Der spielende Protest

 

Aufmerksamkeit ist eine wichtige Währung unserer globalisierten Welt. Auch Protestbewegungen müssen sich etwas einfallen lassen, um aufzufallen. Aber: Inszenieren und protestieren, passt das zusammen?


 

 

Sie brauchen noch einen fetzigen Spruch für ihre nächste Demo, die sie auf ihr Transpi schreiben können? Wie wäre es mit „Pflanzen machen alle satt, Fleisch macht nur die Erde platt!“ oder themenübergreifend „Gegen die Spaltung von Tier und Atom - für Tierbefreiung und Ökostrom!“ Kreative Sprüche wie diese, die ins Ohr gehen, finden sich auf diversen Internetseiten. Diese kleine Auswahl findet sich auf www.kreaktvisten.org (Achtung: Wortspiel).

 

Auch im Theater wird Kritik geäußert, auf Probleme aufmerksam gemacht, diskutiert. Die Kunst ist ein Sprachrohr, und sie transportiert Emotionen, von denen der Protest lebt: Angst, Wut, vielleicht auch Hass und definitiv Freude. Doch wieviel Theater steckt eigentlich im Protest? „Ist das noch Protest oder ist das schon Kunst?“

 

Der Protest beinhaltet eine ungemeine Anziehungskraft, besonders auf junge Menschen. Er bietet die Möglichkeit, Seite an Seite zu schreiten, zu streiten, zu streiken. Durch das Internet und eine permanente Berichterstattung erlangen auffällige Aktionen schnell eine maximale Aufmerksamkeit. Flashmobs, die schon allein durch ihre Masse an Menschen und durch ihre Plötzlichkeit aufregend sind und die Proteste der Femengruppe, die mit Provokation, Nacktheit und Blumenkränzen arbeiten, sind zwei besonders auffällige Prinzipien. Beide arbeiten mit Mustern aus dem Theater. Flashmobs sind Inszenierungen, man bildet Formationen, man tanzt, es erfolgten vorher Proben. Femen hat sich einer Kostümierung verschrieben, wenn auch einer dürftigen. Ihre Auftritte werden akribisch geplant. Es scheint sogar eine Auswahl der Frauen zu geben, ein Casting oder auch ein Vorsprechen. Es wird darauf geachtet, dass die Damen möglichst gut gebaut sind und ordentlich schreien können: Nacktheit und Geschrei, Mittel des Theaters.

 

Wenn das Theater selbst in Zeiten des Spardiktats auf die Straße geht, wird die Symbolik gerne ausgereizt. Das Theater Dessau protestiert gegen Sparmaßnahmen im Kulturbereich mit einer Metapher, Seile werden an das Theatergebäude gebunden, um die Verankerung des Theaters in der Gesellschaft darzustellen. Die Aktion des Oberbürgermeisters Klemens Koschig, der zudem mit einem Beil über der Schulter aufkreuzt und gegen die Kürzungen protestiert, wirkt dagegen ein bisschen zu dick aufgetragen, was auch nicht unüblich für das Theater ist. Wenn das Theater selbst protestiert, schlüpfen Schauspieler in Rollen. Bei einem Protest gegen die Schließung des Theaters in Hellkamp, tritt ein Schauspieler in der Rolle der Kultursenatorin auf, die herrlich frei von der Leber weg verkündet, dass man das Geld für die Elbphilarmonie benötige. Der inszenierte Rahmen eines Trauermarsches ist das Mittel des Protestes gegen die Schließung des Theaters in Eisleben. Die Menschen tragen schwarz und werfen innerhalb einer symbolischen Beerdigung Kränze in einen Sarg. Zuvor springt ein Harlekin heraus: „Das Theater lebt“, ruft er. An Ideen mangelt es nicht.

 

Auch Protestbewegungen, die nichts mit dem Theater zu tun haben, adaptieren seine Spielmuster. In der Form des „unsichtbaren Theaters“ verschwindet die Linie, die Protest und Theater trennt. Ein Stück wird in der Öffentlichkeit aufgeführt, so dass es als eine reale Situation erscheint, zum Beispiel ein lautstarkes Gespräch über Kinderarbeit am Kleiderständer von H&M. Die „falsche Demonstration“ arbeitet mit satirischen Mitteln, Slogans werden ins Gegenteil verdreht: „Für niedrigere Löhne und höhere Gewinne“, liest man da.

 

So manchem Protest wünscht man ein wenig Nachhilfe, wenn die Limburger zum Beispiel, gegen ihren verschwenderischen Bischof protestierend, die Kirchenuhr kurz vor zwölf schlagen lassen… Auch die Politiker, die regelmäßig medienwirksam gegen das Verhalten von Kollegen protestieren, könnten statt die immer gleichen Phrasen auszuspucken mal etwas wagen (Wobei – wenn ich mir Horst Seehofer protestierend gegen den Veggie Day im Fleischkleid von Lady Gaga vorstelle … vielleicht nicht zu viel).

 

Mittlerweile ist der Protest salonfähig geworden, er wird nicht mehr ausschließlich mit Ausschreitungen und Polizeigewalt verbunden. Das ist natürlich ein Privileg in Deutschland, die meisten Proteste laufen friedlich ab und können sich ganz ihren künstlerischen Aspekten widmen. Das müssen sie auch, denn weil der Protest so sicher geworden ist, hat er an seiner Faszination eingebüßt. Wenn Rentner bei einem sogenannten Blockadetraining üben, wie man sich komfortabel von der Polizei wegtragen lässt, wirkt das nicht gerade ungemein verwegen. Die Zukunft des modernen Protests liegt hierzulande also in der Kreativität und in einer künstlerischen Bearbeitung. Das bedeutet, dass der Protest vorbereitet und organisiert werden muss. Die „Regisseure“ eines Protestes planen Abläufe bis ins kleinste Detail. So ist es fast schon schade, dass der Protest meist nur einmalig stattfindet. Durch die Vorbereitung des Protests besteht die Gefahr, dass die Emotionen der Menschen, von denen der Protest nach wie vor lebt, künstlich wirken. Die Wut muss erneut aufkommen, auch wenn man wochenlang Abläufe durchgeht und den Inhalt abstrakt behandelt. Die Emotion muss trotz aller Inszenierung vorherrschend sein, wie im Theater. Es wäre schade, wenn aus einem spielenden Protest ein gespielter Protest würde.