"Der bewegte Zuschauer" - Das Festival Theaterformen als Ort der Partizipation

 

Das Festival Theaterformen steht für ein vielfältiges Programm. Insgesamt 15 Inszenierungen, Performances und Installationen waren 2015 in Hannover zu Gast. Besondere künstlerische Entdeckungen aus der internationalen, zeitgenössischen Theaterszene wurden nach Niedersachsen eingeladen. Laut Lars-Ole Walburg, Intendant des Schauspiels Hannover „präsentieren sich die Theaterformen zum 25.Jubiläum mit einem neuen Gesicht“, und das sicherlich nicht nur durch Martine Dennewald, als neue Kuratorin. Neben einer Bandbreite verschiedener Künstler, wurde auch vermehrt die Rolle der Zuschauer thematisiert. Beispielhaft für dieses Konzept sind vor Allem die beiden Inszenierungen von Rimini Protokoll und eine Installation des holländischen Künstlers Julian Hetzel.

 

 

Schon einige Tage vor dem Beginn des Festivals konnte man den Transport und Aufbau verschiedener theatraler Installationen beobachten. Insbesondere die Containerlandschaft von Hetzel vor dem Opernhaus Hannover prägte das Stadtbild. Beim Betreten dieser „interpassiven Installation“, wie die Website der Theaterformen den Parcours definiert, begibt man sich als Zuschauer auf eine Reise durch verschiedene Räume und Zeitinseln. Begegnungen zwischen Performern und Zuschauern, die zu teils sinnvollen, teils grotesken Verhandlungen führen, schaffen einen Wechsel zwischen den eigenen Gedanken und geleiteten Aktionen innerhalb eines Schutzraumes, der der „echten Welt“ zum Verwechseln ähnlich sieht.  STILL (The economy of waiting) so der Titel: Etwas tun indem man nichts tut, Warten als effiziente Methode aktiv zu sein. Die Website lädt ein, in STILL „auf sinnvolle Weise Zeit zu verschwenden“.

 

Ebenfalls interaktiv war das weltweit gefeierte Multi Player Video-Stück Situation Rooms von Rimini Protokoll, welches im Kulturzentrum Pavillon gastierte. Zwanzig Zuschauer bewegen sich dort zeitgleich, mit IPads und Kopfhörern ausgestattet, durch ein mehrräumiges Filmset. Im siebenminütigen Wechsel führen verschiedene Personen durch den Parcours, lassen den Zuschauer Dinge mitnehmen und wieder ablegen oder verschiedene „Mitspieler“ miteinander interagieren. Die Zuschauer werden in diesem Parcours zu aktiven Handelnden, die auch für die anderen Mitspieler eine andere Rolle einnehmen. Jeder Teilnehmer folgt der Biografie einer Person, die mit Waffen, dem Handel mit ihnen oder den Bedrohungen durch sie, in Verbindung steht. Martine Dennewald begründet im Gespräch die Einladung dieser Inszenierung mit der Verantwortung, besondere Perspektiven und spezielle Formen von Theater in die Stadt Hannover zu bringen.

 

Eine weitere besondere Form, oder vielmehr einen besonderen Ort nutzen Rimini Protokoll auch in Hausbesuch Europa. Die Zuschauer bekamen einige Tage vor der Aufführung eine SMS mit der Adresse einer Privatwohnung, zum Beispiel die der Familie Kutscher. Im privaten Wohnzimmer saßen die Teilnehmer dann an einem Tisch, auf dem eine Europakarte ausgebreitet ist. Bei Kaffee und Tee wurde mithilfe eines Spielleiters und einer kleinen Maschine, die Aufgaben und Fragen ausspuckt, eine Verbindung zwischen der Individualität jedes Einzelnen und der europäischen Idee hergestellt. „Persönliche Geschichten und parlamentarische Rituale werden miteinander verbunden“, heißt es auf der Webseite von Rimini Protokoll.

 

Unterschiedliche Spielarten des Zuschauens und Partizipierens gehörten zum kuratorischen Konzept des Festivals, um Fragen zur Zuschauerrolle im Theater aufzuwerfen. Wie sieht meine Zuschauerrolle aus? Inwieweit wird mir Teilhabe angeboten und wo will ich sie selbst erkämpfen? Martine Dennewald möchte die Stadt für experimentelle Formen begeistern und die Sehgewohnheiten für eben solche schulen. Das Motto für die 25. Theaterformen: „Wahrscheinlich sowas wie „Der bewegte Zuschauer“.