Politik versus Theater

„You, the people, have the power!“ so werden die Teilnehmer  von jemandem begrüßt, der Chaplin spielt, der einen Diktator spielt. Der Monolog aus „Fight Club“, der am Anfang der Internationalen Konferenzan der Theater- und Musikakademie Vilnius stand, verstand sich als thematischer Einstieg in die Komplexität des Themas: „Politics vs Theatre“. Es waren nicht unterschiedliche Sichtweisen, wohl aber unterschiedliche Blickwinkel, die hier international zusammenkamen.

 

Was 2011 als Konferenz für Theaterkritiker begann, hat sich in den vergangenen drei Jahren zu einem internationalen Austauschtreffen zwischen Theatermachern und Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen entwickelt. Dies wird bereits in der Themenwahl deutlich. Nach „When theatre talks about theatre“ und „(Re)vision: Heroism” stand die Konferenz letzten Jahres unter der Frage des Verhältnisses  von Theater und Politik. Ausgeschrieben war hierbei nicht etwa „Politik durch Theater“ oder „Politik als Theater“ oder gar „politisches Theater“ oder „Politik für Theater“, sondern „politics vs theatre“.

 

Emanzipation vs. Manpulation

Mit dem Verhältnis von Theater und Politik beschäftigten sich rund ein Dutzend Vortragende der jüngsten Akademikergeneration mit verschiedenen Hintergründen und von verschiedenen ästhetischen Standpunkten aus. Reibungen gab es wenige, dafür erstaunlich viele Anknüpfungspunkte. Insgesamt 15 Studierende, die im Bachelor oder Master studieren, sowie Doktoranden aus Litauen, der Türkei, Estland, der Tschechischen Republik, Finnland, Polen, Lettland, Russland und Deutschland erörterten in Vorträgen und Diskursen das Verhältnis der Darstellenden Künste im gesellschaftlichen Zusammenhang. Zwei Themen, die seit jeher dort existieren, wo Menschen zusammen kommen, bei denen es um Macht und Verhältnisse, um Manipulation und Emanzipation geht.

So wurde unter anderem die Theatralität von politischen Events diskutiert und was es in diesem Zusammenhang bedeutet, wenn über die Proteste in Istanbul von vorneherein von Politikerseite gesagt wird, es sei „keine große Sache, sondern alles nur ein gut geschriebenes Stück“, wie es die türkische Referentin berichtet. Andererseits wurde unter anderem durch die Beiträge aus Tschechien und Finnland über die Darstellung von politischen Events im Theater nachgedacht. Was passiert, wenn man Politik auf der Bühne entblößt? Woher kommt das Publikum? Wer will so etwas sehen, wer will als Zuschauender provoziert werden? Und braucht es nicht gerade das? Theater als politisches Event, als direkte Intervention, wurde unter anderem in den Beiträgen aus Polen und Litauen diskutiert, zum einen anhand von politischen und theatralen Ritualen im öffentlichen Raum, zum anderen anhand von Austauschprogrammen und internationalen Workshops, die soziale Realitäten schaffen.

 

Aktive Zuschauer vs. passive Bürger

Um das Schaffen von Realitäten und Beteiligung möglichst vieler an der Gesellschaft ging es auch im Beitrag aus Deutschland anhand des Theaters für ein junges Publikum. Hier wurde konstatiert, dass sich das Politische von der didaktischen, belehrenden Ebene her erweitert hat, hin zum Schaffen beispielhafter Räume für gemeinsame Erfahrungen und gesellschaftliche Aushandlungen.

Theater, das direkt Einfluss auf die Gesellschaft nimmt, beziehungsweise Modellcharakter für diese haben kann, beschrieb der russische Vortragende. Er stellt passive Bürger und aktive Zuschauer, politische Gleichheit und künstlerische Vielfalt sowie Aggression und Gemeinschaft einander gegenüber und verdeutlicht somit eindrücklich wie  gesellschaftliche Bedingungen und Arbeitsweisen des Theaters widersprechen.

Hier ebenso wie bei weiteren Beiträgen aus Litauen kam die Frage nach Zensur und Selbstzensur, nach Finanzierungen und der Zusammensetzung des Publikums, nach dem System, in dem Theater funktioniert, auf.

Am Ende dieser diversen Sichtweisen auf Theater und Politik als gegenseitige Mit- und Gegenspieler stand kein Fazit. Wohl aber wirkten Gedanken, Fragen, Überlegungen weiter: Wie ist das Theater von der Politik zu unterscheiden und wie die Politik vom Theater? Wer reagiert auf wen? Wie kann Theater nah an Politik und somit nah an Gesellschaft sein? Definiert und kommuniziert Theater Werte in einer Gesellschaft oder stellt es sie in Frage? Was passiert, wenn alle Agierenden voneinander abhängig sind?

Es bleibt der Wunsch, dass Theater – aus all diesen Perspektiven betrachtet – helfen kann, die Welt zu verstehen und die Gesellschaft zu hinterfragen. Verschiedene Strategien sind in Vilnius angesprochen worden und man darf gespannt sein auf die nächste Konferenz. Vielleicht gibt es dann auch mehr  Mut, nicht nur wichtige Fragen zu stellen, sondern auch Antworten zu suchen und eventuell sogar gemeinsam zu finden.

Informationen unter www.theatreconference.wordpress.com