„Stop Teaching!“ - Kinder und Jugendliche als Akteure theatraler Bildung

Kindern und Jugendlichen mehr Freiräume zu bieten, sie von pädagogischen Strukturen zu befreien und offene, künstlerische Prozesse zu ermöglichen – dies ist der Appell von „Stop Teaching!“ an alle Theatermacher, Tanzpädagogen, Lehrer und Erzieher, die sich dem Theater mit Kindern und Jugendlichen praktisch und theoretisch widmen wollen.

 

Ein zentraler Gedanke in dieser Publikation, herausgegeben von Patrick Primavesi und Jan Deck ist es, Kinder und Jugendliche in der Theaterarbeit als Akteure ihrer eigenen Lebenswelt und damit als „Experten des Alltags“ zu begreifen. So geben wissenschaftliche Beiträgezum gesellschaftlichen Kontext didaktische Anreize,währendProjektbeispiele neue und offene Theaterformen mit Kindern und Jugendlichen beschreiben und reflektieren. Den Autoren gelingt es mit unterschiedlichen Textformen, verschiedene Blickwinkel festzuhalten.

 Das Buch beginnt mit einem Einstieg in die frühen Entwicklungen der Antipädagogik und stellt das Kindheitsbild im 21. Jahrhundert zur Diskussion. In einem Interview mit Kindern einer Hochbegabtenschule wird in dem Beitrag „Müssen wir heute wieder machen,was wir selber wollen?“ von Inge Schubert deutlich, wie sich die Ansprüche der Eltern in den eigenen Zielvorstellungen der Kinder widerspiegeln. Mit der Wahl dieser Textform wird vor allem sichtbar, in welchem Maße Lernzwang und Bildungsdrang die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen beeinflussen. Treffend dazu fordert Patrick Primavesi zu Beginn des Buches auf, moderne Kindheitskonstrukte zu hinterfragen, die vor allem ökonomische Interessen verfolgen.

Kinder und Jugendliche kommen in Statements und Regisseurinnenin Zweiergesprächen zu Wort, sodass man vielfältige Einblicke auf den Themenkomplex Theaterformen mit Kindern und Jugendlichen erhält. In den Beiträgen werden Problemschilderungen des heutigen Kindheitsbildes den Fragen entgegen gestellt, wie Theater zu einem normalen Erfahrungsort werden kann, der den Prozess einer produktiven Verunsicherung ermöglicht. Es geht dabei immer darum,wie die darstellenden Künste Freiräume von Kreativität jenseits pädagogischer Zielvorgaben nutzen. Entscheidend ist, wie die Arbeitsweise zu einem gemeinsamen Forschen mit Kindern und Jugendlichen gestaltet wird, während gleichzeitig auch ein ästhetischer Anspruch vorhanden ist. Exemplarisch dafür wird unter anderem von Anna K. Becker die Arbeit von Samir Akika/ Unusual Symptoms vorgestellt, dessen Besonderheit darin besteht, dass die Arbeiten auf Augenhöhe mit den Performern entstehen und durch die Umsetzung der formal-ästhetischen Wünsche der Darsteller Echtheitserlebnisse kreiert werden.

Stop teachingformuliert Thesen, die dazu aufrufen, einen interdisziplinären Umgang mit künstlerischen Mitteln zu fördern. Künstler und Pädagogen sollen bei den Projekten nur begleitend agieren, sodass die Kinder und Jugendlichen ihre eigenen Weltvorstellungen auf die Bühne bringen können und sie nicht für die Vorhaben der Künstler und Pädagogen instrumentalisiert werden.

Die Beiträge bewegen sich in einem permanenten Diskurs, der einen die eigenen Denkstrukturen und Vorstellungen hinterfragen lässt, und knüpft an die Debatten an, die eine Ermächtigung von Kindern und Jugendlichen in der künstlerischen Arbeit vorsehen. Gleichzeitig bleiben jedoch viele Fragen nach dem richtigen Maß pädagogischer Anteile in den künstlerischen Projekten offen, sodass die Leser auf ihr eigenes Weiterdenken angewiesen sind.

Theaterpraktiker und Wissenschaftler erhalten mit der Lektüre dieses Werks eine umfassende Kenntnis der aktuellen Diskussionen zur Praxis theatraler Bildung. Die Forderungen und Herangehensweisen, die für die Durchsetzung neuer Theaterformen mit Kindern und Jugendlichen notwendig sind, werden hier ausführlich aufgezeigt. So schildert der Beitrag „Zerstörungsphantasien mit Sahne“ von Eva Meyer-Keller und Sybille Müller das Projekt „Bauen nach Katastrophen“, welches Kindern ermöglicht ihrer natürlichen Entdecker- und Experimentierfreude freien Lauf zu lassen und dies in eine Performance zu integrieren. Sigrid Schererin stellt derweil in „Partnerschaften zwischen Jugendlichen und Künstlern“ den unart-Jugendwettbewerb der BHF-BANK-Stiftung vor, dessen Hintergrund es ist, eine Selbstbildung von Kindern und Jugendlichen in Gang zu bringen, welche mit dem Erlebnis und der Gestaltung eines künstlerischen Prozesses verbunden ist und die Auseinandersetzung mit Themen der eigenen Lebenswelt beinhaltet.

Doch trotz der Fülle an Projektdarstellungen vermisst man als Leser letztendlich einen Ausblick, der zusammen trägt, an welchen Stellen an die bestehenden neuen Theaterformenangeknüpft werden kann und wo weiterer kulturpolitischer Entwicklungsbedarf notwendig ist.

 

Patrick Primavesi, Jan Deck (Hg.): Stop Teaching! Neue Theaterformen mit Kindern und Jugendlichen

Bielefeld 2014, 334 Seiten, 29,99€