Ein Ort des Dazwischens: Das Figurentheaterensemble Wilde&Vogel bespielt den Lindenfels Westflügel in Leipzig

Noch Jahre bevor es dort erstmals einen regulären Spielplan geben würde, beschrieb die Zeitschrift Das andere Theater das Internationale Figurentheaterzentrum Lindenfels Westflügel als „Raum, von dem jeder Theatermacher schon einmal geträumt hat“.  Was ist es aber, was diesen Ort so besonders macht, dass er ein anspruchsvolles Theaterpublikum stets neu begeistert, namhafte Künstler verschiedener Genres anzieht und zu regelmäßiger Wiederkehr bewegt und inzwischen aus der internationalen Figurentheaterszene nicht mehr wegzudenken ist?

Belebung
Zwischen den Leipziger Stadtteilen Plagwitz und Lindenau, die mit ihren räumlichen Möglichkeiten in den vergangenen Jahrzehnten viele Künstler dazu anregten, die Gegend mit Galerien, Ateliers und Veranstaltungsorten kulturell zu beleben, entdeckten die beiden Künstler Charlotte Wilde und Michael Vogel im Jahr 2003 jenen Schauplatz der „Träume“ von Theaterschaffenden: ein seit Jahren leerstehendes und langsam verfallendes Jugendstilgebäude, das um 1900 als Ballhaus errichtet, aber nur für kurze Zeit tatsächlich für Tanzveranstaltungen und später als Lager und Ofenrohrfabrik genutzt worden war. Fasziniert von der besonderen Atmosphäre, die dort herrschte, initiierte das Figurentheaterensemble Wilde&Vogel  in Kooperation mit der Schaubühne Lindenfels in den darauffolgenden Jahren die künstlerische Wiederbelebung des Gebäudes mit den sogenannten Ballhaus-Nächten und Ballhaus-Prologen. Bereits bei diesen ersten Veranstaltungen, bei welchen es weder Heizung noch Fenster gab, geschweige denn Brandschutzbedingungen und Sicherheitsvorschriften erfüllt gewesen wären, beeindruckten die Räume des heutigen Lindenfels Westflügel  Künstler, Publikum und Presse „mit ihrer (in Deutschland) einmaligen Qualität: provisorisch zu sein, geräumig, geheimnisvoll, frei für die Gestaltung verschiedenster Formate“, erinnert sich die Regisseurin Christiane Zanger.

Sanierung
Der im Jahr 2005 gegründete Verein Lindenfels Westflügel e.V. erwarb das Gebäude und durch die Förderung des Amts für Stadterneuerung konnten bis zum fünfjährigen „Jubelläum“ 2008 umfangreiche Sanierungsmaßnahmen durchgeführt werden, sodass die Bauaufsicht in diesem Jahr erstmals eine offizielle Spielgenehmigung für den Saal des Westflügels erteilte. Damit war ein großer Schritt getan, doch der Weg von jenen ersten Ballhaus-Nächten hin zu der fest etablierten Spielstätte für internationales Figurentheater, die der Westflügel heute ist, war geprägt von erheblichen Schwierigkeiten, bedingt vor allem durch die enormen finanziellen Anforderungen, die durch den hohen Sanierungsbedarf gestellt wurden und die wirtschaftliche Kraft des Gründungsensembles weit überstiegen, sowie durch strenge Auflagen des Denkmalschutzes. So ging die Sanierung langsam und schrittweise voran und erst im Jahr 2014 konnte die provisorische Heizungsanlage durch Holzöfen ersetzt werden, welche, durch Crowdfunding und ehrenamtlichen Arbeitseinsatz finanziert, einen Besuch des Westflügels nun auch im Winter zu einem befeuernden Erlebnis machen.

Vernetzung
Was „die rastlosen Idealisten des Vereins Westflügel“, wie sie die Leipziger Volkszeitung nennt, trotz all der Schwierigkeiten, die dieses waghalsige Unternehmen mit sich brachte, von Anfang an antrieb und ihren Optimismus nie verlieren ließ, war die Idee, den Westflügel zu einer künstlerischen Produktionsstätte mit internationaler Öffnung zu machen. Und so entstand dieser besondere Theaterort, welcher Raum für Vernetzung und Austausch von Kunstschaffenden verschiedener nationaler und künstlerischer Herkunft bietet und auf diese Weise vielseitige Möglichkeiten eröffnet, besondere Schaffensprozesse anzuregen und kontinuierlich deren neuartige Ergebnisse zu präsentieren. Eine solche explizit in der Konzeption eines Hauses verankerte „Öffnung hin zu anderen Kunstsparten und Theatersprachen“ ist laut Katja Spiess, Leiterin des FITZ! Zentrum für Figurentheater Stuttgart, „in der deutschen Figurentheaterszene ein Novum.“

So ist die Grundlage des künstlerischen Schaffens im Westflügel ein ständig wachsendes und weit verzweigtes Netzwerk von internationalen Kunstschaffenden verschiedener Genres, welche nicht nur die Möglichkeit haben, ihre Produktionen im Westflügel zu präsentieren und dadurch internationale Kunst in Leipzig präsent werden zu lassen, sondern auch, inspiriert von diesem besonderen Ort, dortselbst neue Arbeiten zu entwickeln.

Dass im Zentrum der in dieser Weise vernetzenden Kulturarbeit das Figuren- und Objekttheater steht, ist kaum verwunderlich, stellt es doch durch die vielen Schnittstellen zu Bildender Kunst, Tanz, Musik und audiovisuellen Medien einen besonders geeigneten Ausgangspunkt für die Verbindung verschiedenster Kunstrichtungen dar. Darüber hinaus schafft die Animation zunächst toten Materials eine einzigartige Möglichkeit der internationalen Verständigung auf nichtsprachlicher Ebene und damit der Vermittlung sowohl zwischen den Künstlern untereinander, wie auch zwischen Künstlern und Publikum. Auch dieser Austausch mit dem Publikum, sowohl in den Darbietungen selbst, wie auch in der Offenlegung der Arbeitsprozesse durch Probevorstellungen und Workshops ist Teil einer solchen Konzeption der Öffnung und Vernetzung.

Diese zeigt sich auch in den zahlreichen Kooperationen des Westflügels mit verschiedenen Künstlern, Theatern und Institutionen, beispielsweise im Rahmen des aus EU-Mitteln geförderten Projektes SONE, welches durch eine Kooperation mit der Schaubude Berlin, der Kompania Doomsday aus Białystok und dem Figurentheater Lilarum in Wien den künstlerischen Austausch auf europäischer Ebene förderte. Die Arbeit des Westflügels überschreitet jedoch auch die europäischen Grenzen, so war das Haus beispielsweise mehrmals ein Spielort des japanischen Festivals OHAYÔ, Japan! und auch der Sommerspielplan 2015 enthält eine Koproduktion mit der Moradokmai Theatre Community aus Thailand und verspricht, den Zuschauer darüber hinaus mit den verschiedenen Produktionen nach Burundi und Sibirien zu entführen.

Verortung
Zur Förderung des Austauschs zwischen verschiedenen geographischen und künstlerischen Orten gehört jedoch nicht nur die Öffnung des Hauses nach außen hin, sondern auch die Hinwendung nach innen, die eigene Verortung in Leipzig selbst. Diese wird durch eine enge Zusammenarbeit mit der Universität Leipzig und der Schaubühne Lindenfels sowie mit verschiedenen Leipziger Künstlern gestärkt, denen die Räumlichkeiten des Westflügel regelmäßig für Gastprojekte wie Ausstellungen, Lesungen und Konzertreihen zur Verfügung gestellt werden. Wie aktiv der Westflügel an der Gestaltung der Kulturszene in Leipzig beteiligt ist, zeigte sich beispielsweise auch in der Reaktion des Teams auf die prekäre Lage des Instituts für Theaterwissenschaft an der Universität Leipzig: Im Oktober 2015 veranstalten der Westflügel und die Leipziger Theaterwissenschaft in engster Zusammenarbeit die internationale und interdisziplinäre Tagung VISIBLE-INVISIBLE: ‚Gespensterfelder‘ oder Vom Wissen kultureller Praktiken..

Die große Vielfalt an verschiedenen Darbietungen und Formaten, die im Westflügel als dem Knotenpunkt eines so weiträumigen Netzwerkes aufeinandertreffen, werden im Spielplan stets durch je nach Spielzeit unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte miteinander verbunden und unter einem bestimmten thematischen Aspekt gezeigt und diskutiert. Was Künstlern und Publikum durch dieses Konzept der internationalen Vernetzung im Westflügel geboten werden soll, wird im Editorial des diesjährigen Sommerspielplans in einem Wort zusammengefasst: „Zeitgenossenschaft“. Dass zu dieser notwendig eine interkulturelle Öffnung und Verständigung gehöre, sei in Zeiten der Globalisierung keine Frage.

Der Lindenfels Westflügel ist mit dieser anspruchsvollen und neuartigen Konzeption in vielerlei Hinsicht ein Ort des Dazwischens, sowohl im Sinne der Verschiedenheiten, zwischen denen er sich bewegt, als auch im Sinne der Gemeinsamkeiten zwischen diesen, die dort aufgezeigt werden. So wie an dem Ort zwischen zwei verschiedenen, aneinanderschlagenden Steinen, der Funke entsteht, aus dem ein Feuer werden kann, entzünden sich im Westflügel immer wieder neue Ideen, Schaffensprozesse und Diskurse, aus welchen zeitgenössische Kunstwerke von besonderer Qualität entstehen können.