BANDEN! - Ein Festival neuer performativer Allianzen

In Oldenburg erprobt man im Mikrokosmos ein Zusammenkommen von Staatstheater und Freier Szene

 von Till Wiebel

Die Münchner Kammerspiele stellen ihren Theatersaal zur Verfügung und vergeben Produktionen als Modellversuche. Die „Theater der Zeit“ widmet der Diskussion ein paar Seiten, ein groß angelegtes Interview. Verschiedene Podien und Positionen, Essays und Fördertöpfe stellen sich eine Frage: Freie Szene und Stadt- und Staatstheater - Wie geht das zusammen? Das Oldenburgische Staatstheater schlägt vor, dass man sich in einem Verbundsystem dieser beiden Parteien am Konzept der Bande orientiert und eröffnet, auf der Suche nach Antworten, im März 2017 das erste BANDEN! - Festival neuer performativer Allianzen.

Im Zentrum des dreitägigen Festivals, das in seiner grundsätzlichen Programmgestaltung mit zwei Premieren, einigen Gastspielen, Partys, Workshops und Diskursprogramm erstmal nichts wirklich neues probiert, steht also die Frage von neuen Begegnungsformen von Akteur*innen der Freien Szene (vertreten durch „Markus&Markus“, „Das Helmi“, „KassettenKind“ und Ali Moraly) und den Ensembledarsteller*innen des Hauses. Mit dieser Agenda sind insgesamt vier Produktionen im Spielplan des Oldenburgischen Staatstheaters entstanden, die im Rahmen von BANDEN!  „eine ästhetische Öffnung des Theaters“ abbilden sollen und diese zwei unterschiedlichen Rahmensetzungen von Theaterproduktion zusammenführen. Das Ziel ist ein großes: Das „Stadttheater der Zukunft“ soll hier ausgelotet werden - zumindest wenn es nach Marc Oliver Krampe, dem Chefdramaturgen des Hauses und Initiator des Festivals geht. Und zweifelsohne steckt in diesem Festival, dieser Frage, diesem Versuchsaufbau ein Potenzial.

 Das Potenzial der Bande

Über dieses Potenzial spricht Prof. Dr. Melanie Hinz, Professorin für bildende und performative Künste in der Kulturarbeit an der FH Dortmund, in ihrem Vortrag „Wer ist hier eigentlich zu was gebeten?“ und beruft sich auf eigene Erfahrungen, die sie im Gestalten partizipativer Inszenierungen mit dem Kollektiv „Fräulein Wunder AG“ am Oldenburgischen Staatstheater gesammelt hat. Die Potenziale, die sie sieht, werden in vier Punkten klar herausgestellt.

Zunächst das Auftreten von Differenzerfahrungen und Konfrontationssituationen (1): Welches Publikum ist an welches Theater gewöhnt und welche Theatermachenden an welches Publikum? In einer Begegnung von unterschiedlichen Konventionen von Betrachten und (Inter)-Agieren eröffnet sich im Neuen für alle Beteiligten ein Mehrwert.

Durch die Kollaboration von Freier Szene und städtischen bzw. staatlichen Theaterbetrieben werden diese in ihrer Produktionsweise in Frage gestellt und als Normativ überprüft (2). Eine Produktionsstruktur bedingt eine Ästhetik und die Selbstreflexion dieser womöglich einen Gestus des Theatermachens. So muss immer geprüft werden, welche Möglichkeiten eine Freie Gruppe verliert und gewinnt, wenn sie sich auf die festen Arbeitsstrukturen eines Theaterbetriebes einlässt.

Als dritten Punkt führt sie eine Kompetenzerweiterung an, welche sie als „Ausweitung der Theaterzone“ (3) beschreibt. Kollaborative Probenprozesse von Freien Gruppen und Ensembledarsteller*innen fordern ein, dass man gemeinsam bestimmte Fähigkeiten erlernt, sich in bestimmten Feldern probiert und fortbildet.

Letzter Punkt einer Auflistung, welche „keinen Anspruch auf Vollständigkeit formuliert“ benennt sie das Theater als Ort des Probehandelns (4). Theatererlebnisse können im Sinne einer Gruppenerfahrung als Prozess der Selbsterfahrung, einer Dramaturgie der Teilhabe, einer vermeintlich verschwenderischen oder antiökonomischen Gestaltung von Aufführungen, als Erprobung von Gesellschaft und Wirklichkeit gelesen werden. Und so verhandelt eine Kollaboration ein Miteinander, wie eben auch eine Theatersituation es tut.

Wo nach Potenzialen gefragt wird, muss auch nach Gefahren gefragt werden. Inwiefern bildet sich in einer Differenz von Freier Szene und Stadt- und Staatstheater auch eine Diversität an Theater ab, die bei Zusammenlegung verloren geht? Inwiefern sind die beiden Produktionshintergründe kompromisslos kompatibel? Was gewinnt man in dieser Zusammenlegung und wovon muss man sich verabschieden?

 Die Konditionen der Kollaborationen

Im großen, sinnigen und relevanten Forschungsprozess, den das Festival darstellt, sind aber auch einige Ungereimtheit festzustellen, die im offensichtlichen Widerspruch zur Geste der Kollaboration, zum gleichberechtigten Miteinander und zur symbiotischen Zusammenführung von Freier Szene und Staatstheater stehen. Das fängt an, wenn in der Eröffnungsrede erst von hierarchiefreier Teamarbeit im Organisieren des Festivals gesprochen, und im nächsten Satz die Dramaturgieassistentin zu ihrem anstehenden „Aufstieg“ in die Dramaturgie-Loge des Hauses beglückwünscht wird.

Und vergleichbar fraglich geht es weiter: Das Staatstheater holt sich Expert*innen aus der Freien Szene ans Haus und ermöglicht den Ensembledarsteller*innen besondere, fordernde wie beglückende Probenprozesse, die im Nachgespräch, durch die beteiligten Ensemblemitglieder, als solche bestätigt werden. Dabei werden die beteiligten Kollektive jedoch garnicht zu ihrer Sicht auf den Modellversuch befragt. Sie werden nicht gefragt, inwiefern sich ihre Arbeit durch die Kollaboration verändert hat. Für die Auswertung dieses Modellversuchs scheint die Einschätzung beider Seiten jedoch interessant und notwendig. Die Expertise und der Arbeitskontext von ausgebildeten Schauspieler*innen wird die Arbeit einer Freien Gruppe schließlich zweifelsfrei bedingen und bereichern.

Außerdem hört die Bandenbildung auf, wo das Freie Theater zu nah ist. Zur Freien Szene gehören auch Theaterinstitutionen dieser Szene, die auf dem Festival nicht präsent waren. Inwiefern hätte im Diskutieren einer städtischen Szene auch eine Bande vom Oldenburgischen Staatstheater und beispielsweise dem Theater Wrede+, welches schließlich das schnell etablierte und potenzierte Flausen Stipendium in Oldenburg ins Leben gerufen hat, einen wichtigen Aspekt des Festivals aufmachen können, welcher komplett unter den Tisch gefallen ist?

Zum Anreichern des Festivals holt sich das Oldenburgische Staatstheater in Kooperation mit dem Institut für Medien, Theater und Populäre Kultur der Universität Hildesheim sowohl in der Planung und Durchführung des Festivals, als auch in der Gestaltung des Programms, weitere Perspektiven ins Boot. Im sogenannten „Off-Programm“ dürfen Studierende szenische Arbeiten präsentieren. Der Name „Off-Programm“ ist dabei bezeichnend für die Wertschätzung und die Arbeitsbedingungen, die den Studierenden hierbei von Seiten des Theaters entgegen gebracht werden: Mangelnder Dialog, unzureichende Verpflegung, keine Übernahme der Anreisekosten, keine vertragliche Absicherung und dementsprechend auch keine Versicherung. Inwiefern sich eine tatsächliche Beteiligung der Studierenden gewünscht wurde, wenn die Übernachtungskosten nur an den Tagen der Präsentation übernommen werden, was beispielsweise eine Beteiligung am großen Abschlusspodium unmöglich macht, ist auch fraglich. Eine Gruppe von ca. 45 Studierenden der Kulturwissenschaften, Performer*innen, die sich im Prozess der Professionalisierung befinden - Stimmen einer Nachwuchsgeneration von Theatermacher*innen, agiert auf dem Festival. In unterschiedlichen Positionen und Aufgaben arbeiten sie für das Festival: Allesamt unbezahlt.

Im Kontext einer Solidarisierung des Theaters mit dem Ensemble-Netzwerk, welches sich unter Vorsitz von Lisa Jopt, die selbst in einer der BANDEN-Produktionen beteiligt war, erfolgreich für Gagengerechtigkeit, Mitspracherecht, sichere und faire Arbeitsbedingungen von Theatermitarbeiter*innen einsetzt, scheint diese Praxis von Anstellung und Einladung inkonsequent und falsch.

Das Oldenburgische Staatstheater hat sich in Auseinandersetzung mit der Freien Szene nicht nur Akteur*innen, Probenstrukturen und Denk- und Beschreibungsweisen von Theater, sondern eben auch eine gängige Praxis von Ausbeutung entlehnt. Und so wird am Ende eine wichtige Frage des Festivals nochmal ganz anders relevant: Wer wird hier eigentlich zu was gebeten? - und vor Allem: Zu welchen Konditionen?