Feuer weitergeben statt Asche anbeten

Was bedeutet Theater für jemanden, der an der Schwelle zu einem Berufsleben darin steht? Jonas Steglich ist 23 Jahre alt und Schauspiel-Absolvent der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn" Leipzig. Im Interview mit Franz Zimmermann erzählt er, wie er sich seine Zukunft als Schauspieler vorstellt, was er anders machen möchte und warum es Theater als Illusion für ihn nicht mehr gibt.

 

 

 

 

Wenn Du auf die letzten drei Jahre Deiner Schauspielausbildung zurückblickst, wie hat sich dein Bild oder auch Dein Traum vom Schauspieler verändert?

 

Vor der Schauspielschule war mein Horizont noch relativ eng. Ich dachte immer Theater bestünde nur darin, eine Geschichte zu erzählen oder einen Gedanken zu vermitteln. Mittlerweile habe ich aber begriffen, dass Theater noch auf ganz anderen, feinstofflichen, sinnlichen Ebenen und Energien funktionieren kann. Ich bin als Schauspieler dazu in der Lage, indem ich aufder Bühne eine Haltung oder ein Bild erschaffe, eine Energie richtig setze, im Zuschauer etwas auszulösen, dass nicht über den Kopf läuft, sondern über den Bauch. Zum Beispiel spielen meine Kommilitonen und ich zurzeit das Stück „Der große Marsch“ von Wolfram Lotz, in dem wir zur einer Wahnsinns-Musik vollkommen ausrasten. Und da gibt es Zuschauer, die anfangen zu weinen, weil sich ein Gefühl von Entfesselung, von Freiheit im Raum breitmacht und sie dieses Gefühl überfährt. Das sind eben auch Möglichkeiten, die ich als Schauspieler habe und mit denen ich arbeiten kann.

Und was den Traum vom Schauspieler angeht, hat sich der eigentlich nicht so sehr verändert. Der Traum ist immer noch, Menschen zu treffen, die ich interessant finde, zu denen ich ganz schnell eine Beziehung aufbauen kann, bei denen ich mich zu Hause fühle und mit denen ich dann eine gute Zeit haben kann. Eine Zeit, in der ich mit ihnen zusammen kreativ Dinge erschaffen kann. Immer und überall. Der Traum ist also auch, dass man etwas macht, das einem Spaß macht, einen beglückt und womit man gleichzeitig seinen Lebensunterhalt verdient. Ich finde, dass gerade dieser Beruf nicht funktionieren kann, wenn man nicht bereit ist sein Herzblut hineinzustecken. Und mein Traum ist, dass sich diese Haltung nie ändern wird.

 

Als Schauspieler hat man ja auch den Ruf „brotlose Kunst“ auszuüben. Hast Du Angst vor dem unsicheren Arbeitsmarkt, auf dem Du Dich bald bewegst?

 

Ich bin da relativ angstfrei, muss ich sagen. Ich glaube, dass wenn man die Dinge auf sich zukommen lässt, seinem Bauchgefühl folgt, den Job nicht einfach nur als Job abtut und nicht so sehr auf Karriere schaut, sich immer irgendwo eine Möglichkeit ergeben wird. Und im Zweifelsfall zieht man selber was hoch – nimmt sich einen Kredit auf, mietet einen Raum und versucht mit Leuten, die man mag, was Tolles auf die Beine zu stellen. Die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt. Und ja letztendlich geht man halt auch mal für ein paar Wochen Kellnern oder man isst mal etwas weniger, bis die nächste Produktion losgeht. Das ist etwas, worauf ich mich einstelle, wovor ich aber keine Angst habe. Das ist jetzt alles aus der Sicht eines jungen Menschen, ohne Familie, ohne sesshaft zu sein, aber so ein Leben ist gerade für mich unvorstellbar. Ich glaube, es wäre jetzt auch nicht sonderlich förderlich sich bereits über solche Hausnummern Gedanken zu machen. In einem künstlerischen Beruf muss man es schaffen, den Moment möglichst auszunutzen. Wenn ich mich frage, was in zwei Jahren kommen wird, dann kann ich mich auf das Jetzt gar nicht konzentrieren, und es wird mich blockieren.

 

Du hast bereits erwähnt, dass Du zur Not auch eigene Projekte aus dem Boden stampfen würdest. Ist die Freie Szene also auch eine berufliche Option für Dich?

 

Die Freie Szene ist ein ungeheuer wichtiger Bestandteil der Theaterszene. Ich glaube, das subventionierte Theater begeht immer mal wieder einen großen Fehler. Nämlich, dass es denkt durch die staatliche Subventionierung es allen Bürgern der Stadt recht zu machen, damit alle ins Theater kommen. Mal davon abgesehen, dass es ein schönes Gefühl ist vor einem vollen Haus zu spielen, glaube ich aber, dass man so etwas nicht über Gefälligkeit erreichen darf, sondern eigentlich mit einem klaren und meinetwegen auch radikalen künstlerischen Ansatz. Die Subventionen werden meiner Meinung nach erst gerechtfertigt, wenn versucht wird Sachen neu zu denken, anders zu machen und versucht nicht gefällig zu sein. Wenn es nur darum geht ein Musical nach dem anderen zu spielen, weil es den Leuten gefällt, dann kann der Staat auch irgendwann sagen: „Ach Mensch läuft doch! Dann könnt ihrs auch als private GmbH machen.“

Verrückterweise macht aber die Freie Szene genau das alles richtig. Was total widersprüchlich ist, weil gerade die ja viel mehr mit Existenzängsten zu tun hat. Und da liegt es in meinem Verständnis eigentlich näher, dass die Freie Szene diejenigen sein müssten, die dieses gefällige „Hey-hier-sind-wir-und-wir-machen-mal-einen-lustigen-Schwank-Theater“ machen müssten, damit die mal eine volle Hütte haben und was zu Essen haben. Aber lustigerweise ist das in Deutschland genau umgedreht. Etwas, was ich nicht kapiere, mal davon abgesehen, dass ich diese Theaterform trotzdem unterstütze.

Ausnahmen gibt es natürlich, wie die Volksbühne Berlin oder früher das Central Theater in Leipzig. Der Stadtpolitik hat das gar nicht gefallen, aber eigentlich hätte es ihnen total lieb sein müssen. Ich weiß nicht, was daran gut sein sollte, das Gut-Bürgertum zwischen vierzig und sechzig ins Theater zu bekommen. Der viel zukunftsträchtigere und sinnvollere Ansatz müsste eigentlich sein, ein radikales, junges und für studentisches Publikum attraktives Theater zu machen. Weil das ist ja auch schließlich die gesellschaftliche, intellektuelle Avantgarde von Morgen. Diesem Publikum Raum im Theater zu geben, finde ich viel wichtiger als zum Beispiel einer Renate Schmidt, Rechtsanwältin aus Gohlis-Nord, einen schönen Abend mit ihrem Gatten zu bescheren, bei dem sie sich mal schick anziehen und hinterher im Karstadt am Springbrunnen noch einen Kaffee trinken und sagen: „Ach jetzt ham wa mal wieder Kultur gesehen.“ Diese Leute sind mir als Theatermacher persönlich nicht so wichtig, wie zum Beispiel ein Dennis P., der in einer WG in Plagwitz wohnt und Kulturwissenschaften studiert, mit dem ich hinterher in der Kantine ein Bier trinke und dabei Positionen austausche. Ein ganz toller Spruch von Gustav Mahler trifft es da eigentlich genau: „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers. Und wenn das Theater das Feuer weitergeben will, dann sollte es sich vor allen Dingen an junge Leute richten.

Das heißt nicht, dass ich das traditionelle Theater völlig aus dem Programm kicken möchte. Wenn ich einen Schiller gut gespielt und texttreu auf die Bühne stelle, hat das auch was für sich. Das möchte ich nicht absprechen, aber ein Theater darf sich nicht auf die Fahne schreiben: „Wir machen hier Kunst und Kultur und pflegen die Klassiker.“ Schiller war ja auch ein total radikaler Denker. „Die Räuber“ zum Beispiel war ein riesengroßer Aufriss damals. Er hat damals Formen ausprobiert, die vorher niemals kannte. Und das ist das, was Theater suchen muss.

Und ja, das Theater hat es im einundzwanzigsten Jahrhundert nicht gerade leicht. Der Film zum Beispiel kann Geschichten einfach besser erzählen und ist publikumswirksamer. Er hat dafür einfach ganz andere, bessere Möglichkeiten und Effekte Bilder zu erzeugen. Die Stärke im heutigen Theater liegt viel mehr darin, dass man dieses Medium als Kommunikationsraum begreift. Denn hier befinden sich, anders als im Film, Schauspieler und Zuschauer zusammen in einem Raum. Die Kunst wird genau in dem Moment produziert, wenn alle anwesend sind. Wenn ein Schauspieler einen Satz sagt, wie: „Heute habe ich auf der Bühne vergessen, dass das Publikum anwesend ist“, dann ist das einfach nur antiquierte Kacke. Theater als Illusion gibt es heute nicht mehr. Die wissen alle, dass sie im Theater in einem roten Sessel sitzen - ich brauche ihnen nicht vorgaukeln sie wären in einem Wald. Aber ich kann damit spielen, dass ich einen Wald behaupte auf der Bühne und das mit dem Publikum kommunizieren. Gemeinsam treffen wir eine Vereinbarung, wie Kinder das machen, wenn sie miteinander spielen. Theater ist also auch ein Schwingen und Austausch von Energien. Man spielt mit ihr und lässt sie frei. Im Gegensatz zum Film, lehnt sich der Zuschauer also nicht nur einfach zurück und lässt sich berieseln, sondern er ist wirklich anwesend, es passiert etwas mit ihm und ich kann ihn als  Schauspieler jederzeit herausziehen, ihn mit einbeziehen.                                                                          

 

Wo liegen Deine Grenzen bzw. was würdest Du auf einer Bühne niemals tun?

 

Was ich niemals tun würde wäre Pornographie. Ich könnte mir nicht vorstellen wirklichen Sex zu haben auf der Bühne. Davon abgesehen, dass es mir wahrscheinlich rein technisch in dieser Situation nicht gelingen würde (lacht). Das ist mir persönlich ein zu intimer Moment und davon mal abgesehen gibt es auf der Bühne auch Mittel Sex anders, sinnlicher und intimer zu erzählen.

Und ich würde mich nie auf einer Bühne verletzen lassen. Also in der Art, dass mein eigenes Blut fließen würde. Im Theater braucht es meiner Meinung nach nicht diese Mittel. Und wenn es doch irgendwann mal einen Punkt gibt, an dem ich diese Grenzen überschreiten würde, dann mit Sicherheit nie für einen Regisseur, der das gerade als richtig und gut empfindet. Wenn dann, würde ich durch die Arbeit selbst darauf stoßen und es ausprobieren.

 

Könntest Du Dir denn auch vorstellen mit einer Gruppe von Menschen ohne Regisseur ein Projekt zu entwickeln?

 

Ich kann mir das total gut vorstellen. Sicher ist die Instanz eines Regisseurs sinnvoll und hilfreich in einem künstlerischen Prozess, aber auch schon am herkömmlichen Theater arbeitet der Schauspieler ja relativ selbstständig. Es gibt viele Regisseure die offen dafür sind, dass sich ihr anfängliches Konzept im Laufe der Probenarbeit verändert und Schauspieler Angebote machen.

Andersherum kann ein Regisseur auch nicht verlangen, dass man jeden Scheiß spielt. Wenn man der Meinung ist, dass die Figur so was nicht machen würde oder es einfach sinnlos ist, dann kann man sich als Schauspieler auch dagegen wehren. Auch wieder eine Grenze.

 

Gab es mal eine Situation, in dem dein Spiel und die Realität miteinander verschmolzen sind?

 

Da fallen mir viele Situationen ein. Meistens sind das in der Tat emotionale Momente. Aber ich bin so ausgebildet worden und hab das für mich auch immer als wichtig empfunden, dass man nie die Kontrolle über die Rolle verliert. Denn das kann sehr hinderlich werden, wenn man da nicht mehr herauskommt. Viel schöner ist es, dass ich noch mitbekomme, wie es mich gerade wegträgt, in einen ganz anderen Zustand, aber es dann immer noch diesen kleinen Zipfel von mir gibt, der dann doch noch außen steht und sagen kann: „Ich könnte Dich aber in jedem Moment sofort wieder zurückholen und einen Bruch spielen lassen.“ Das ist mir zuletzt so gegangen, als ich den Costia aus Tschechows „Die Möwe“ gespielt habe. Ganz zum Schluss, kurz bevor ich mich erschieße, stehe ich vor dem Publikum mit der Knarre in der Hand, sage ganz langsam meine Sätze und fühle mich wirklich in der Figur. Vor mir in der ersten Reihe niest eine Frau, aber trotzdem kann ich immer noch so wach sein, ohne die Figur zu beschädigen, mir einen Lacher gönnen und „Gesundheit“ sagen – um dann weiter zu sprechen und mir am Ende die Kugel zu geben.

 

Eine letzte Frage noch: Was möchtest Du als ein Teil des Theaters bewirken?

 

Verschiedenes. Es gibt nicht den einen Auftrag, den Theater hat. So wie es verschiedene Formen und Genres im Theater gibt, gibt es auch immer eine andere Wirksamkeit. Ich finde zum Beispiel eine Boulevardkomödie überhaupt nicht verkehrt, wenn sie das Publikum für einen Abend einfach mal zum Lachen bringen soll und ihnen eine schöne Zeit bereitet. Das ist doch ein gutes Ziel vom Theater! Auf der anderen Seite finde ich Stücke gut, die wirklich tief gehen und etwas über uns erzählen, uns den Spiegel vorhalten und ein Bewusstsein schaffen für Schwierigkeiten, die das Leben heute mit sich mitbringt. Zum Beispiel das Problem, dass wir heute in einer krass beschleunigten, irre schnelllebigen Zeit leben. Im besten Sinne schafft es das Theater aus dieser Zeit rauszukommen und sich den Moment, den Raum zu nehmen wirklich etwas zu erleben und nicht schon wieder mit dem Kopf woanders zu sein. Theater hat glaube ich die Chance zusammen mit den Zuschauern aus der Zeit zu fallen. Es hat die Chance über die Dinge zu sprechen, Dinge anzustoßen, den Leuten die Möglichkeit zu geben Dinge zu fühlen und Gefühle zu zeigen. Wie zum Beispiel beim „Großen Marsch“, bei dem Leute weinen, ob dieser Freiheit, die da passiert auf der Bühne. Leute die einfach ausrasten. Ein Zustand, den es in der realen Welt nicht geben darf, weil jeder sich am Zügel reißen und funktionieren muss. Und dass man so einen Raum schafft, das fände ich total wünschenswert. Denn da setzt sich was fest, da schafft sich ein Bewusstsein für einen selber. Das ist die Art von Menschenbildung im humanistischen Sinne, die Theater heute als Chance hat. Man muss den Menschen begreiflich machen, was sie sich alles im Alltag nehmen, wenn sie funktionieren, im turbokapitalistischem Sinne. Und wenn davon was hängenbleibt und die Leute bei sich anfangen ihr Leben ein bisschen zu entschleunigen, sich zu trauen auch mal was zu fühlen, in einem Moment auch mal aufzugehen, dann wird die Welt vielleicht ein bisschen lebenswerter.

 

 

"Der große Marsch" © Rolf Arnold