„Dantons Tod“ in einer Woche

 Melika Gothe hat mir ihrer früheren Lehrerin im Fach „Darstellendes Spiel“ Gerlinde Griepenburg-Burow darüber gesprochen, warum es wichtig und trotzdem nicht unkompliziert ist, das Theater in die Schule zu holen.

 

Wenn man bei Frau Griepenburg-Burow zu Besuch ist, dann stehen immer ein paar Schalen mit Mandeln und getrocknetem Obst auf dem großen Tisch in der gemütlichen Wohnküche. Wenn man bei Frau Griepenburg-Burow zu Besuch ist, dann geht es meistens um Theater. Es ist viel Zeit vergangen seitdem ich das letzte Mal, zum Kurstreffen „Darstellendes Spiel“, hier war. Damals stand ich kurz vor meinem Abitur und machte mir keine Sorgen um die kulturpolitische Situation des Theaters. Theater war für mich etwas, das immer da war, etwas, an dem ich unbedingt teilhaben wollte.

Dieses Mal möchte ich mit meiner ehemaligen Deutsch- und Theaterlehrerin über Theaterpolitik reden. Genauer, über die Chancen und Schwierigkeiten der Beziehung zwischen Theater und Schule. Wie viel Platz bleibt kultureller Bildung an Schulen, und was braucht es, in Zeiten erhöhter Leistungsanforderung an Schüler – und an Lehrer –, um diese Beziehung zu stärken?

 

Allgemeine Ignoranz“

 

Ich erinnere mich daran, dass unsere Theatergruppe öfter unter Raumnöten für die Proben und Aufführungen litt und in schulexterne Räumlichkeiten ausweichen musste. Auch die Integration in den Schulalltag war nicht immer einfach, was nicht nur die Probezeiten, sondern auch das Interesse der Mitschüler und des Kollegiums betraf. Uns war das damals egal. Unsere Freunde und Familien kamen zu den Aufführungen (und letztlich wurde unsere Arbeit von unserem Schulleiter am Abend der Premiere ja doch gewürdigt, indem er uns erlaubte, am darauf folgenden Tag eine Stunde später zum Unterricht zu erscheinen). Frau Griepenburg-Burow ärgerte sich jedes Mal über die allgemeine Ignoranz.

Eine Schule braucht Interesse“ bekräftigt sie, während sie aus einem der Bücherstapel, die sich im ganzen Haus verteilen, das Buch „Schule kann gelingen!“ von Enja Riegel hervorkramt. Die Direktorin der Wiesbadener Helene-Lange-Schule beschreibt darin das Erfolgskonzept ihres einzigartigen Schulmodells.

 

 An der Helene-Lange-Schule gibt es deshalb so genannte Theater-Intensivphasen. Vier Wochen, in denen alle Schüler die an der Theaterproduktion beteiligt sind, keinen Unterricht haben, keine Klassenarbeiten schreiben und keine Hausaufgaben erledigen müssen. Die üblichen Regeln werden ausser Kraft gesetzt. Es gilt der Grundsatz: ‚Nichts als Theater’.“

 

So radikal sind eben leider nur wenige und auf Grund der G8 Schiene ist dies nur begrenzt möglich“, sagt Gerlinde Griepenburg-Burow mit einer Mischung aus absoluter Begeisterung und realistischer Ernüchterung. Viele Jahre war sie die zentrale Instanz der Theater AG der Tellkampfschule Hannover, nahm mit ihren Schülern an Angeboten wie dem Xplore-Programm des Schauspielhaus Hannovers und auch selbst immer wieder an Weiterbildungsangeboten und Theaterprojekten teil. „Diese Zeit, in der sie diese Theatersachen gemacht haben, hat unglaublich viele verändert. Da öffnen sich doch alle Türen! Das wäre so wichtig für alle Kinder. Das ist auch ein Stück Lebenserfahrung“, meint sie.

 

Darstellendes Spiel“: eine steile Karriere

 

Meine gesamte Schulzeit war vom Theater spielen geprägt – und viele meiner Mitspieler gehören noch immer zu meinen engsten Freunden. Am Ende schafften wir es sogar, den Kurs „Darstellendes Spiel“, den es damals eigentlich noch gar nicht an unserer Schule gab, in unsere Abiturnote einzubringen.

In Niedersachsen wird das Unterrichtsfach Darstellendes Spiel seit 1997 angeboten. Seit 2011 kann es als mündliche Abiturprüfung angerechnet werden. Damals gab es, laut dem Niedersächsischen Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung, über einhundert Schulen, an denen diese Qualifizierung möglich war. Die Hochschulen in Hannover, Braunschweig und Hildesheim bieten Lehramtstudenten entsprechende Studienangebote. Weiter- und Fortbildungen für die Zusatzqualifikation finden im Rahmen des Fachverbands für Theatererziehung und Schultheater e.V. in Zusammenarbeit mit dem Niedersächsischen Landesinstitut schon seit 1994 statt.

2011 wurde auch in Hamburg „Theater spielen“ vom Kultusministerium des Landes in den Stundenplan integriert. Theater soll mit den anderen künstlerischen Fächern Musik und Kunst gleichgestellt werden. Doch lautete sofort einer der ersten Einwände: Personalnot! Die Schulleiter sprechen von „einem ganz großen Problem“. Strenge Lehrpläne und das Zentralabitur ließen kaum Platz für so genannte Experimente. Außerdem fehlten den Lehrern die nötigen Kompetenzen für diese zusätzliche Anforderung.

 

Eigenverantwortung lernen

 

Gerlinde Griepenburg-Burow hat sich die Zusatzausbildung im Fach Darstellendes Spiel selbst finanziert. Sie erinnert sich an die meist recht (zeit-)intensiven Wochenendseminare, in denen sie selbst Theater entwickelte und aufführte. Heute sollten die Schulen diese Kosten übernehmen – sofern sie es in ihr Konzept integrieren können und wollen. Die Einführung von „Darstellendes Spiel“ an Schulen ist mit viel Arbeit verbunden. „Damit es mit den anderen Fächern konkurrieren kann, muss es Vorschriften erfüllen“, sagt Griepenburg-Burow. Leider, so die pensionierte Lehrerin, grenzten diese häufig die Entfaltungsmöglichkeiten der Interessierten ein.

So wie die oben zitierte Direktorin der Wiesbadener Helene-Lange-Schule Enja Riegel bekräftigt auch Griepenburg-Burow immer wieder: Theater an Schulen braucht vor allem leidenschaftliches Engagement und den nötigen Freiraum. „Beim Theater spielen kannst du als Regisseur bis zu einem bestimmen Punkt pushen. In der Schlussphase ist es das Ensemble selbst.“ Dies unterscheide das Theater spielen vom normalen Unterrichtsalltag. „Die Schüler lernen Eigenverantwortung für sich selbst und die Gruppe zu tragen oder ihre Ideen auch einmal gegen den Lehrer oder den Regisseur durchzusetzen.“ Frau Griepenburg-Burow erinnert sich an zwei Neuntklässlerinnen, die innerhalb einer Woche „Dantons Tod von Georg Büchner lasen, um ihr zu beweisen, dass sie schon in der Lage seien, das Stück zu verstehen.

 

Theater gucken oder Theater spielen?

 

Was ist nun wichtiger, frage ich meine ehemalige Lehrerin: Lebt kulturelle Bildung an Schulen vom Theaterbesuch oder von der eigenen Spielerfahrung? Ihre Antwort fällt ganz eindeutig aus: „Wichtig ist das Theater spielen!“ Sie schränkt ein: „Aber es müssen Leute machen, die es lieben.“ Sie selbst habe durchs Selber-Spielen ein ganz neues Theaterverständnis entwickelt. Vor allem während des Projektes „komA“ in Kooperation mit dem Schauspielhaus Hannover habe sie gelernt, „dass die Texttreue nicht das Entscheidende ist“.

Theater sei Interpretation und treffe einen Bereich der Emotionalität, der im allgemeinen Schulalltag kaum beachtet werde und gerade für die Heranwachsenden so entscheidend sei. „Theater trägt zur Entwicklung der Person bei“.

An einem Nürnberger Gymnasium wurde vor kurzem das Projekt „Ganz Theater“ als neues Unterrichtsmodell eingeführt, darin wird den Schülern die Möglichkeit geboten „Theater spielen“ in den Unterricht einzubinden. Theater wird hier als wichtiges Instrument der Allgemeinbildung begriffen. Das Projekt kooperiert mit der Universität und Theatern der Stadt, dem Kultusministerium und wird finanziell von der Sparkasse Nürnberg unterstützt – so sollen sich alle Kinder den jährlichen Theaterbesuch leisten können.

 

Problem: vollgestopfte Lehrpläne

 

Auch Gerlinde Griepenburg-Burow schätzt den Theaterbesuch, legt dabei jedoch die Stirn in Falten. „Es ist mit den Lehrern nicht so einfach.“ Momentan werden aufgrund der von der niedersächsischen Landesregierung beschlossenen Mehrarbeit und der Kürzung der Altersermäßigung die schulischen Theaterbesuche eingeschränkt. Die Lehrer demonstrieren gegen noch mehr unbezahlte Überstunden. Das findet Griepenburg-Burow natürlich verständlich, doch zeige es auch, dass Theater, sei es der abendliche Besuch nach Arbeitszeit oder die freiwillige Teilnahme an Wochenend-Fortbildungen, immer noch zum außerschulischen Zusatzangebot gehört. Wenn die Lehrpläne „so vollgestopft sind“, wie Griepenburg-Burow beinahe resigniert feststellt, dann bleiben solche Angebote als erstes auf der Strecke. Dann „kapieren auch die wenigsten Eltern, dass ins Theater gehen ganz viel bewirkt“.

Was können Theater und Schulen nun draus lernen? Erst einmal, wie wichtig theaterpädagogische Angebote sind. Mit dem pädagogischen Begleitmaterial der einzelnen Stücke am Schauspielhaus Hannover „kannst du einen spitzen Unterricht vorbereiten“, schwärmt Griepenburg-Burow. Die Vorbereitung der Lehrer spiele eine große Rolle. Zu Recht würden am Schauspielhaus Hannover die Lehrerkarten nur freigegeben, wenn diese auch zu den Vorgesprächen kämen.

 

Die Bildung des Menschen

 

Vielleicht können die Theatermacher und Theaterpädagogen genau das als Chance begreifen, was den Schulen momentan Schwierigkeiten bereitet. Enja Riegel stellt in ihrem Buch „Schule kann gelingen!“ fest:

 

 Theater lebt durch [...] Menschen, die Theater aus Leidenschaft zu ihrem Beruf gemacht haben, die sich Theater nicht anlesen, sondern selber machen und für die am Ende der Probephase nur eins zählt: ein vorzeigbares Ergebnis auf der Bühne. [...] Ein Künstler, der zu lange fest und ausschließlich an einer Schule arbeitet, ist in Gefahr, sich ihren Zwängen anzupassen und sozusagen Teil des Kollegiums zu werden. Er verliert damit seine Wiederspenstigkeit und sein Ganz-anders-Sein, von dem die Schüler und Lehrer so profitieren.“

 

Die ersten Vorbedingungen sind mit der Einführung von „Darstellendes Spiel“ als Schulfach geschaffen. Seit 2010 ist sogar die Abiturprüfung in fast allen Bundesländern darauf vorbereitet.

Auch Initiativen wie die „Kulturagenten“ zielen in die richtige Richtung. Hier haben sich Kooperationen zwischen Schulen, Eltern und Kulturschaffenden, bislang aus Baden-Württemberg, Hamburg, Berlin, Nordrhein-Westfahlen und Thüringen, zur Aufgabe gemacht, „Kinder und Jugendliche nachhaltig für Kunst und Kultur zu begeistern und dadurch in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu fördern“.

Wenn sich ein solcher, kultureller Bildungsauftrag verselbstständigt und in den schulischen Lehrplan einschreibt, dann nähern wir uns auch einer Art von Schule, von der Frau Griepenburg-Burow während unserer letzten Tasse Tee schwärmt: einer Schule, in der „die Bildung des Menschen im Zentrum steht“.