Zwei Jahre Theaterarbeit, 24 Seiten Dokumentation und was sonst?

 

Können Projekte der freien Darstellenden Künste institutionelle Strukturen der Stadttheater aufbrechen und gar verändern? Diese Frage beschäftigte das Theaterkollektiv Turbo Pascal 2013 in seinem neun-monatigen Mitarbeiter*innenprojekt am Stadttheater Freiburg, im Rahmen des Förderprogramms „Doppelpass“ der Bundeskulturstiftung. Dabei kamen sie mit den 350 Mitarbeitern des Hauses zusammen, organisierten den Austausch von Abteilungen und arbeitete immer weiter daran, neue Produktionsprozesse zu entwickeln. Der folgende Beitrag stellt die Ergebnisse aus dieser Versuchsreihe dar und bezieht sich auf ein Magazin, das am Ende des Projekts die Ergebnisse der freien Gruppe dokumentiert.


Zwei Jahre Theaterarbeit, 24 Seiten Dokumentation und was sonst?

Die Suche nach dem Theater der Zukunft“1. Das war das Leitmotiv des freien Theaterkollektivs Turbo Pascal als sie sich zusammen mit 350 Mitarbeiter*innen des Stadttheaters Freiburg für das neun Monate andauernde „Mitarbeiter*innenprojekt“ zusammengesetzt haben.

In abteilungsübergreifenden Kollektiven haben Mitarbeiter*innen mit künstlerischen Mitteln den eigenen Arbeitskosmos Stadttheater befragt und in Interventionen, Installationen und Performances Veränderungswünsche für die Zukunft artikuliert und erprobt.“2 Ein klares Ziel hatten sie vor Augen und dazu noch die Unterstützung des Fonds Doppelpass von der Kulturstiftung des Bundes. Aber was wurde aus dem Projekt? Welche Nachwirkungen hat es hinterlassen und was kann man daraus lernen? Dazu erschien ein 24-seitiges Magazin mit dem schlichten Titel „Mitarbeiter*innenprojekt“, in dem Mitglieder des Stadttheaters Freiburg und Mitglieder von Turbo Pascal das Projekt noch einmal Revue passieren lassen. So prangt gleich auf der ersten Seite das Zitat eines Mitarbeiters „Wir können es anders machen als die neoliberale Struktur da draußen.“3 Und auch Turbo Pascal selbst sieht das Projekt in einem weitaus größeren Rahmen: „Wichtiger Ausgangspunkt war […] die sogenannte Stadttheaterdebatte […]. Die Frage nach dem (Stadt-) Theater der Zukunft sollte in diesem Projekt auf Ebene der Mitarbeiter*innen verhandelt werden.“4

Klingt doch eigentlich alles ganz vielversprechend. Die Mitarbeiter waren motiviert und das Kollektiv hatte einen klaren Vorsatz und sowieso viele Ideen parat: „Es ging letztendlich um die Kunst der betriebsinternen Kommunikation und Zusammenkunft […]. Wir haben versucht, die Arbeit im gesamten Haus für 90 Minuten zu unterbrechen und alle auf der Großen Bühne zu versammeln. Wir haben einen Tag im Aufzug verbracht. Wir haben alternative Abteilungen an der Pforte eröffnet.“5 Viele gute Ideen also deren Ergebnisse schließlich am Tag der offenen Zukunft Freunden und geladenen Gästen im Theater präsentiert wurden. Doch was waren das für Ergebnisse? Wie gestaltete sich die Umsetzung unter den 350 Mitarbeiter*innen? „Die meisten Mitwirkenden sind mit einem ernsten Anliegen in das Projekt eingetreten.“6, beschreibt Turbo Pascal die Stimmung unter den Mitarbeiter*innen zu Beginn des Projekts. Und selbst aus deren Reihen lässt sich noch nach Ende des Projekts diese anfängliche Euphorie herauslesen: „Die Art und Weise wie ihr [Turbo Pascal] es präsentiert habt, wie ihr da rangegangen seid, Themen zu sammeln, die Fragen, die ihr gestellt habt, fand ich sehr spannend […]. Definitiv brauchte es dafür ein Kunstprojekt […]. Unser Projekt „Hermes-Bote“ lief ganz gut an, ist jetzt aber ein bisschen verlaufen […]. Ich habe zwar keine Flügel an, aber ich versuche noch jetzt, weitgehend alles, was reinkommt und was ich mitkriege, auch tatsächlich weiter ins Haus zu kommunizieren.“7

Verlaufen“ habe sich das Projekt. „Schief gelaufen“, sagt ein anderer Mitarbeiter. Das passende Bild dafür präsentiert Turbo Pascal wie das Herzstück des Magazins: Ein komplexes System aus Ideen und Pfeilen, in denen man Fragen wie „Wer macht noch mit?“ oder „Zu heikel?“ vorfindet. „Die Organisationsstruktur für das Mitarbeiter*innenprojekt war selbst ein kleines Kunststück und musste im Verlauf immer wieder korrigiert, wiederbelebt und neu erfunden werden. Eine Lehre daraus ist: Wer neue Strukturen aufbauen will, muss dafür Platz schaffen und etwas anderes weglassen“8, zieht Turbo Pascal selbst das Fazit. Also blieb es bei dem Projekt nur bei einer guten Idee? Aber wieso? Aktionen wie die Komplimente-Aktion, bei der Komplimente an andere Abteilungen verschickt wurden oder eben der Hermes-Bote waren doch so wichtig für Mitarbeiter*innen. Wieso hat es dann doch nicht funktioniert? Weil diese Aktionen eben nur auf die Kommunikation unter den einzelnen Abteilungen abzielten, aber nie auf eine längerfristige Umstrukturierung wie vielleicht das betriebsinterne Praktikum oder die Aktion 100% Theater Freiburg.

Vor drei Jahren wurden die technischen Bereiche von einem Unternehmensberater auf Sparmöglichkeiten untersucht, manchen Leuten wurden Zusagen oder Stunden gekürzt und damit auch der Lohn.“9 Der Grund für das Scheitern des Mitarbeiter*innenprojekts liegt sowohl für Turbo Pascal als auch die Mitarbeiter*innen des Theaters auf der Hand: „Neoliberale Imperative“, wie Kostensenkung, Verschlankung und gleichzeitige Effizienzsteigerung haben die Mitarbeiter*innen „infiziert“ und „wer heute von einer Leitung dazu eingeladen wird, darüber nachzudenken, wie sein Arbeitsumfeld besser gestaltet werden könnte, wittert hinter dieser Einladung erst einmal Einsparungen und Stellenstreichungen“10. So scheint es nicht verwunderlich, dass im Laufe der neun Monate mal mehr, mal weniger Mitarbeiter*innen an dem Projekt teilgenommen haben, aber nie alle 350. Selbst die Intendanz habe sich, nach eigenen Aussagen Turbo Pascals, irgendwann „aus terminlichen Gründen“, völlig aus dem Projekt zurückgezogen. Viele sollen zwar bereit gewesen sein, offen ihre Meinung zu sagen, aber zu viele hätten Angst gehabt, durch Taten ihren Job zu riskieren. So lösten sich die Kollektive im Laufe der Monate immer weiter auf, Abteilungen blieben unter sich und das einzige, dass bleibt, sind die Erinnerungen an die schönen gemeinsamen Stunden und die Bilder und Haftzettel an den Wänden.

Je rigider ein System, desto geringer ist die Verantwortung, aber eben auch der Spielraum des Einzelnen, noch selbstverantwortlich Entscheidungen zu treffen.“11 Wie gesagt, die Idee war gut, doch ohne den gemeinsamen Zusammenhalt aller Beteiligten behält das mächtige System Stadttheater immer die Oberhand. Und dennoch: Auch wenn das Projekt an sich gescheitert ist, so bleibt doch das daraus entstandene Magazin. „Vielleicht kann es Anstöße geben, auch in anderen Häusern Räume zu öffnen, die über eine lange Dauer hinweg zu grundlegenden strukturellen Veränderungen der Lebens- und Arbeitsweise im Theater führen könnten.“12

 1Theaterkollektiv Turbo Pascal und Theater Freiburg, „Mitarbeiter*innenprojekt“, Freiburger Druck Gmbh, Freiburg, 2014, S. 3

2 Ebds. S. 3

3 Ebds. S. 3

 4 Ebds. S. 5

 5 Ebds. S. 5

 6 Ebds. S. 5

7 Ebds. S. 6

8 Ebds. S. 4

9 Ebds. S. 6

10Ebds. S. 5

11 Ebds. S. 22

12 Ebds. S. 4

 

 Bibliographie:

Theaterkollektiv Turbo Pascal und Theater Freiburg (Hrsg.), „Mitarbeiter*innenprojekt. Neun Monate. Ein Stadttheater. Ein Theaterkollektiv“; Konzept und Redaktion: Kathrin Feldhaus, Verena Lobert, Josef Mackert, Veit Merkle, Frank Oberhäußer, Eva Plischke; Freiburger Druck Gmbh, Freiburg, November 2014