An der unteren Grenze. Arbeiten im Freien Theater

Derzeit wird über die Gagen in der freien Szene diskutiert, Randnotiz in den öffentlichen Medien und doch existenziell für die Beteiligten. Und das sind nicht wenige: Das freie Theater macht etwa fünfzig Prozent aller künstlerischen Produktionen in Deutschland aus.1

Der Mindestlohn

Seit dem 1.1.2015 gilt der gesetzliche Mindestlohn von 8,50€/h, davon profitieren laut Bundesregierung 3,7 Millionen Menschen. Die Mindestgage der NV- Bühne- Beschäftigten („Normalvertrag Bühne“) an öffentlichen Theatern wird angehoben, auf 1850€ monatlich, ein Betrag, den beispielsweise junge Schauspieler/ -innen, Regieassistent/ -innen und Inspizient/ - innen in den ersten Berufsjahren erhalten. Aber was geschieht mit den freiberuflich Theaterschaffenden, die häufig unter prekären Arbeitsbedingungen leiden?

Gerade dort werden soziale Sicherungsstandarts häufig übergangen, es gibt keinen Anspruch auf regelmäßige Förderung und erst recht keinen auf gerechte Entlohnung. Über das Einstiegsgehalt der städtischen Theater kommt in der Freien Szene (oft trotz hoher Professionalität) kaum jemand hinaus und es kommt nicht selten vor, dass es nach dem Arbeitsleben nur eine geringe Rente gibt.

Die Untergrenze

Ein möglicher Lösungsansatz ist die vom Bundesverband Freie Darstellende Künste empfohlene Vereinbarung zur freiwilligen Selbstverpflichtung zu einer Honoraruntergrenze, die alle 16 Landesverbände der freien Theater anstreben. Diese freiwillige Auflage soll ein Mindestgehalt garantieren und Grundlage für die Kalkulationen in den Förderanträgen bilden. Der Landesverband freie darstellende Künste in Berlin empfiehlt als Honoraruntergrenze bei öffentlichen und privaten Förderanträgen 2500€ Brutto für Theaterschaffende ohne Mitgliedschaft in der Künstlersozialkasse und 2000€ für Theaterschaffende mit Künstlersozialkasse pro Monat bei Vollbeschäftigung.

Die Fördertöpfe

Eine Honoraruntergrenze bietet die Chance, zumindest für den Zeitraum der Beschäftigung, ein Mindestmaß an Bezahlung zu gewährleisten, die Versicherung und Lebensunterhalt sichern. Aber es kommen auch höhere Personalkosten auf die freie Szene zu, die Förderanträge werden entsprechend höhere Beträge beinhalten, während die Fördertöpfe nicht im gleichen Maß vergrößert werden. Der Kuchen bleibt gleich, die einzelnen Stücke daraus werden größer und entsprechend führt die Honoraruntergrenze dazu, dass weniger Projekte gefördert werden können - der Konkurrenzdruck steigt, denn einen Anspruch auf die Förderung gibt es nicht. Muss man als Konsequenz der Vereinbarung akzeptieren, dass weniger freie Kunst stattfindet, weil die freie Szene für einen Mindestlohn streitet?

Die Zukunft

Wie geht man damit um, dass man vermutlich nicht jedes Jahr gefördert wird? Nebenjobs, die gegebenenfalls nicht der beruflichen Qualifikation entsprechen, müssen ausreichen, um die Lebenshaltungskosten zu sichern, vielleicht eine Festanstellung an einem staatlich finanzierten, die aber die zeitlichen Kapazitäten für freie Arbeiten extrem einschränkt. Trotzdem scheint die Szene einhellig für eine Honoraruntergrenze zu sein, es gibt kaum Gegenstimmen. Ob mit oder ohne die Untergrenze: Eine regelmäßige Beschäftigung ist selten, ein/e Regisseur/in beispielsweise wird kaum mehr als vier Produktionen im Jahr entwickeln. Was passiert mit dem Rest der Zeit? Die private Vorplanung ist eingeschränkt durch extreme Ungewissheiten, die Zukunftsplanung fällt schwer. Das geringe Einkommen führt auch dazu, dass weniger andere kulturelle Veranstaltungen besucht werden können.

Die Perspektiven

Die geringe öffentliche Wahrnehmung der Produktionsbedingungen in der Freien Szene, die doch einen so großen Anteil an der städtischen Kulturszene innehat, spiegelt sich auch in der Kulturpolitik wieder. Es muss gemeinsam mit den Theaterschaffenden ein tragfähiges Modell für die freie Szene gefunden werden, vielleicht auch langfristig durch andere Fördermodelle, wie beispielsweise ein Grundeinkommen für freischaffende Künstlerinnen und Künstler. Ein Schritt in diese Richtung ist die Vernetzung der einzelnen Akteure miteinander, um gemeinsam alle betreffende Themen zu verhandeln - dazu gehören auch die traditionellen Theaterhäuser. Dort verändern sich die Strukturen und werden teilweise der Freien Szene ähnlicher. Etwas zeitversetzt beginnt auch dort eine Entwicklung, die bisher in der Gründung der Initiative „Ensemble Netzwerk“ mündete, das sich für bessere Arbeitsverhältnisse an den Stadttheatern einsetzt und eine größere Öffentlichkeit erreichen will. Es muss Verantwortung für die am Projekt Beteiligten übernommen werden, das betrifft die Verteilung der Gelder, wenig Lohn darf nicht mit gar keinem Lohn verglichen werden und Selbstausbeutung darf nicht weiter gefördert werden. Die Sorge, dass Förderanträge aufgrund von hohen Personalkosten abgelehnt werden, sollte vielmehr ein Argument für die Städte sein, der Freien Szene stärker zu fördern. Die Frage ist, wie Kunst und Kultur als freies Gut geschützt werden können und die prekären Arbeitsbedingungen derer, die sie schaffen, verschwinden können. Was passiert, wenn von der Kunst erwartet wird, dass sie sich ökonomisch rechnen soll? So lange der Freien Szene, aber auch den staatlich geförderten Theaterinstitutionen, nicht mehr Geld zur Verfügung stehen, könnte eine Lösung für die Darstellenden Künste sein, weniger zu Spielen und mehr zu zahlen - mehr Zeit und Geld in einzelne, aber dafür weniger Projekte zu investieren. Aber was passiert mit denen, die nach der Verteilung der Fördermittel leer ausgehen? 

 

1http://www.deutschlandfunk.de/bundesverband-freie-darstellende-kuenste-um-die-sozialen.691.de.html? 1 dram:article_id=334256, Zuletzt aufgerufen am 22.02.2017