Herausforderungen fördern.

Holger Bergmann – GeschäftsführerVon Holger Bergmann Geschäftsführer Fonds Darstellende Künste/Berlin

Bundesweit hat das frei produzierte Theater, ein breites Spektrum an Themen und Aktualisierung in die Theaterlandschaft eingebracht: Fragen der Partizipation und Teilhabe in Zeiten wachsender gesellschaftlicher Diversität oder Ausrichtungen auf generationsübergreifende Praxis sowie Fragen der Vermittlung von Kunst rücken hier oft in den Mittelpunkt der ästhetischinhaltlichen Konzeption und erschaffen erweiterte Zugänge zur Kunst wie zur demokratischen Gesellschaft. Zurzeit bildet das frei produzierenden Theater mit seinen nicht selten stilbildenden Kreationen mit unterschiedlichen Genres der Künste die Form, welche sich Themen der Zivilgesellschaft stellt und Teilhabeformate ebenso wie Technologien der Digitalisierung thematisiert und für das Gemeinwesen erprobt. Diese Kunstform, die sich heute schon der Gesellschaft von morgen stellt, gilt es neben der kommunalen und landesweiten Förderung, wie sie seit Jahren sehr engagiert die Stiftung Niedersachsen praktiziert, auch von Seiten des Bundes verstärkt zu fördern.

 

Kunst und Laboratorium für die Gesellschaft von morgen.

Die künstlerischen Ausdrucksformen der Darstellenden Künste haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Das zentrale Motiv der Entwicklungen im Gegenwartstheater lässt sich als eine „Hinwendung zum Realen“ beschreiben. Hintergrund für diese Bewegung ist die kulturwissenschaftliche Annahme, dass seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert ein Paradigmenwechsel stattfindet, nach dem die Gesellschaft einen sogenannten „performativen Wandel“ durchlebt. Während Kultur früher als ein strukturierter, zeichenhafter Zusammenhang angesehen wurde, den es zu lesen und zu erforschen galt, geht man heute davon aus, dass Kultur vor allem im Vollzug des miteinander Handelns hervorgebracht wird und entsprechend auch handelnd erforscht werden sollte. Kultur gleicht also eher einer großen Performance, bei der nicht nur sprachlich hervorgebrachte Äußerungen etwas „schaffen“, sondern auch Zeichen von wachsender Bedeutung sind, die jenseits der Sprache liegen. Jede*r wirkt durch sein eigenes Handeln mit und schafft durch (oft nicht-bewusste) Handlungen Realität. Demnach wird das ganze Leben als eine bewusste Inszenierung begriffen, alles ist in gewisser Weise „gestaltet“. Dazu gehören die Räume, von der uns umgebenden Stadt, der Architektur bis hin zum Lifestyle der Ausstattung der Wohnungen unserer eventisierten Freizeit und sogar unsere Körper, die von der Ästhetischen Chirurgie verändert werden. Die Wirklichkeit ist so immer mehr als Aufführung zu begreifen, als bewusste Darstellung. Die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt und der Werkcharakter von Kunst wird allmählich ersetzt durch Ereignisse. Was Guy Debord und die Situationisten 1967 als eine „Gesellschaft des Spektakels“ voraussahen, ist heute Realität. Zu ihr gehört die Definition der Bürger*in oder des Bewohners als Zuschauer, für den das gesamte öffentliche und politische Leben zum Schauspiel wird. Das Theater reagiert hierauf, indem es seine Verfahren und Darstellungsweisen der Performancekunst annähert. Der Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann beschreibt diese Annäherung von Theater und Performance als „Einbruch des Realen in die theatrale Fiktion“. Der Wunsch, Realität ins Theater zu holen, geht einher mit dem Wunsch, im Theater eine andere Wahrheit zu erzeugen und Verstellung zu beseitigen. Die Erweiterung und Orientierung an dieser Kunstpraxis zeichnet viele der prämierten Theater aus. Sie zeigen und entwickeln ein Theater, das sich zwischen den Genres und inmitten der Stadtgesellschaft bewegt. Ein entscheidendes Ziel dieses neuen Gegenwartstheaters ist es, die ästhetische Distanz zwischen Kunst und sozialer Realität zu befragen, zu verringern und von Fall zu Fall sogar ganz zum Verschwinden zu bringen. Besonders das frei produzierende Theater gibt hierbei die gewohnte Sicherheit der Kunst auf dem Podest im Illusionsraum der Bühnenwelt auf und begibt sich stattdessen ins Mittendrin der gesellschaftspolitischen Gemengelagen. Manchmal gelingt es der Kunst hierbei in einer illusionistischen Wirklichkeit das Reale wieder in Szene zu setzen und die Bürger*in und den Bewohner aus seiner Zuschauersituation zu lösen und sie in einen Akteur der Situation zu verwandeln. Es sind solche initiierten Momente die Möglichkeitsräume im Denken und Handeln erschließen.

Vielfalt . Wagnis. Schönheit des Moments.

Die Komplexität der politischen, wirtschaftlichen, sozialen Gegebenheiten der Menschen, in denen die globalen Themen oft in lokalen Symptomen sichtbar werden, stellt längst neue Herausforderungen an Gesellschaften wie auch an die Praxis der Kunst. Auf diese Vielschichtigkeit antworten aktuelle künstlerische Praktiken, indem sie sich ins Mittendrin der gesellschaftlichen Spannungs- und Handlungsfelder begeben. Meiner Ansicht nach geht es darum mit der darstellenden Kraft der Kunst Erfahrungsräume zwischen urbanen Räumen und Kunstorten, zwischen künstlerischer Strategie und spielerischer Teilhabe unterschiedlichster Akteure, sowie zwischen fiktiver Inszenierung und unmittelbarer wie virtueller Erfahrung zu behaupten, zu erfinden und zu erschaffen. In Zeiten des zunehmenden Rückbaus des Wohlfahrtsstaates, dem Fehlen von sozialen und solidarischen Gemeinschaften und der Leerstelle eines Gemeinwesens, dessen prioritäres Ziel bessere Lebensverhältnisse für alle Bewohner*innen wäre, geht es auch darum etwas Abwesendes wieder mit Hilfe der Kunst als „Soziale Plastik“ zu imaginieren, ohne dabei wiederum in die Falle der reinen Zweckorientierung zu fallen: Spaß am Momenthaften und der Aufwand für den Augenblick, bilden hierfür gute Voraussetzungen und sind seit jeher der Theater -und Performancekunst inhärente Kräfte. Die folgenden drei inhaltlichen Aspekte scheinen mir im gegenwärtigen frei produzierenden Theater besonders herauszutreten:

- Das Theater zeigt eine Sichtbarkeit der Diversität unserer Gesellschaft und benennt dies als Grundlage von Aushandlungsprozessen und Basis der Fortentwicklung der Demokratie.

- Die ästhetischen Formate werden zu künstlerischen Versuchsanordnungen, zu Wagnissen und können als Testläufe für Entwicklungen unseres Gemeinwesens gesehen werden.

- Die frei produzierten Werke ringen in ihrer ästhetische Fortentwicklung zwischen Digitalisierung und Demokratisierung um eine Gegenwärtigkeit der Kunst, die auch immer die Zukunft des Theaters verhandelt.

Ein Missverständnis zeigt sich allerding darin, dass die Künste in den letzten Jahren oft gezielt eingesetzt werden, um die scheinbaren Konfliktsituationen und den Dialogmangel zwischen der wachsenden Einkommensungleichheit oder den sozialen Differenzen der Kulturen zu besänftigen oder zu lösen. Allerdings: das Theater löst keine Ungleichheit, es ist kein Ersatz für gesellschaftliche und politische Verantwortung. Die Herausforderungen für unser Zusammenleben bleiben als gemeinsame Aufgabe, zur deren Erfüllung ist die Erweiterung über jetziges Denken und Handeln hinaus eine Grundvoraussetzung und hierfür bildet insbesondere das frei produzierende Theater ein Laboratorium für die Gesellschaft von Morgen.

Fördern mit Zukunft für die Kunst von heute.

Der Fonds Darstellende Künste adressiert durch seine Antragsteller*innen direkt die Künstler*innen des frei produzierenden Spektrums und diese sind es, die ihr zu förderndes Thema eigens und selbstgewählt setzen. In dieser Art der Umsetzung stellt der Fonds die Künstler*innen in den Mittelpunkt seiner Förderungen und schafft lediglich formale Rahmenbedingungen bzw. Förderfenster für die jeweiligen Arbeitsphasen. Die gerade neu geschaffene Initialförderung schafft eine Voraussetzung für nicht unmittelbar an eine Produktion gebundenes künstlerisches Arbeiten. Das künstlerische Schaffen ist mehr als nur die Arbeit an dem unmittelbaren Werk, es umfasst unterschiedliche Phasen der Arbeit. Die bisherigen Produktionsförderungen zielen aber nur auf den einen Ausschnitt dieses Tuns. Die Phasen der Konzeption und Inspiration durch Austausch, Recherche oder Konfrontation bleiben meist selbst zu finanzieren. Hier könnten die Förderer verstärkt über die Schaffung von produktionsunabhängiger Förderung wie in einigen Residenzprogrammen oder eben in der Initialförderung nachdenken. Der Fonds ist gerne Partner um im Zusammenspiel mit Ländern und Initiativen den Prozess produktionsunabhängiger Qualifikation der Künstler*innen in den Blick zu nehmen. Des Weiteren scheint es dem Fonds wichtig zu sein die Förderung von frei produzierenden Ensembles zu betrachten, um gemeinsam mit Partnern in den Kommunen, Ländern und beim Bund, die langjährige erfolgreiche Arbeit von Ensembles und Kollektiven zu sichern. Diese kontinuierlich arbeitenden Ensemblestrukturen bilden schon längst eine entscheidende Größe der bundesdeutschen Theaterlandschaft gegenüber dem meist temporäreren Stadttheaterensemble, jedoch stehen für deren Aussicherungen, wenn überhaupt nur maximal dreijährige Förderungen in Projektkostenhöhe zur Verfügung. Auch mit Blick auf den Generationswechsel stellen sich Fragen der sozialen Absicherung solcher nicht selten stilbildenden gemeinschaftlichen Arbeitsstrukturen, der Ensembles der frei produzierenden Darstellenden Künste. Die Stiftung Niedersachsen ist seit langem eine verlässliche und erfolgreiche Partnerin in der Förderung der Freien Theaterszene, ihr ist es gelungen, gemeinsam mit den Kommunen, dem Land Niedersachsen und nicht selten mit dem Fonds, eine Theaterszene in Niedersachen arbeitsfähiger und sichtbarer zu machen. Nun schaffen es die Akteure auch bundesweit für Aufmerksamkeit zu sorgen. In diesem Jahr gewannen Markus&Markus den bundesweiten George Tabori Förderpreis 2017 des Fonds Darstellender Künste, zuvor waren sie auf dem Best OFF Festival der Stiftung Niedersachsen prämiert worden. Er wäre sicherlich an der Zeit, dass sich Niedersachsen neben diesem temporären Festival auch mit einem größeren Produktionsort in die bundesweite Theaterlandschaft einbringt und so neben Hamburg, Hessen, NRW, Berlin u.a., den Künstler*innen ihres Landes einen bundesweit sichtbaren wie dauerhaften Ort zugeben. Der Fonds braucht engagierte Partner*innen für das Theater in den Ländern und Kommunen und weiß in der Stiftung Niedersachsen so eine Partnerin, deren Ziel das Fördern mit Zukunft für die Kunst von heute ist.