"Deutschland ist eine Theaterkampfmaschine"

Ein Interview mit Mathieu Bertholet am Rande der Autorentheatertage in Berlin.

Sonntag, 8. Juni 2014 im Saal des Deutschen Theaters: Bei gefühlt 40 Grad Celsius
diskutieren Dramaturgen aus ganz Deutschland die von Till Briegleb ausgewählten
Stücke der Autorentheatertage (ATT). Am Auffälligsten: Es wird immer wieder gefragt,
wem man diese Stücke überhaupt erzählen könne. Und was die Stücke selbst
erzählen. Es geht viel um den deutschen Theaterbetrieb, um das Verhältnis zwischen
Theaterautoren und Dramaturgen, um Anerkennung. Briegleb hat die ATT 2014 unter
das Motto "Innehalten" gestellt: Ein Versuch, über die gegenwärtige Situation des
Autorentheaters zu reflektieren. Die Diskussionen drehen sich trotzdem im Kreis:
Autoren erkennen ihre Stücke nicht wieder, Dramaturgen klagen über Uraufführungs-
Druck und knappes Budget. Das sind Probleme in der Theaterlandschaft.

 

 Was aber, wenn man versucht, auch mal andere Länder in den Blick zu nehmen, zum
Beispiel Frankreich? Während der Pause spreche ich deshalb mit Mathieu Bertholet,
einem französisch-schweizerischen Theaterschaffenden, der als Autor, Regisseur und
Dozent tätig ist. Bertholet wurde 1977 in Valais geboren, studierte ab 1997 als einer
der ersten Szenisches Schreiben an der Universität der Künste in Berlin. Bertholet fällt aus dem
selbstreferentiellen Diskurs der ATT 2014 raus, als er behauptet: „Deutschland ist
eine Theaterkampfmaschine.“
In Frankreich,so Bertholet, gebe es kaum Uraufführungen junger französischer Autoren. Dafür umso mehr Aufführungen deutscher Autoren. Der Markt werde überschwemmt mit deutschen Dramatikern, die durch Agenten und Verlage in Frankreich überrepräsentiert werden. Gleichzeitig sieht Bertholet die überkommenen Vorstellungen vom Theater in Frankreich als Grund für den Mangel an französischen Gegenwartsstücken. Wie kommt jemand darauf, Deutschland eine "Theaterkampfmaschine" zu nennen? Was hat er über das deutsche
und das französische Theater zu erzählen?
Ein Interview mit Mathieu Bertholet über das "Land ohne Sinnpolizisten", über immer mehr weniger Theater in Frankreich und über die prekären Verhältnisse in der französischen Theaterlandschaft.

 

Du hast Szenisches Schreiben an der UdK in Berlin studiert. Wie kamst du dazu?

 

Ich bin da eigentlich zufällig reingekommen. Ich bin in der französischen Schweiz
aufgewachsen, und normalerweise geht man nach dem Abitur dann nach Paris, ich
hatte aber absolut keine Lust dorthin zu gehen. Deswegen bin ich nach Berlin, ohne
lange darüber nachzudenken. Ich wollte Schauspiel studieren an der UdK. Aber da ich
noch nicht so gut Deutsch konnte, habe ich erstmal Szenisches Schreiben probiert. Ich
habe mich beworben und wurde genommen, ohne das wirklich eingeplant zu haben –
der Studiengang war damals auch noch nicht so bekannt.

 

Was hast du an der UdK für das Schreiben als Theaterautor gelernt?

 

Eigentlich ist da nicht viel passiert. Ich habe ein Erasmus-Semester in Barcelona
gemacht, in diesen sechs Monaten in Spanien habe ich viel mehr studiert als in den
vier Jahren in Berlin. Weil der Studiengang in Berlin auf eine gewisse Art sehr
antiautoritär ist, das heißt, wenn du etwas studieren willst, musst du selber zusehen,
dass du arbeitest. Ich war damals zu jung, um mit so einem Studiengang etwas
anfangen zu können. Ich kam gerade vom Gymnasium und wenn dir niemand sagt,
was du studieren sollst, dann studierst du auch nicht. In Barcelona war das ganz
anders, da war alles streng vorgeschrieben, ich hatte einen festen Stundenplan, von 8
bis 18 Uhr Uni, fünf Tage die Woche. Da hab ich natürlich mehr studiert.

 

Was man in Berlin gelernt hat, war, sich als Autor zu verwerten, zu wissen, wie man
sich als Autor in die Theaterlandschaft hinzustellen hat, wo man hinklopfen soll, wie
man sich benehmen muss, um zumindest eine Weile als Autor leben zu können. In
bestimmter Weise war es eine sehr praktische Schule, aber wir hatten auch Glück,
dass in den Jahrgängen vor uns schon bekannte Autoren wie Dea Loher und Marius
von Mayenburg rausgekommen waren. Die Verlage und Theater kamen schon in die
Schule und schauten, wer da jetzt was schreibt. Das war auch der Anfang von diesem
Autoren-Hype, das hat man in der Schule gespürt, dass da gerade was am Kochen
war.

 

Wie unterscheidet sich das französische vom deutschen Theatersystem? Welche Rolle
spielen die Autoren? Wo bist du tätig?

 

Die letzten drei Jahre habe ich in Frankreich gelebt und war da an der École nationale
supérieure des arts et techniques du théâtre in Lyon. Dort habe ich die Szenische-
Schreiben Abteilung geleitet, bin jetzt aber wieder zurück in der Schweiz, weil ich da
jetzt ein Theater leite. Im Bezug auf Autoren ist der größte Unterschied zwischen
Deutschland und Frankreich, dass es in Frankreich keine Dramaturgen gibt in den
Theatern. Ich glaube, die leisten in Deutschland schon die meiste Arbeit. Die suchen
die Texte, ob sie nun selbst auf die Suche gehen oder in Kontakt mit den Verlagen
stehen, aber sie sind dafür verantwortlich, dass neue Texte ins Theater kommen. In
Frankreich gibt es das nicht, deshalb müssen die Regisseure selbst irgendwie zu
Texten kommen. Das ist für einen Regisseur schon schwierig, der hat ja keine Ahnung,
wo er die Autoren finden soll. Alle Regisseure, die ich in Frankreich kenne, haben
keine Ahnung, wo so ein Autor lebt und wie er an dessen Texte kommen kann.

 

Die meisten machen es sich einfach und schauen auf Regisseure aus Deutschland, die
sie kennen, zum Beispiel Thomas Ostermaier, was so einer in der letzten Spielzeit
gemacht hat. So sind ganz viele Autoren aus Deutschland nach Frankreich gekommen.
Selbst die meisten englischen Autoren sind über Deutschland nach Frankreich
gekommen, Sarah Kane zum Beispiel.

 

Ist Deutschland deshalb eine "Theaterkampfmaschine"?

 

Es gibt zwei, drei junge französische Autoren, die jetzt in Deutschland bekannt sind,
aber die Liste von deutschen Autoren in Frankreich ist zehnmal länger als die von
französischen Autoren in Deutschland. Deutschland ist eine Theaterkampfmaschine,
weil die Agenten der Verlage von den deutschen Autoren auch in Frankreich arbeiten,
die sind immer da, bei allen Festivals, die kennen die Leute von den Theatern, die
machen ihre Arbeit nicht nur in Deutschland, die machen ihre Arbeit auch in
Frankreich, und die machen sie gut. Ich mein, jeder theaterschaffende Franzose, der
ein bisschen was von sich hält, liest auch "Theater Heute" oder "Theater der Zeit".
Kennst du irgendein Magazin aus Frankreich? Es gibt keines.

 

Woran liegt das?

 

Das liegt auch an den Verlagen. In Deutschland heißen die Verlage ja Verlage, dabei
sind sie eigentlich Agenturen für Autoren. Ein Verlag druckt normalerweise Texte,
Theatertexte werden so gut wie nicht gedruckt. In Frankreich ist es genau das
Gegenteil: Es gibt große Verlage, aber die machen die Agenturarbeit gar nicht, die
drucken Texte. Das Konzept ist: Wenn die Texte gedruckt sind, dann werden sie auch
gelesen, erst dann werden sie auch Regisseure spielen.Wenn aber ein Text gedruckt
wird, wird er höchstens 500 Mal verkauft, wenn du Glück hast. Meistens wird der Text
erst gedruckt, weil er gespielt wurde und der Verlag hofft, dadurch mehr Texte
verkaufen zu können. Das System ist eigentlich absurd in Frankreich. Unbekannte
Texte werden nicht gedruckt, und bekannte Texte werden gedruckt, damit sie noch
bekannter werden.

 

Wie arbeiten die Theater in Frankreich?

 

Die Masse an Produktionen ist geringer. Es gibt in Frankreich vielleicht ein Viertel so
viele Theater wie ein Deutschland. Jetzt nicht mal proportionell, in Deutschland gibt es
in jeder größeren Stadt ein Theater. In Frankreich gibt es keine Theater, die viel
produzieren können, die meisten Theater in Frankreich müssen sich vernetzen, damit
ein Theater eine Produktion macht und diese dann in den anderen Theatern zeigen
kann. Und das andere Theater schickt dann auch seine eigene Produktion auf Tournee.
Das heißt, die Anzahl an Produktionen ist insgesamt viel geringer, in diesem System
kannst du auch kein Risiko eingehen. Deswegen wirst du lieber einen Klassiker
spielen, das kannst du dann leichter an die anderen Theater verkaufen, als einen
Autoren zu spielen, den niemand kennt.
Es gibt die Centre Dramatique Nationaux in Frankreich, das sind diejenigen, die
teilweise vom Staat finanziert werden, die aber selber ganz wenig produzieren
können. Wenn sie etwas produzieren, müssen sie sich vernetzen, um die Gelder
zusammen zu kriegen. Jedes CDN produziert ein bis zwei Stücke, die dann auf Tournee
gehen, von CDN zu CDN. Die wenigsten dieser Theater haben feste Schauspieler, also
ein Ensemble. Schauspieler haben nie feste Engagements, das existiert nicht in
Frankreich. Die gehen von Stadt zu Stadt und machen eine Produktion, wo sie gerade
gebraucht werden. Es gibt diverse nationale dramatische Zentren, die es versucht haben, aber deren
Ensembles bestehen dann aus höchstens drei Schauspielern, nicht mehr.

 

Gibt es eine breite Auseinandersetzung mit Theater in Frankreich? Gibt es Uraufführungen von franz. Autoren?

 

In Deutschland gibt es die Dramaturgen, die Dramaturgische Gesellschaft, das haben
wir in Frankreich nicht. In Deutschland wird viel über Theater nachgedacht, gearbeitet
– ob das gut ist, ist eine andere Frage – aber zumindest passiert wirklich eine
Vorarbeit zwischen dem Text und der Inszenierung. Da gibt es ganz viele Leute, die
sich dazwischen schalten. Auch wenn das Theaterstück neu ist, macht es nicht so viel
Angst. Es ist viel einfacher, einen Shakespeare zu inszenieren, wenn der schon
zwanzig Mal gespielt wurde und es zwanzig Werke Sekundärliteratur darüber gibt, als
einen Autor zu spielen, bei dem du nicht mal verstehst, was er damit gemeint hat. Bei
Shakespeare kannst du sagen: Ich versteh nicht, was er gemeint hat und dann
schlägst du nach in der Sekundärliteratur. Aber bei einem neuen Stück kannst du das
nicht, dann sagst du meist, wenn du es nicht verstehst: Das ist schlecht geschrieben.
In Frankreich, wenn Theaterautoren uraufgeführt werden, ist es auch meist, weil sie
sehr einfach sind. Da gibt es nicht viel nachzudenken. In Frankreich ist das
Privattheater sehr stark, die meisten Uraufführungen finden im Privattheater statt. In
Paris, auf den Boulevards. Die spielen da wirklich so Konversationsstücke,
Gesellschaftsstücke und das sind fast nur Uraufführungen, aber von Texten, die drei
Monate halten und dann wird der nächste gespielt. Weil die völlig uninteressant sind.

 

Könnten Dramaturgen in Frankreich arbeiten?

 

In Frankreich verbindet man Theater noch sehr mit Musen und Genius. Deswegen
können Dramaturgen in Frankreich nicht arbeiten, weil ein Regisseur keinen
Dramaturgen braucht, es wird ihm ja von den Göttern erzählt, wie er da inszenieren
soll, wo er seine Schauspieler hinstellen soll, der wird ja nicht einen Dramaturgen
engagieren. Das Wort "Dramaturg" ist total verpöhnt in Frankreich, man sagt immer
"Sinnpolizist" zu einem Dramaturgen, so werden die Dramaturgen in Frankreich
beschimpft. Das Wort Dramaturg ist total verboten. Mittlerweile fangen aber ein paar
Regisseure an, sich "literarischen Rat" zu holen, statt eines Dramaturgen. Das ist
etwas ganz neues, das sie jetzt anfangen zu denken: Vielleicht brauche ich jemanden,
der mir da helfen könnte, einen dramaturgischen Text zu schreiben. Das sind aber nur
die Regisseure, die fünf oder sechs Inszenierungen pro Spielzeit machen. Der große
Unterschied ist: Ein Regisseur in Frankreich macht ein, maximal zwei Inszenierungen
im Jahr. Wenn er Glück hat, macht er zwei. Aber dann macht er eine Große und eine
Kleine. Regisseur ist keine Arbeit, die du das ganze Jahr machst, nicht jeden Monat.
Du arbeitest eigentlich ein Jahr bei dir zu Hause an deinem Projekt und dann hast du
zwei Monate Proben. Deswegen macht es auch weniger Sinn, dass du einen
Dramaturgen dabei hast, wie sollst du dann die zehn Monaten rechtfertigen, wenn du
alleine zu Hause sitzt und du nicht selber die dramaturgische Arbeit leisten würdest?

 

Sind wenigstens die Regisseure festangestellt?

 

Nee, nee. In Frankreich ist keiner festangestellt. Außer der Direktor des Theaters, es
gibt keine Festanstellungen. Es gibt nur den Direktor, das ganze Geldwesen und die
Verwaltung und vielleicht ein paar Techniker, aber sonst weder Schauspieler noch
Regisseure. Wenn du so willst, ist das Stadt- und Staatstheater in Frankreich so wie
die Freie Szene in Deutschland.

 

Gibt es so etwas wie Autorenförderung in Frankreich?

 

Eher wenig, also im Vergleich zu Deutschland, gibt es ganz wenig für Theaterautoren.
Es gibt die Gesellschaft, die die Rechte verttritt (Société des Auteurs et Compositeurs
Dramatiques SACD), für Filmautoren, für Musikautoren, für Theaterautoren. Die behält
einen kleinen Anteil dieser Verwertungsrechte und macht damit irgendwelche
Förderungen, fördert Theaterstücke, fördert Theaterautoren, fördert Produktion. Das
ist eigentlich die stärkste und die, die am meisten fördert.
Die ist bei allen Theaterfestivals dabei, fördert die Produktion von neuen Stücken. In dieser
Gesellschaft sind Tänzer, sind Komponisten, Theaterautoren, Filmautoren, das heißt,
sie fördern auch ganz viele transdisziplinäre Projekte. Aber es ist die einzige Förderung
speziell für Autoren. An den Theatern gibt es keinen Preis für Autoren, es gibt auch
kein spezielles Festival für Autoren, in Lyon gibt es das Journées de Lyon des Auteurs
de Théâtre, aber da bekommst du keine Gelder, wenn du gewinnst.

 

Sind die Verhältnisse in den letzten Jahren schlimmer geworden?

 

Alle Leute sagen, es sei schlimmer geworden, weil es immer weniger Geld gäbe. Ich
glaube, das stimmt nicht ganz. Es ist insofern schlimmer geworden, nicht weil das
Geld weniger geworden ist, sondern weil der kreative Arbeitsteil an den Theatern
geringer wurde. Was die Theater an Geld bekommen haben, ging immer mehr an die
Verwaltung, an die Theaterpädagogik, die versuchen sollten, neues Publikum zu
schaffen und mit Schulen zusammenzuarbeiten. Das sind alles Leute, die am Theater
angestellt sind, die absolut keine künstlerische Tätigkeit haben, die aber den Großteil
des Geldes verbrauchen. Die Fördersumme ist also gleich geblieben, aber es bleibt
immer weniger übrig für Kreation und Produktion. Deswegen haben die Leute den
Eindruck, dass es immer weniger Geld gäbe. Es wird immer mehr weniger Theater
gemacht in Frankreich.

 

Theaterpädagogen sind ein neues Phänomen?

 

In Frankreich nennt man das médiation culturelle. Das ist ein ziemlich neues
Phänomen, aber vom Kulturminisiter in Frankreich wurde das sehr stark gefordert:
neues Publikum zu schaffen, es zu ermöglichen, dass alle Leute ins Theater kommen,
nicht nur, um Theater zu schauen sondern auch, um Theater zu machen. Und
Schreibwerkstätten und Schauspielwerkstätten und so Zeug. Kunst soll nicht etwas
sein, das man anschaut, sondern Kunst ist etwas, das jeder machen kann. Das ist so
eine starke Linie vom Kulturministerium. Keine Elitekunst, sondern Kunst für
Jedermann.

 

Was müsste die Politik ändern, um die prekären Verhältnisse zu verbessern?

 

Zur Zeit soll es wieder Streiks geben. Der Status der arbeitslosen Schauspieler soll
wieder einmal verändert werden: Sie sollen mehr Stunden arbeiten, um weniger Geld
vom Staat zu bekommen. Weil sie die meiste Zeit nicht arbeiten, sondern arbeitslos
sind. Die müssen jetzt immer mehr arbeiten, um über weniger Zeit Arbeitslosengeld
zu bekommen. Ich denke, das wäre jetzt eine gute Gelegenheit, um sich dieses
System zu überlegen. Es ist insofern absurd, dass es nicht wie in Deutschland ist: Du
gibst das ganze Geld an ein Theater und die Leute sind dann festangestellt und sie
arbeiten die ganze Zeit. Der französische Staat gibt Gelder an die Theater, damit die
ab und zu Schauspieler engagieren, ein anderer Teil der Gelder geht an die
Schauspieler, in Form von Arbeitslosengeld. Am Ende wird genauso viel Geld ausgegeben in Frankreich, aber nur damit die Leute teilzeit arbeiten und teilzeit arbeitlos sind, statt das ganze Geld für Arbeit zu benutzen. Natürlich wird in Frankreich viel weniger Geld ausgegeben für Theater als in Deutschland, in jeder Deutschen Stadt gibt es ein Stadttheater mit festem Ensemble, auch wenn es ganz klein ist. So viel Geld wird in Frankreich nicht ausgegeben.Es müsste also sowieso mehr Geld ausgegeben werden, aber das Geld müsste viel
vernünftiger verteilt werden. Ich bin dafür, dass man das Geld für Festanstellungen
nimmt, aber dann ist ein Teil der Schauspieler festangestellt und der Rest ist
arbeitslos.

 

Ist das deutsche Theatersystem da besser?

 

Vom Vergleich, und was ich erlebt hat, finde ich das deutsche System eindeutig
besser. Es ist ganz symptomatisch: Ein Schauspieler, der die ganze Zeit arbeitet, mit
einem Regisseur und einem Dramaturgen zusammen, der ein Athlet ist und diese
Maschine städnig trainiert, ist ein besserer Schauspieler als einer, der ständig
arbeitslos ist. Wenn du jetzt acht Monate lang arbeitslos bist und keine Disziplin hast,
dass du jeden Tag irgendetwas machst, dann verkrustest du. Ich finde, die deutschen
Schauspieler sind wie Athleten, die wirklich sehr diszipliniert sind. Die französischen
Schauspieler kommen an dieses Niveau nicht ran, das ist einfach logisch. Jemand, der
acht Monate lang nichts macht und zwei Monate arbeitet ist nicht so fit, wie jemand,
der die ganze Zeit arbeitet. Für mich ist das Theater in Deutschland weiter. Ich
langweile mich selten, wenn ich in Deutschland ins Theater gehe. Selbst wenn es
keine gelungene Aufführung ist, gibt es immer irgendetwas, wo du merkst: Das ist
zumindest durchdacht und überlegt. Aber in Frankreich gehst du in ein Stück, das
eben von einem Genie gemacht wurde und wenn du das nicht verstehst, dann geht
das total an dir vorbei. Ich habe mich selten so gelangweilt wie im französischen
Theater. Es ist museal.