ich erkennen zu können,
dass du den Kindern mehr zumutest, mehr zumuten willst. Du möchtest dein Publikum
überhaupt nicht schonen, sondern du sprichst von Leichen und Aas, von Mördern und
Bestien, die gejagt und getrieben sind, gequält und geschändet haben. Und die Geschichte,
die dann erzählt wird – von jenem Vater, der von seinem Sohn als Mörder, als Schlächter der
Nachbarn identifiziert wird –, das kann man eigentlich, selbst wenn man es erstmal nur liest,
kaum aushalten und trotzdem schreibst du es.
Mirad haben wir damals ab 10 Jahren gespielt. „Lügen“ würde ich nicht ab 10 spielen,
sondern für ältere Kinder. Das wäre sonst tatsächlich etwas zu viel, auch durch die
Komplexität der Hexameter im Stück. Andererseits, im Fernsehen sehen die Kinder das
Gleiche, manchmal auch schon mit 10 Jahren. Nur dass sie dort nicht aufgefangen werden, sie
sehen es einfach.

Das eine ist Literatur, ein dramatischer Text, das andere ist, wenn es auf der Bühne gespielt
wird, eine zweite Wirklichkeit, die da entsteht. Wie ist das Verhältnis zwischen dem, was du
dir an Theatralisierung vorstellst und dem, was du letztendlich dann zu Papier bringst? Du
bist ein Theatermann durch und durch, also hast du sicherlich auch immer eine eigene
Inszenierung im Kopf.
Ja. Aber das ist allein mein Bild. Dabei geht es fast immer um Distanz. Häufig, wenn andere
meine Stücke inszenieren, denke ich: Nicht so emotional. Natürlich soll die ganze Emotion da
sein, aber man muss sie nicht zeigen, sondern spürbar machen. Das kann durch Distanz
gelingen.

Aber im Text lese ich von dem Jungen Pio folgenden Satz: „Vater, mir ekelt vor dir.“ Er
nennt ihn „eine wandelnde Lüge, einen Heuchler“ usw. Das sind doch ziemlich starke Worte
und sie sind auch ziemlich direkt.
Es gibt Verse in diesem Teil, Hexameter, und die nicht ohne Grund. Oft habe ich in Prosa
angefangen zu schreiben und dann wurde es mir bereits im Text zu realistisch. Die Hexameter
bringen erneut Distanz. Jedem Schauspieler, der diese Verse spricht, würde ich sagen: Nicht
mit zu viel Gefühl. Es geht um Tempo, Volumen, Sprachmelodie. Das Gefühl sitzt bereits in
den Worten, und das besonders dann, wenn es für sich allein genommen schon schrecklich ist.
Vielleicht sollte man solch eine Strophe dann nur flüstern, weil es sonst einfach zu viel wird.

Und was denkst du, wie soll ein Satz aus „Lügen“ gesagt werden, der im Grunde genommen
als Credo deines Schreibens herhalten kann: „Versöhnung ohne Gerechtigkeit ist nicht
möglich.“ ? Ist Kindertheater für dich so was wie eine moralische Anstalt?
Vor 15 oder 20 Jahren habe ich einen Satz von einer belgischen Dramaturgin gelesen,
Marianne van Kerkhoven. Sie hat gesagt: Seitdem die Kirchen leer sind, ist das Theater die
neue Kirche. Da ist etwas dran. Theater ist ein Raum, in dem wir zusammenkommen, um
über das Leben nachzudenken und zu sprechen. Das ist die moralische Instanz. Theater ist die
neue Kirche, das finde ich einfach wunderbar. Auch für mich als Erwachsener ist es wichtig,
dass eine Theatergeschichte etwas Moralisches hat. Natürlich auch gerne etwas Poetisches
oder etwas Witziges. Es muss insgesamt etwas geben, worüber man nachdenken kann, was
einen weiter bringt. „Lügen“ fand ich ohne die beiden letzten Szenen zu schwarz. Ich dachte:
Nein. Es muss etwas Hoffnung bleiben. Nicht nur die Frage: Und wie jetzt weiter? Nach
dieser grausamen Geschichte.

Also dein Plädoyer ist: Ein Stück für Kinder braucht ein Happy End?
Nein, Happy End würde ich es nicht nennen. Auch bei Mirad nicht, oder?

Es endet damit, dass er in seine Heimat zurückgeht, was auch immer ihn dort erwartet. Aber
das ist ein sehr starkes Bild, dass er trotz all seiner Erfahrungen diese Verbundenheit hat
und möglicherweise ein neues Leben versucht. Bei „Lügen“ ist es so, dass der Sohn auf den
Vater zugeht und dass sie sich nach zehn Jahren wieder begegnen, nachdem der Sohn sich so
lange von seinem Vater abgewandt hat.
Du sagst, Kindertheater braucht ein Happy End? Nein, Kindertheater braucht Hoffnung. Das
würde ich sagen. Dann kann man alle grausamen Geschichten, die es auf der Welt gibt,
erzählen. Aber es muss irgendwo Hoffnung sein.

Woher nimmt der Autor Ad de Bont all den Mut, immer wieder Mut machen zu wollen, wenn
er doch seit der Geschichte von „Mirad“ erlebt hat, dass wir keineswegs Frieden in der Welt
haben und dass die Situation sich nur noch verschärft, was die kriegerische
Auseinandersetzung und die unmenschlichen Verhältnisse betrifft?
Wir haben seit 70 Jahren keinen Krieg mehr in Europa. Aber woanders auf der Welt waren in
dieser Zeit immer Kriege. Irgendwo kommen wir weiter, wenn auch bis heute nicht in der
ganzen Welt. Aber warum sollen wir nicht die Vision haben, dass Frieden weltweit kommen
könnte, eines Tages. Vor einhundert Jahren war es schwer vorstellbar, dass man in Europa 70
Jahre lang in Frieden leben kann, oder? Ich denke, wir kommen weiter.

Mirad hat sich zu seinem 13. Geburtstag Frieden gewünscht. Was hat sich Ad de Bont zu
seinem 66. Geburtstag gewünscht?
Natürlich auch wieder bleibenden Frieden. In erster Linie für meine Kinder. Die sind jetzt 20,
21 und 26. Was für eine Zukunft haben sie, ökonomisch, aber auch politisch und persönlich?
Was ich mir immer gewünscht habe und noch immer wünsche ist, dass sie ihren Platz in einer
Gesellschaft finden, die ihnen und ihren Mitmenschen Raum gibt. Dazu gehören natürlich
auch die vielen Menschen, die überall auf der Welt eine neue Zukunft suchen. Meine Kinder
sind nicht anders als all die anderen Leute, die auf der Suche sind. Ich hoffe, sie finden ein
gutes Leben, vielleicht nicht ein reiches, aber ein gutes Leben, in Gemeinschaft, ohne Krieg,
damit fängt es an, oder?

Schon wieder Hoffnung! Ich wünsche, dass deine Wünsche in Erfüllung gehen und bedanke
mich für das Gespräch.

Wolfgang Schneider ist Professor für Kulturpolitik an der Universität Hildesheim und
Vorsitzender der ASSITEJ Bundesrepublik Deutschland e.V.