It's the economy, stupid

 Wie erklärt man einem sparwütigen Kommunalpolitiker, der noch nie in seinem Leben im Theater war und auch nicht vorhat, daran etwas zu ändern, warum Steuergelder in die Finanzierung von Theater gesteckt werden sollen? Indem man sagt: "Theater muss sein!"? Oder gibt es vielleicht bessere Argumente? Ließen sich die Kultursparer womöglich gar mit ihren eigenen Waffen schlagen?

 

Das Theater war schon immer Almosenempfänger. Das war nie anders. Es gehört sogar zu den Grundbedingungen des Theaters, dass es nicht nachfrageorientiert und damit auch nicht gewinnorientiert produzieren kann. Zumindest ist es die Grundbedingung für die Art von Theater, die in Deutschland bisher gewollt war und die jetzt – wieder einmal – durch kommunale Sparmaßnahmen in ihrer Existenz bedroht ist. Nicht in Gänze. Wenn vom Kulturabbau die Rede ist, geht es in der Regel nur um Sparmaßnahmen einzelner Kommunen oder Bundesländer. Aktueller Hotspot der Sparkrise ist Sachsen-Anhalt, früher waren es andere und es werden wieder andere folgen. Was aber in seiner Gänze bedroht ist, das ist die deutsche Bühnenlandschaft, das Versprechen und der schöne Traum, die ganze Republik bis in die kleinsten Winkel hinein mit dem Odem der Kultur zu versorgen. Das Versprechen kann aber nur eingehalten werden, wenn sich um die Erhaltung der gesamten Bühnenlandschaft gekümmert wird und nicht die kleinen Bühnen gegen die großen Häuser ausgespielt werden. Über den Anspruch dieser flächendeckenden Kulturversorgung und über die Qualität dieser Versorgung in ihrer Umsetzung auf den Stadt-, Landes, - und Staatstheaterbühnen kann man streiten, soll man sogar. Doch haben wir es hier nicht mit ästhetischen Debatten zu tun. Die Abhängigkeit des deutschen Bühnensystems von Geldern, die es nicht selber, Cent für Cent, an der Abendkasse erwirtschaftet hat, war diesem schon immer bewusst. Nun spielt aber hierzulande kein Theater deshalb, weil ein reicher Mäzen es gnadenvollerweise so möchte, sondern es spielt, weil es den öffentlichen Kulturauftrag wahrnimmt. Die Theaterbetriebe werden im Namen aller Steuern zahlenden Bürger betrieben, aber deswegen noch lange nicht ausschließlich für diese. Dass nun einige das Angebot an Kultur, das sie mit ihren Steuern ermöglicht haben, nicht wahrnehmen wollen, gehört zu den Trivialitäten staatlich organisierter Vergesellschaftung und stellt insofern nicht die Subventionspraxis an sich in Frage.

 

"Theater muss sein"

 

Doch wie sich immer wieder zeigt, sind Kulturetats keineswegs sakrosankt. Über die Höhe der bewilligten Summe entscheiden kommunale, landesherrliche und staatliche Gremien zu Beginn eines jeden Haushaltsjahres. Bürgerinnen und Bürger sind an diesen Entscheidungen nicht direkt beteiligt, doch sie sind nicht ohne Einfluss. Die Selbstverständlichkeit, mit der Kulturetats bewilligt oder gekürzt werden, könnte aufschlussreich sein für die Verankerung dieser mit Subventionen geführten Kultureinrichtungen in der Gesellschaft. Je stärker der Protest gegen Sparmaßnahmen, desto größer die Verankerung – ließe sich annehmen. Da aber gerade das Theater eine Institution ist, für die die Kommunikation mit der Außenwelt gewissermaßen zur job description gehört, könnte man argwöhnen, dass es sich bei den öffentlichkeitswirksamen Protesten gegen Kulturabbau nur um die Meinung einer kleinen aber lautstarken Minderheit handele. Dagegen lässt sich schwer etwas einwenden. Allerdings ist es irreführend die Berechtigung der Kulturförderung an einer irgendwie wesenhaft feststehenden Verankerung oder Akzeptanz dieser Einrichtungen in der Öffentlichkeit festzumachen, die sich dann zu gegebenen Zeitpunkt artikuliert, mal mehr, mal weniger lautstark. Denn die Akzeptanz des kulturellen Angebots in der Gesellschaft und die damit zusammenhängende Bereitschaft, die dafür nötigen Mittel aufzubringen, ist immer das Ergebnis von Aushandlungsprozessen, die erst stattfinden, wenn die bisherige Praxis in Frage gestellt wird.

 

Die für und wider argumentierenden Diskutanten erwecken dabei gerne den Eindruck, als verhülfen sie mit ihren Argumenten lediglich einer gesellschaftlichen Notwendigkeit zu ihrem Recht. Der Deutsche Bühnenverein beispielsweise hat angesichts drohender Mittelkürzungen das Motto herausgegeben: „Theater muss sein“. Dem brancheneigenen common sense leuchtet das auch fraglos ein. Fehlt jedoch diese fraglose Zustimmung, kann sie nicht im Namen einer darüber liegenden allgemeinverständlichen Notwendigkeit eingefordert werden. Es gilt nicht mehr die uneingeschränkte Übereinkunft, dass die Theaterschaffenden und die Zuschauenden während der gemeinsam geteilten Lebenszeit dem moralischen Fortschritt der Menschheit dienen – falls diese Übereinkunft überhaupt jemals in vollem Umfang gegolten hat. Und auch die Rede von der ästhetischen Erziehung, die durch das Theater geleistet werde, bleibt letztendlich nur für den verständlich, der der bloßen Idee von der ästhetischen Erziehung einen Wert beimisst. Wer jedoch Bildung hauptsächlich als eine Aneinanderreihung karrierefördernder Maßnahmen versteht, wird sich nur widerwillig auf die ungewisse Erfolgsaussicht der ästhetischen Erziehung einlassen. Wer das Theater kennt und schätzt weiß, warum es in seinen vielfältigen Formen sein muss. Diese Kenntnis zu verbreiten ist Aufgabe der Theater, wofür sie – am Rande erwähnt – auch die erforderlichen Mittel brauchen.

 

Der freie Markt bestimmt

 

Die Kürzungsbefürworter hingegen bringen das Argument vor, dass die Subventionen, die den Bühnen zukommen, in Schulen und Kitas, im Straßenbau, der Forschung und wer weiß wo noch sinnvoller investiert seien als am Theater. Während also die Gegner der Mittelkürzungen für die Glaubhaftmachung ihres Anliegens den Wert der an den Bühnen geleisteten Arbeit anführen können, was ihre Position der subjektiven Bewertung eines ästhetischen Erlebnisses aussetzt, können die Befürworter der Kürzungen mit der scheinbaren Plausibilität einer Kosten- und Nutzenrechnung aufwarten. Es bleibt dabei meines Erachtens nach unerheblich, ob sie nur versuchen ihr ganz privates Desinteresse am Theater zu objektivieren oder aus wirtschaftspolitischer Perspektive argumentieren. Denn im Zuge der Spardebatten offenbart sich der zu konstatierende Umstand, dass ein gesellschaftlicher Konsens über den Wert der Bühnen nicht mehr existiert. Der Theaterabend ist keine gesellschaftliche Institution mehr, die sich der Bürger gönnt, die er sich vielleicht sogar aus Gründen der Sichtbarmachung seiner Klassenzugehörigkeit gönnen musste. Freilich, der Zusammenhang zwischen Klassenzugehörigkeit und Theaterbesuch ist schon seit längerer Zeit nicht mehr gegeben, ein Umstand, der aus Sicht der Theater sicher zu begrüßen ist, wollen sie doch seit jeher eine Begegnungsstätte sein, zu der es den Menschen vor allem aus einem ureigenen anthropologischen Bedürfnis hintreibt. Akzeptanz oder Ablehnung des Theaters speisen sich aber nicht mehr aus Interesse oder Desinteresse an demselben oder, anders betrachtet, aus einem groß- oder kleinbürgerlichen Klassenbewusstsein. Es ist nun eine neue Position hinzugekommen, die den alten Frontverlauf gehörig durcheinander bringt. Diese Position artikuliert sich selten offen, sie hat mehr etwas von einem zugrundeliegenden Tenor, einer neuen stillschweigenden gesellschaftlichen Übereinkunft. Gemäß dieser Übereinkunft sind die Fährnisse des freien Marktes die alleinige Entscheidungsgrundlage dafür, was Bestand haben darf und was nicht. Diese Annahme äußert sich in zwei Grundhaltungen.

 

Die erste geht davon aus, dass der Sinn öffentlicher Ausgaben einzig und allein darin liege den Standort Deutschland wettbewerbsfähig zu halten. Ausgaben in Kinderbetreuung, Bildung und Forschung sind vor diesem Hintergrund leicht zu legitimieren. Ein Theaterhaus hingegen, das sich nicht selber finanziert, gilt als Luxus, den man sich nur leisten kann, wenn so viel Geld in öffentlichen Kassen vorhanden ist, dass es ohnehin keinen interessiert, was damit gemacht wird.

 

Versteckte Subventionsmilliarden

 

Die Sinnhaftigkeit von Einsparungen im Kulturhaushalt ist jedoch fragwürdig. Die für Kultur bewilligten Zahlungen der Kommunen, Länder oder des Bundes betragen selten mehr als 2% des Gesamthaushaltes. Bedenkt man dabei, dass zwischen 70% und 80% der geleisteten Subventionen für Personalkosten verwendet werden, ist es umso fraglicher, welcher Vorteil den jeweiligen Haushalten daraus erwachsen könnte hier Geld einzusparen. Entlassenes Personal taucht im Zweifelsfall als neuer Kostenpunkt in der Arbeitslosenstatistik wieder auf. Der Ruf nach Umschulung wäre ebenso kurzsichtig, denn das Fachkräftemangel-Problem ist nicht dadurch zu lösen, dass man Arbeitskräfte aus dem künstlerischen und künstlerisch-technischen Bereich freisetzt.

 

Die zweite Grundhaltung artikuliert sich in einer Art marktliberalem Bolschewismus. Theatersubvention sei ungerecht und befördere die gesellschaftliche Ungleichheit, weil sie nur einer kleinen Gruppe, manches Mal auch als Elite der Schönen und Reichen bezeichnet, zu Gute komme. Hierbei werden auch gerne die Subventionszahlungen auf den Preis der Eintrittskarten umgerechnet und dabei völlig außer Acht gelassen, dass mit öffentlichem Geld nicht der Besuch des Theaters durch Person XY finanziert wird, sondern dass damit die Angestellten der Theater für ihre Arbeit entlohnt werden. Wie dem auch sei, es mag richtig sein, dass Theater, Oper und Tanz nicht mehr auf ihre selbstverständliche Wertschätzung durch eine Mehrheit der Bevölkerung bauen können. Sie sind vom Sockel des unhinterfragbaren hochkulturellen Eigenwertes gestoßen – ob zu ihrem eigenen Besten oder Schlechten, sei dahingestellt. Und nunmehr sind sie in den Augen einiger Argumentatoren nichts weiter als eine Unterhaltungsform unter vielen. Doch, so das gängige Argument, während die Bühnen öffentliche Gelder in Milliardenhöhe erhielten, muss sich der „Theatermuffel“ seine elektronischen Unterhaltungsmedien selber zusammenkaufen. Es zahlt aber der Käufer eines Fernsehers, eines Computers oder einer Spielkonsole ebenfalls nicht die volle Produktionskette des Produktes, das er in Händen hält. Jedes Produkt, das sich im Supermarkt oder Elektrogroßhandel kaufen lässt, ist voller versteckter Subventionsmilliarden. Kurz gesagt, der freie Markt kann sich nicht selbst am Markt behaupten.

 

Symbolischer Nutzen der Kultureinsparungen

 

Die Ansicht, dass sich der Wert einer Sache im Mindesten daran bemessen ließe, dass sie sich am freien Markt behaupten könnte, geht in doppelter Hinsicht fehl. Erstens was den freien Markt anbelangt. Produkte sind nicht deswegen da, weil ein autarkes Subjekt es mit einem Male so wollte, sie sind nur herstellbar und für den Kunden bezahlbar auf Grundlage einer öffentlich getragenen Infrastruktur und auf Grundlage von Subventionen und Steuererleichterung. Zweitens besteht ein Irrtum bezüglich der Freiheit des Kunden. Der Kunde kann mit seiner Kaufkraft nur auf das reagieren, was bereits da ist. Der Kunde gibt kein Produkt in Auftrag, dass es bis dato noch nicht gab, sondern er wählt aus bereits Vorhandenem das aus, was ihm am meisten zusagt. Das weltverändernde Potential der Kaufentscheidung kann seine volle Kraft nur über lange Zeiträume entfalten und auch nur, wenn sie beständig in eine Richtung gelenkt wird. Die Entwicklungsgeschichte der erneuerbaren Energiegewinnungstechnologie kann dafür als Beispiel dienen. Der freie Markt, als bloße Dynamik von Angebot und Nachfrage, ist ein schlechter Ratgeber in Fragen wie wir leben wollen, denn er drängt von sich heraus auf Beharrung und nicht auf Veränderung. Die Innovationskraft, die ihm zugeschrieben wird, die immer neuen Produkte und Technologien, die er hervorbringt, sind nur verschiedene Windungen des immer Gleichen. Es ändert sich nicht das Spiel, sondern es ändern sich nur die Bilder auf den Spielkarten. Doch ist es nicht mein Anliegen Kapitalismuskritik zu äußern. Was hier vorgetragen wurde, dürfte ohnedies weithin bekannt sein. Es sollen auch keine Schuldigen für etwaige Krisen benannt werden und schon gar nicht soll der Theater- oder Operngänger gegen den Kino- oder Fernsehzuschauer oder den Computerfreund ausgespielt werden. In Frage gestellt wird lediglich die Art und Weise, mit der Kürzungen im Kulturhaushalt begründet werden.

 

Der größte Wert der Kultureinsparungen liegt in ihrem symbolischen Nutzen für die Politik. Die Botschaft, die sie vermitteln, lautet: In Zeiten der Not verzichten die Bürger nach altrömischer Tugend auf jeglichen Luxus und leisten sich nur das Notwendige. Wem Guido Westerwelles Diktum von der "spätrömischen Dekadenz" verdächtig vorkam, der sollte auch bei der Tugendhaftigkeit der Kultureinsparungen aufmerken, denn der Anschein des Verzichts auf Luxus zu Gunsten des Notwendigen vermittelt ein falsches Bild vom tatsächlichen Nutzen dieser Einsparungen. Einmal ganz abgesehen davon, dass die Gegenüberstellung von Luxus und Notwendigkeit eine Lücke aufweist. So glaubt man doch jegliche Fragen nach der Begründung des Notwendigen beantwortet zu haben, solange sich nur einigermaßen erfolgreich behaupten lässt, Kultursubventionen seien verderblicher Luxus. Paradoxerweise spielt der lautstarke Protest der Theaterhäuser der symbolischen Einsparungspolitik in die Hände. Denn obgleich Einsparungen im Kulturhaushalt kaum das Potential haben zur Sanierung der Haushaltes etwas wesentliches beizutragen, vermittelt sich durch lauten Protest das Bild, hier würden millionenschwere Pfründe fürs Gemeinwohl freigesetzt. So entsteht ein Missverhältnis zwischen der gefühlten und der erreichten Haushaltssanierung. Und dieses geht dann nicht nur zu Lasten der Theaterschaffenden und Schauenden, sondern auch zu Lasten derer, die dachten, mit den Kürzungen bei Kultur sei auch der Haushalt wieder flott. Falsch wäre indessen die Schlussfolgerung, Theater sollten tunlichst nicht mehr Protest anmelden, wenn sie von der Schließung bedroht sind. Doch reicht es nicht aus nur den ästhetischen Wert des Theaters zu postulieren, wie es vielfach getan wird. Man sollte stattdessen versuchen auch die Rede von der wirtschaftspolitischen Notwendigkeit, die der Mittelkürzung als Begründung vorausgeht, in den Fokus der Proteste zu stellen. Denn der ästhetische Wert allein mag selbst dem Theatergeneigten veräußerbar erscheinen, wenn man ihm nur glaubhaft macht, dass dieser Wert zur untragbaren Last der Allgemeinheit wird.