Performing the Archive– Studie zur Entwicklung eines Archivs des Freien Theaters

Zusammenfassung der Ergebnisse

 

Die mit Förderung des Bundes – der Beauftragen für Kultur und Medien – und Landesministerien sowie einer Stiftung aus fünf Bundesländern zwischen Herbst 2015 und Ende 2016 durchgeführte Studie liefert einen fundierten Überblick über den Umfang, die Allokation und die Zustände der in Frage kommenden Bestände, die Konkretisierung der Aufgabenfelder ihrer Sicherung, Bewahrung und Erschließung sowie die Grundlinien der Konfigurierung eines Archivs für das Freie Theater. Dabei ist deutlich geworden, dass die Erarbeitung des Archivs wesentlicher Bestandteil jener Diskurse sein kann, denen es um die Fortentwicklung der deutschen Theaterlandschaft im Sinne ihrer strukturellen Zukunftsfähigkeit geht.

Der noch jungen Tradition des Freien Theaters in Deutschland, das sich von Anbeginn an in gesellschaftlicher Verantwortung für die Theaterkunst positioniert, mangelt es an den Grundlagen für die Aufarbeitung seiner Geschichte, Verfassung und Perspektiven und damit der Fundierung seiner kulturpolitischen Bedeutung. Mit der Lokalisierung der historischen und aktuellen Bestände, der Identifizierung der Bestandsbildner*innen und Bestandshalter*innen und den Vorschlägen zu einer archivalischen und technologischen Konfigurierung schafft die Studie die Grundlage für die Entwicklung eines gesamtgesellschaftlich richtungweisenden Projektes, das auch darauf zielt, in die Konzeptionen von Theaterpolitik zu wirken. Dabei geht es vor allem darum, die im Feld des Freien Theaters entwickelten Modernisierungsimpulse fundiert sichtbar und sowohl der Forschung wie auch den kulturpolitischen Diskursen verfügbar zu machen und nachhaltig zu sichern. Mit der programmatischen Konzeptionsformel „Performing the Archive“ wird dabei die Verbindung von historischer Traditionsbildung und deren Konsolidierung, künstlerischer Zeitgenossenschaft sowie kommunikativ zukunftsweisende technologische Orientierung angelegt. Die Studie verbindet mit ihrer Trägerschaft durch die wichtigsten Verbände und Akteure im Feld und mit den konsultierten Institutionen der Darstellenden Künste, der Theaterwissenschaft und der Förderungen, in beispielhafter Weise das Zusammenwirken von Zivilgesellschaft und Kulturpolitik, das durch die Förderung durch den Bund und eine Anzahl von Bundesländern auf eine gesamtstaatliche Verantwortung zielt. Die vorgelegten Ergebnisse zeigen, dass die Weiterentwicklung dieser Gesamtverantwortung eine zentrale Voraussetzung für das Gelingen sein wird: Sowohl die Ausweitung der Trägerschaft über die unmittelbaren Interessenverbände hinaus, der Förderkulisse auf weitere Bundesländer und weitere Ressorts und auf die kommunale Ebene sind anzustreben. Hierfür haben die bisherigen positiven Reaktionen auf die Studie auf allen angesprochenen Ebenen eine ermutigende Grundlage für ein Vorhaben gezeigt, das mit seiner historischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Orientierung konkrete Ansätze zukunftsweisender kulturpolitischer Diskurse aufweist.

Acht Essentials:

Erstens Die Studie zeigt, dass das Archiv des Freien Theaters als gemeinsame Anstrengung der Akteure und Protagonisten mit Unterstützung durch Kulturpolitik, Wissenschaft und zivilgesellschaftliche Initiative realisierbar ist. Dabei wird aber auch deutlich, dass es in seinen Funktionen als Wissensplattform, Forschungsforum, kulturpolitische Materialsammlung und Fundus künstlerischer Arbeiten nicht als Archiv im herkömmlichen Sinne zu denken ist: Es repräsentiert keinen historischen Kanon, sondern dokumentiert, bewahrt und erschließt die Überlieferung der künstlerischen wie der organisatorischen und strukturellen Praxis des Freien Theaters. So zeigt die Studie auch, dass das Archiv des Freien Theaters als dezentrale Struktur von Standorten zu denken ist, in der in weitgehend zentraler transparenter Selbstorganisation Regeln für die Bewahrung und Erschließung der Materialien entwickelt und deren Umsetzung organisiert werden.

Zweitens Die Studie entwirft erstmals eine Kartografie der Bestände des Freien Theaters in Deutschland. Über 4000 potentielle Bestandshalter*innen und Bestandsorte wurden identifiziert, in allen Bundesländern, vor allem in den urbanen Räumen. Verschiedene Bestandshalter*innen typisieren das Freie Theater, unter anderem Theatermacher*innen, Theatergruppen, Theaterfestivals, Theaterförderer, Produktionshäuser, Ausbildungsstätten, Spielstätten, Fotograf*innen, Soziokulturelle Zentren, Produzent*innen, Vereine und Verbände.

Drittens Die Studie macht erstmals auf den Reichtum der Bestände als Kulturelles Gedächtnis des Freien Theaters aufmerksam. Die Umfänge sind unterschiedlich, erste vorsichtige Schätzungen ermitteln eine Gesamtgröße der Archivalien von rund 172 Regalkilometern physischen Materials, das bis zu den 2010er Jahren den Großteil der Bestände bestimmt. Seitdem finden sich Objekte und Materialen zunehmend und überwiegend digital auf Rechnern und Festplatten, Servern und in Clouds.

Viertens Die Studie hat bei über 100 Stichproben erstmals festgestellt, dass die Bewahrung der Archivalien des Freien Theaters außerordentlich gefährdet ist. In aller Regel sind die analogen Bestände durch Verbleichen, Rostfraß und andere chemische Beeinträchtigungen vom Verfall bedroht. Speicherungen von Audio- und Videodateien, auch auf Magnetbändern, bedürfen dringlichst der digitalen Sicherung sowie des Erhalts und der Pflege des analogen Materials selbst.

Fünftens Die Studie zeigt erstmals die Disparatheit der Verzeichnung und Katalogisierung. Die meisten Bestände sind unerschlossen, wenige sind über Objekte zuzuordnen, überwiegend sind sie nicht über Listen oder gar digitale Ablagen zugänglich. Oft sind es nur die Verwaltungsakten, die über die Beschriftung von Sammlungseinheiten wie Kartons oder Ordner nachzuvollziehen sind. Eine ausführliche inhaltliche Verzeichnung, die Verbindungslinien und Zusammenhänge aufzeigt, existiert zu den wenigsten Objekten.

Sechstens Die Studie verweist auf die Tatsache, dass unter den derzeit obwaltenden Rahmenbedingungen eine umfängliche Onlineverfügbarmachung von digitalem Material des Freien Theaters vor allem ein urheberrechtliches Problem darstellt. Die Leistungsschutzrechte schränken die Nutzbarmachung der Materialien ein und bedürfen der Klärung, Vorschläge für ein Rechtemanagement sind zu entwickeln, ohne dabei das geistige Eigentum an künstlerischer Arbeit in Frage zu stellen.

Siebtens Die Studie versammelt erstmals das große öffentliche Interesse an einem Archiv des Freien Theaters. Alle Beteiligten und Befragten bekunden einen großen Bedarf und halten die Realisierung unter künstlerischen, wissenschaftlichen und kulturpolitischen Perspektiven für unbedingt notwendig und für gesellschaftlich bedeutsam. Insbesondere fokussiert die Studie auf den Ansatz eines „Archivs neuen Typs“, das unter dem programmatischen Label „Performing the Archive“ mit Leben zu füllen wäre.

Achtens Die Studie dient somit einer ersten Bestandsaufnahme eines zukünftigen Archivs des Freien Theaters in Deutschland. Sie dient der differenzierten weiteren Herangehensweise und möge der Kulturpolitik in den Kommunen, in den Ländern und im Bund dienen, die gesamtstaatliche Verantwortung zu erkennen und wahrzunehmen. Die Bestände sollen überwiegend dezentral bei Bestandsbildner*innen gelagert, in einer systematischen Erfassung und Verzeichnung in einem gemeinsamen und transferierbaren digitalen System zugänglich gemacht. Besonders gefährdete Bestände sollen an zentralen Orten, auch in Kooperation mit bestehenden Sammlungen, erfasst werden. Als nächster Schritt wird empfohlen in einzelnen Ländern und Kommunen Machbarkeitsstudien zu verwirklichen, die an einzelnen Beispielen modellhaft das genannte Vorgehen erproben.

 

(c) Wolfgang Schneider, Christine Henniger, Henning Fülle (Hrsg.) unter Mitarbeit von Anne John