Synergien finden - Ein Symposium über Förderstrukturen freier darstellender Kunst

Unter dem Titel Connect/ions luden das Kuratorium für Theater, Tanz und Performance der Stadt Wien und die Wiener Theaterjury im Dezember 2016 in Kooperation mit der IG Freie Theaterarbeit zu einem Symposium über Synergien der Förderstrukturen in der freien darstellenden Kunst ins MuseumsQuartier Wien. Rund 250 Künstler*innen aus Wien und den Bundesländern folgten der Einladung und diskutierten mit ca. 30 Expert*innen verschiedener Institutionen (siehe Kasten) über Gegenwart und Zukunft staatlicher und privatwirtschaftlicher Förderungen im Kontext einer sich wandelnden freien Szene und Gesellschaft.

Der Ausgangspunkt der Initiative: Längst und immer stärker agiert freie darstellende Kunst grenzüberschreitend: sei es über Sparten hinweg an den Schnittstellen von Theater, Tanz und Performance zu Literatur, Musik, Bildender Kunst und neuen Medien; sei es institutionen-, städte- oder (bundes)länderübergreifend.

Auf Seiten der Künstler*innen und Produzent*innen setzt das eine umfassende Information über den aktuellen Stand der Finanzierungsmöglichkeiten voraus. Vertreter*innen der Städte Wien und Graz, der Länder Niederösterreich, Oberösterreich und Steiermark sowie des Bundes waren eingeladen, grundlegende Strukturen ihrer Förderinstrumente zu vermitteln und einen Diskurs mit den Künstler*innen zu gestalten. Wo müssen Förderstrukturen ansetzen, um auf sich wandelnde Bedürfnisse zu reagieren? Welche Förderinstrumente existieren – von der Ebene der Gemeinden, über die Bundesländer und den Bund bis zur EU – und wie sind diese miteinander verbunden, bauen aufeinander auf oder unterstützen unterschiedliche Aspekte des Produktionsprozesses? Wie können private Gelder – u. a. durch Crowdfunding und Fundraising – bestehende öffentliche Mittel sinnvoll ergänzen, ohne staatliche Institutionen ihres Auftrags zu entbinden? Wie entsteht im Zusammenspiel all dieser Akteur*innen, Initiativen und Finanzierungsmöglichkeiten nachhaltige Kunstproduktion von der sowohl Kunstschaffende wie öffentliche Hand profitieren?

 

Das große Interesse auf Seiten der Künstler*innen – die die Barocken Suiten des MuseumsQuartier über die acht Stunden (!) der Veranstaltung teils ohne freie Sitzplätze füllten – erschien dabei genauso als Beleg dafür, diese zukunftsweisenden Themen auf einer breiten Basis zu diskutieren, wie die Bereitschaft aller öffentlichen Vertreter*innen, den Austausch mit den Kunstschaffenden und anderen Förderstellen aktiv zu gestalten.

 

Anreize für Touring

Mit einem spezifischen Fördertopf reagiert beispielsweise das Bundeskanzleramt auf die Bemühungen der freien neuen Zirkusszene eine Relevanz im zeitgenössischen Kunstschaffen für sich zu reklamieren. Im Gespräch mit Brigitte Winkler-Komar und Karin Zizala (Bundeskanzleramt) schloss sich daran die Frage, unter welchen Bedingungen neue Fördertöpfe entstehen bzw. wie Fördergeber sowohl auf Ausdifferenzierung wie Interdisziplinarität der darstellenden Künste reagieren können? Wie Fördertöpfe sinnvoll voneinander abgrenzen? Wie Projekte an den Schnittstellen ermöglichen? Darstellende Kunst drängt dabei auch in den interkulturellen Kontext an der Schnittstelle zu Vermittlung, Community Work und niederschwelliger, kultureller Nahversorgung abseits des kulturellen Zentrums.

 

Das Thema Touring – ob national oder international – erschien im Gespräch mit Brigitte Winkler-Komar, Dieter Boyer und Robert Dressler (Stadt Wien) sowie den Vertreter*innen weiterer Bundesländer – Patrizia Monschein (Stadt Graz), Patrick Schnabl (Land Steiermark) und Maria-Diana Engelhardt (Land Niederösterreich) – als ein Schlüssel für eine nachhaltige Produktionsweise im Bereich der freien darstellenden Kunst. Während viele Förderungen als „Produktionskostenzuschüsse“ immer neue Produktionen bedingten, böten längere Spielserien oder Gastspiele die Möglichkeit, Sichtbarkeit bei Publikum und Medien zu schaffen und durch einen dauerhaften „Spielbetrieb“ letztendlich auch Einnahmen zu generieren und „Unabhängigkeit“ zu stärken. In diesem Sinne wurde im Gespräch mit Dieter Boyer und Robert Dressler die neue Wiederaufnahmeförderung der Stadt Wien als „Best Practice“ erwähnt, die genau dort ansetzte und weitere Spielserien bereits existierender Produktionen in Wien ermögliche. Im Sinne jener „Synergien“, die Pate für den Titel der Veranstaltung standen, wurde ein erfolgreiches und praktikables Gastspielmodell unter Beteiligung von Städten, Ländern und dem Bund diskutiert. Dabei ginge es nicht allein um die Finanzierung von anfallenden Gastspiel-Kosten wie Reise- oder Transportaufwendungen (wie sie bereits durch das BKA existiert), sondern überhaupt um den Aufbau einer Tournee geeigneten Infrastruktur bzw. von Anreizen für bestehende Institutionen, Gastspiele aus anderen Bundesländern in ihr Programm aufzunehmen und vieles mehr.

 

Um einen näheren Einblick auch in die Förderprogramme der europäischen Union zu geben, wurden die Programme der EU-Regionalförderung von Anja Lungstraß und Veronika Ratzenböck (Österreichische Kulturdokumentation) und die Programme Leader Kultur bzw. Leader Transnational Kultur von Kathrin Kneissel (BKA) analysiert: Bisher weitgehend unbekannt und geradezu in Verruf eines hohen bürokratischen Aufwands stehend, ließen sich durchaus relevante Finanzierungsmöglichkeiten durch EU-Gelder aufzeigen, sofern Künstler*innen bereit seien, auch auf den ersten Blick anderweitig ausgerichtete Förderprogramme auf Potentiale für Kunstprojekte abzuklopfen – so z. B. die „Entwicklungsziele“ der EU-Regionalförderung, die sich nicht dezidiert an Kulturprojekte richten, aber für diese durchlässig sind. Durch den Perspektivenwechsel in diesem Sinne fragten Künstler*innen somit nicht mehr danach, in welchen Fördertopf ihr Projekt passe, sondern entwickelten gezielt Projekte für bestimmte Fördertöpfe. Vertiefende Veranstaltungen zum Thema EU-Förderung in Zusammenarbeit mit dem BKA oder der Österreichischen Kulturdokumentation erschienen aufgrund des Interesses der Künstler*innen vor Ort äußerst sinnvoll.

 

Privatwirtschaftliche Unterstützung erwünscht

Großes Interesse statt Vorbehalte begleitete die Diskussionen rund um die Themen Crowdfunding und Fundraising bzw. Möglichkeiten eines unternehmerischen Handelns jenseits der Kommerzialisierung mit Christian Henner-Fehr (stARTconference), Karin Wolf (Institut für Kulturkonzepte) und Günther Lutschinger (Fundraising Verband Austria). Nicht nur Fragen danach, wie sich Künstler*innen privatwirtschaftliche Unterstützung sichern können, sondern auch wie man diese sinnvoll und synergetisch mit staatlichen Geldern kombinieren könne, wurden diskutiert. Welchen Stellenwert können Crowdfunding, Fundraising und Co. in Zukunft einnehmen, ohne staatliche Institutionen aus der Verantwortung zu entlassen? Dabei wurde klar, dass Crowdfunding nicht nur als Finanzierungs- sondern auch als Marketingtool gesehen werden muss, das nicht das „schnelle Geld“ verheißt, sondern ein ausgefeiltes Marketingkonzept benötigt, um auf dem freien Markt erfolgreich zu sein. Und auch Fundraising bedeute zunächst einmal einen Mehraufwand im Produktionsprozess, der sich erst auf lange Sicht natürlich rentiere, wie auch die Bestrebungen, den künstlerischen Kernbetrieb z. B. durch Workshops und Community-Work um einen „Geschäftszweig“ zu erweitern.

 

Künstler*innen als Prototypen zeitgenössischer Erwerbstätiger

Herausforderungen in Bezug auf die Verbesserung der sozialen Lage freischaffender Künstler*innen wurden von allen Seiten auch als gesamtgesellschaftliches Problem in Bezug auf freischaffend Erwerbstätige erkannt, das weit über den Kunstsektor hinausweist. Die aktuelle Ausgabe des Wirtschaftsmagazins brandeins greift genau diesen Punkt auf und analysiert die Bedingungen prekärer Selbstständigkeit. Neben anderen Selbstständigen kommt auch die deutsche Choreografin Antje Pfundtner zu Wort. Nicht umsonst wird „der/die Künstler*in“ mancherorts als Prototyp eines Erwerbstätigen neoliberaler Prägung angeführt. Diese Debatte in einem größeren Kontext (und mit den zuständigen staatlichen Stellen abseits der Kunst- und Kulturförderung) zu führen, könne Fragen nach der sozialen Stellung der Künstler*innen jene Relevanz bringen, die ihr in einem gesellschaftlichen Kontext letztlich gebühre. Christoph Knoche von der Koalition der freien Szene aller Künste in Berlin war als internationaler Beobachter eingeladen und skizzierte in diesem Sinne die Stärken eines Austauschs zwischen freien Künstler*innen unterschiedlicher Sparten bis hinein in die angewandten Künste. Konkrete Handlungsmöglichkeiten bieten sich währenddessen u. a. in Bezug auf die Subventionierung von Lohnnebenkosten durch das von der IG Freie Theaterarbeit verwaltete IG Netz: So wurden Gespräche zwischen Bund und Ländern angeregt, die eine Finanzierung der Lohnnebenkosten unabhängig von den Projektkostenzuschüssen des Bundes möglich machen würde. Von Seiten diverser Länder wurde Gesprächsbereitschaft signalisiert.

 

Mit einer systematischen Darstellung öffentlicher und privater Förderungen in Wien, Österreich und der EU reflektierte die Veranstaltung somit sowohl den aktuellen Stand der Finanzierungsmöglichkeiten und leistete einen ersten Beitrag zu einem Diskurs, der längst nicht abgeschlossen scheint: Ein weiterführender, vertiefender Austausch zwischen Künstler*innen und Fördergebern  zwischen Städten, Ländern und dem Bund in unterschiedlichen Konstellationen – bis hin zum Sozialministerium –, scheint lohnenswert und wurde von allen Seiten begrüßt. Themenbezogene Arbeitsgruppen, um einzelne Schwerpunkte aus der Fülle der Anstöße des Symposiums vertiefend zu diskutieren, erschienen genauso sinnvoll wie der Austausch freier Künstler*innen diverser Sparten in einer „Koalition der Freien Szene“ oder ein weiterführendes Symposium, das u. a. die westlichen Bundesländer in den Dialog einbindet.

 

 

Hinweis:  zuerst erscheinen in gift. zeitschrift für freies theater Nr 1 / 2017, Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der IG Freie Theaterarbeit Österreich.

 

Kolja Burgschuld: Geschäftsführer der Assitej Austria 2011-2013, Leitung Kommunikation am Dschungel Wien 2014-2016, seit März 2016 Mitglied des Kuratoriums für Theater, Tanz und Performance der Stadt Wien.

 

 

Stephan Rabl: Gründung / Leitung Szene Bunte Wähne 1990-2004, Schäxpir-Festival 2001-2015, Dschungel Wien 2003-2016, Vorsitzender Assitej Austria 2003-2011, Weltvorstand Assitej International 2002-2014, Regisseur.