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  • Wissenschaftler befürchtet kulturellen Kahlschlag

    INTERVIEW: Wolfgang Schneider spricht über die Zukunft von Theatern

     

    Bielefeld. Die Kultur im Land ist unter Druck. Die finanziellen Spielräume werden angesichts klammer Kassen in den Kommunen immer enger. In Wuppertal und Oberhausen wird bereits über Theaterschließungen debattiert. Allüberall werden Kultur-Etats gekürzt und Eintrittspreise – wie jetzt auch für das Bielefelder Theater – erhöht. Stefan Brams sprach mit Professor Schneider, Kulturwissenschaftler, an der Universität Hildesheim.

     

    Herr Schneider, warum wird in diesem Land immer dann, wenn es um Kürzungen in den Finanzhaushalten geht, sofort an die Kultur gedacht?
    Obwohl wir uns als Kulturgesellschaft verstehen und Politiker sich in Sonntagsreden unermüdlich zur Bedeutung der Kultur bekennen, ist die Praxis in der Tat eine andere. Das hängt vor allem damit zusammen, dass Kultur für die Kommunen zu den so genannten freiwilligen Leistung zählt. Daher kommen sie – im Gegensatz zu den Pflichtaufgaben – sofort auf den Prüfstand. Trotz aller Bekenntnisse zur Kultur in all den Sonntagsreden.

  • Der Zuschauer ist Co-Autor

    Roberto Ciullis Theater an der Ruhr in Mülheim führt einen ästhetischen, politischen Dialog mit und in der Gesellschaft

     

    "Schauspieler sind die gefährlichsten Menschen." Diesen Satz von Heiner Müller zitiert Roberto Ciulli, künstlerischer Leiter des Theaters an der Ruhr, gerne und oft. Gefährlich, weil sie zu frei denken, Strukturen hinterfragen, Ästhetik wagen. Schon immer mussten sich Theaterschaffende daher ihren Platz in der Gesellschaft erkämpfen – und haben sich doch oft genug aus ihr zurückgezogen.

  • Nie wieder Vollbeschäftigung – wir haben Besseres zu tun

    Der dm-Gründer Götz W. Werner und die Kuratorin Adrienne Goehler zeigen, wie ein bedingungsloses Grundeinkommen zum Katalysator von Kreativität werden könnte

    Dass sich unsere Arbeitswelt im rasanten Wandel befindet, wird kaum einer bezweifeln. Dass an den immer neuen Horrornachrichten von Massenentlassungen bei Opel & Co., der steigenden Mehrwertsteuer oder gar der Finanzkrise etwas Gutes sein soll, werden die wenigsten nachvollziehen können. Doch gerade das behauptet Götz W. Werner, Gründer der dm-Drogeriemarktkette und einer der radikalsten Vertreter des bedingungslosen Grundeinkommens. Während der Fonds Darstellende Künste auf einem Symposium im Mai 2009 in der Berliner Akademie der Künste noch darüber diskutierte, wie man aus der miserablen finanziellen Lage der Kulturschaffenden in Deutschland das Beste machen könne, meinen die Anhänger des bedingungslosen Grundeinkommens die Lösung des Ãœbels längst gefunden zu haben. In seinem Buch "Ein Grund für die Zukunft: das Grundeinkommen” schildert der Unternehmer in messerscharfer Dialektik seine Vision von einem System, das den marxistischen Gerechtigkeitsgedanken mit dem der Freiheit des Kapitalismus in Einklang bringt. Die Kuratorin Adrienne Goehler beschreibt die Auswirkungen eines solchen Umdenkens in ihrem Buch "Verflüssigungen” aus der Sicht der Kunst- und Kulturschaffenden.

     

  • Austauschbar?

    Wanderlust, Plattform 11+, Babel & Co

    Chancen und Risiken internationaler Zusammenarbeit im Kinder- und Jugendtheater

    Samstag, 15. Mai 2010 von 13.00-16.00 Uhr & Sonntag, 16. Mai 2010 von 10.00-13.00 Uhr

    Eine Veranstaltung der ASSITEJ e.V. und des Jungen Ensemble Stuttgart im Rahmen von

    Schöne Aussicht

    7. Internationales und 13. Baden-Württembergisches Theaterfestival

     

     

  • Mit Schule und Theater muss zusammenkommen, was zusammengehört!

  • REPORT DARSTELLENDE KÃœNSTE

    Vom 4. – 6. Mai 2009 findet in der Berliner Akademie der Künste (Hanseatenweg) das internationale Symposium zur wirtschaftlichen und sozialen Lageder Theater- und Tanzschaffenden in Deutschland statt:

    REPORT DARSTELLENDE KÃœNSTE

    Die wirtschaftliche, soziale und arbeitsrechtliche Lage der Theater- und Tanzschaffendenim Kontext internationaler Mobilität

    Veranstaltet von / organized by
    Zentrum BRD des Internationalen Theaterinstituts/ German Centre of the International Theatre Institute (ITI)
    Fonds Darstellende Künste

    Akademie der Künste, Berlin

    / Academy of the Arts, Berlin
    Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien / The Federal Government Commissioner forCulture and the Media (BKM)

    In Kooperation mit / in co-operation with
    Bundesverband Freier Theater / German Association of Independent Theatres (BUFT)
    Culture Action Europe, Brüssel
    Botschaft von Kanada, Berlin / Embassy of Canada

  • transeuropa 2009

    www.theaterpolitik.de ist der offizielle Medienpartner von transeuropa 2009,

    dem europäischen Theater- und Performancefestival vom 14. bis 20. Mai

    in Hildesheim.

  • Was ist deine Grenze wert? transeuropa2009 - das 6. europäische Theater – und Performance Festival in Hildesheim

    Ein Gespräch mit Maike Piechot, Lea Seibert und Martin Zepter vom Leitungsteam des Theater- und Performancefestivals transeuropa2009

    "What´s your border worth?" Mit dieser Frage lädt transeuropa2009 junge Künstler aus der freien Szene Europas nach Hildesheim. Das Festival geht in diesem Jahr bereits in die 6. Auflage und präsentiert vom 14. bis 20. Mai junges innovatives Theater aus Belgien, Deutschland, Serbien und der Türkei. Dabei zeigen sich die studentischen Macher als wahre Akrobaten. Sie sitzen im Spagat zwischen Freier Szene und Hochschulanbindung, Bühnenstücken und Stadtrauminszenierung, Provinz und überregionaler Resonanz und trotzdem wirkt alles herzlich und entspannt.

    Wie wird sich Hildesheim im Mai verändern? Wo trifft man auf das Festival wenn man durch die Straßen geht?

    Hoffentlich überall. Neben dem Festivalzentrum gibt es mehrere Spielorte, zum Beispiel ist das Rathaus für unser Format Bürgersitzung angefragt. Gerade das Rahmenprogramm wird sich auch im Stadtraum ausbreiten. Eine Gruppe junger Theatermacher aus Hildesheim arbeitet gerade an einer theatralen Schnitzeljagd, bei der sich die Teilnehmer in kleinen Gruppen gegenseitig durch die Stadt verfolgen.

    In der deutschen Festivallandschaft ist es häufig so, dass ein großer Ort besetzt wird, an dem alles stattfindet. Man versucht gewöhnlich den Rahmen möglichst eng zu halten und sucht sich eine spezielle Zielgruppe. Wir versuchen das in verschiedenen Punkten aufzubrechen, z.B. was die Räumlichkeiten angeht, aber auch was das Publikum betrifft. Wir wollen neben Studierenden und Fachpublikum auch Hildesheimer Besucher auf unserem Festival.

  • Freies Theater in Südwestniedersachsen: Hildesheim

    Brutstätte und Produktionsort für Kindertheater und interdisziplinäre Theaterexperimente

    Seit nunmehr 25 Jahren ist Hildesheim, diese kleinste Großstadt des südlichen Nordens, eine Qualitäts-Brutstätte Fr Speichern eien Theaters mit großer Zentrifugalkraft. Viele Gruppen und Theatermacherinnen und Theatermacher der Freien Szene, die auch überregional arbeiten, sind durch die Kollektiv-Schmiede des Instituts für Theater und Medien der Universität Hildesheim gegangen. Die große Anzahl der Gruppen, die Hildesheim auch lange nach abgeschlossener Studienzeit die Treue hält, gibt Auskunft über eine besondere Konstellation mit wichtigen Netzwerkknoten und Kooperationspartnern: Dazu gehören der Aufführungsort und Produktionspartner Theaterhaus Hildesheim e.V., der 2005 gegründete Verein "tanzsehen-selbertanzen" und das 2007 ins Leben gerufene Theaterpädagogikzentrum Hildesheim e.V. aber auch langjährige Kooperationen mit dem Stadttheater Hildesheim, die im Bereich des Kindertheaters auch nach der Fusion zum TFN (Theater für Niedersachsen) 2007 weitergeführt wurden, zählen dazu. Dieses Freie Theater-Biotop aus Gruppen, die zum Teil seit mehr als zehn bzw. zwanzig Jahre bestehen, aber auch vielen jungen Initiativen, wäre ohne die mehrgliedrige Förderlandschaft aus Stadt, Weinhagen-Stiftung, Landschaftsverband und Bürgerstiftung auf kommunaler Ebene und nicht zuletzt durch die zwei starken Förderpartner auf Landesebene: dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft Niedersachsen und der Lottostiftung undenkbar.
  • Chaos und Konzept: Poetiken des Probierens im Theater

    Tagung des Instituts für Medien und Theater der Stiftung Universität Hildesheim in Zusammenarbeit mit dem Herder-Kolleg.

    Tagungsbeginn ist am 24. April 2009 um 13 Uhr auf der Domäne Marienburg, bis zum 26. April 2009 referieren unter anderem John von Düffel, Hajo Kurzenberger, Carl Hegemann, Jan Linders, Bernd Stegemann, Barbara Gronau, Annemarie Matzke, das Künstlerduo Hofmann & Lindholm und viele mehr. Eine Anmeldung zu dieser Tagung ist nicht erforderlich.

    Weitere Informationen unter www.uni-hildesheim.de

  • Kinder brauchen Theater! Brauchen Kinder Theater?

    Sieben Fragen an den Hildesheimer Kulturwissenschaftler Professor Dr. Wolfgang Schneider

    www.burghof.com

    1) Warum soll ausgerechnet das Theatererlebnis so wichtig sein für Kinder?
    Wichtig für Kinder ist, dass sie geliebt und gefordert werden, dass sie die Möglichkeit haben, sich bilden zu können, dass sie gesunde Nahrung erhalten. Das alles kann auch das Theater bieten. Und gutes Kindertheater ist auch ein Lebensmittel. Die frühe kulturelle Teilhabe hilft bei der Weltaneignung.

    2) Die ASSITEJ* fordert, dass jedes Kind zweimal im Jahr die Möglichkeit haben muss, ins Theater zu gehen. Und wie soll dieses Ziel erreicht werden?
    Ganz klar: Durch mehr Kindertheater! In Schweden ist das Gesetz, in Dänemark in der Kommunalpolitik verankert, in den Niederlanden gibt es sogar das Unterrichtsfach "Kulturelle Bildung", in Großbritannien "Theatre in Education" und in Italien ist Theater Teil der frühkindlichen Erziehung. Alle Theater und Kultureinrichtungen sollten 25 % ihrer künstlerischen Produktion für ein junges Publikum anbieten. In diese Richtung gehen auch die Handlungsempfehlungen der Enquête-Kommission "Kultur in Deutschland" des Deutschen Bundestags.

    3) Welche Voraussetzungen muss ein Theater erfüllen, um ordentliches Mitglied der ASSITEJ zu werden?
    Theater dürfen nicht nur zur Weihnachtszeit die roten Bäckchen und glänzenden Äuglein der Kleinen entdecken, sie müssen ganzjährig ein professionelles Angebot in den darstellenden Künsten ermöglichen! Mehr als 150 Mitglieder bieten derzeit von Flensburg bis Konstanz, von Bedburg-Hau bis Dresden Tanztheater, Puppentheater, Kinderoper, Jugendclubs und Schauspiele für Windelpakete oder Pubertierende, für Menschen, die jung an Jahren oder jung im Geiste sind.

    4) Gibt es Tipps für Eltern, Erzieher und Lehrer, die geeignete Theatervorstellungen für ihr/e Kind/er aussuchen?
    Mein Tipp: Nicht so viel suchen, vielmehr hingehen – wann immer es geht! Kinder sind Vielfraße und allzu viel "Ausgesuche" birgt die Gefahr, Theater zu funktionalisieren. Ein guter Magen verträgt reichlich Kost. Und bei etwa zwölf Kindertheaterbesuche im Jahr können die Rezipienten früher oder später die Spreu vom Weizen trennen. Also ab nach Basel ins Vorstadt-Theater, ab nach Freiburg ins Theater im Marienbad, ab nach Straßburg ins Theater Jeune Public – und natürlich das komplette Abo im Burghof.

    5) Die Puppentheater Halle oder Meiningen, Theatermacher wie Peter Müller oder Stefan Wey sind international renommiert und werden auch von der ASSITEJ immer wieder ausgezeichnet. Was macht ihre herausragende Qualität aus?
    Zunächst und zu aller erst geht’s denen um die Kunst. Sie verstehen ihr Handwerk des Schau- und Puppenspiels, sie haben was zu erzählen und sie wissen das mit den Mitteln des Theaters zu inszenieren. Ihre Bühne ist eine Schule des Sehens, sie setzen auf existentielle Geschichten und ästhetische Erfahrung. Selbstverständlich nehmen sie Kinder ernst, selbstverständlich wollen sie unterhalten, selbstverständlich sind sie immer noch neugierig auf ihr Publikum.

    6) Gibt es auch schlechtes Theater für Kinder?
    Oh, ja! Schrecklich, diese Pseudo-Kinderfreunde, diese TV-Kopisten, diese Themen-Truppen: Billig, bunt und beifallheischend. Theater als Gewaltprophylaxe, Theater als siebte Unterrichtsstunde, Theater als Suchtaufklärung. Dabei braucht Theater nur Theater zu sein: "Die Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagen, und jedermann erwartet sich ein Fest".

    7) Welche Kindertheaterproduktionen haben Sie am meisten beeindruckt?
    Das alles aufzulisten würde den Rahmen des "Burghof-Magazins" sprengen. Aber erinnern will ich mich gerne an Volker Ludwigs "Linie 1" am Berliner Grips Theater, an Rudolf Herfurtners "Geheime Freunde" an der Schauburg in München, an Friedrich Karl Waechters "Teufel mit den drei goldenen Haaren", erzählt von Verena Reichardt, an "Die Versammlung um die Braut" vom Theater Wederzijds aus Amsterdam, an "Lauras Landschaft" vom Speeltheater der Eva Bal in Gent, an Roberto Frabettis Theater für die Allerkleinsten, an Suzanne Ostens "Das Mädchen, Mama und der Müll" am Unga Klara in Stockholm usw. usw. usw.




    Professor Dr. Wolfgang Schneider ist Direktor des Instituts für Kulturpolitik, Dekan des Fachbereichs Kulturwissenschaften und ästhetische Kommunikation sowie Mitglied im Stiftungsrat der Universität Hildesheim, war Sachverständiges Mitglied der Enquête-Kommission "Kultur in Deutschland" des Deutschen Bundestags, ist Vorsitzender der ASSITEJ Deutschland und Präsident der Internationalen Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche.

     

    Birgit Degenhardt ist im Burghof neben der Leitung der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit auch für die Spielburg – professionelles Theater für Kinder und die Kinderbuchmesse Lörracher LeseLust – verantwortlich und wurde dafür 2007 von der ASSITEJ mit dem Veranstalterpreis ausgezeichnet.

     

    * ASSITEJ heißt ausgeschrieben ASSociation International du Théâtre pour l’Enfance et la Jeunesse – und bedeutet auf Deutsch "Internationale Vereinigung für das Theater für Kinder und Jugendliche". Die ASSITEJ hat nationale Sektionen in 85 Ländern auf allen fünf Kontinenten. Die deutsche Sektion wurde 1966 gegründet.
    Mehr Infos international www.assitej.org und zur deutschen Sektion www.assitej.de oder zum Kinder- und Jugendtheaterzentrum in Frankfurt am Main www.kjtz.de

  • Autonomie und Selbstausbeutung

    Ein Bericht vom Symposium "Freies Theater und Ökonomie", das vom 12. bis 14. Dezember 2008 im Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt am Main stattfand.

    Die künstlerischen Arbeiten der Freien Theater waren und sind häufig mit Gesellschaftskritik und der Kritik an ökonomischer Ungerechtigkeit verbunden. Aus den neuen sozialen Bewegungen der 1960er Jahre entstanden, lag in den Stücken der Freien Theaterszene oft die Situation der Unterprivilegierten im Fokus: "Die Kritik der politischen Ökonomie wurde praktiziert, indem man kritische Theaterstücke spielte." So sagte es Jan Deck vom Landesverband der Freien Theater in Hessen. In seiner Eröffnungsrede des Symposiums fragte er: "Sind solche politischen Positionen aber nicht zynisch angesichts der Tatsache, dass die Freie Theaterszene durch ihr eigenes Arbeiten ständig auch selbst die Strukturen reproduziert, die sie öffentlich kritisiert?"

    Freie Theaterschaffende beuten sich selbst aus: Sie arbeiten am Existenzminimum und halten sich meist nur durch Nebentätigkeiten über Wasser, oft zu Lasten ihrer künstlerischen Arbeit. Freie Theatergruppen formierten sich als bewusstes Gegenmodell zu den unflexiblen Strukturen des Stadt- und Staatstheaters, um neue Konzepte des gemeinsamen unabhängigen Arbeitens auszuprobieren. Doch die Flexibilität, die man einst von den Arbeitsbedingungen forderte, schlägt nun als zynische Forderung an die einzelnen Künstler zurück: Eine bekannte, noch längst nicht überwundene Problematik.

    "Freies Theater zwischen Autonomie und Selbstausbeutung": Alexander Opitz und Katrin Tiedemann befassen sich in ihrem Podiumsgespräch mit der zentralen Bindung zwischen Freiem Theater und Ökonomie – den Förderstrukturen. Opitz stellt Statistiken vor, um die Notwendigkeit von Fördererhöhungen deutlich zu machen: So erreichten Freie Theater in Baden-Württemberg jährlich 800.000 Zuschauer - halb so viele wie die Stadt- und Staatstheater, und das bei nur 0,29 % anteiliger Förderung. Im Bereich des Kinder- und Jugendtheaters erreichten Freie Theater, so Opitz, sogar ein doppelt so großes Publikum wie Stadt- und Staatstheater.

    Opitz und Tiedemann kritisieren dieses Ungleichgewicht: Um der Selbstausbeutung entgegen zu wirken, so Opitz, müsse auf Seiten der Förderer und der Künstler ein Bewusstsein für angemessene Bezahlung geschaffen werden. Das gemeinsame Festlegen von Mindestgagen kann den fördernden Institutionen Orientierung bieten und Künstlerinnen und Künstler davor schützen sich unter Wert zu verkaufen. Antragssummen, betont Katrin Tiedemann, müssen von den Förderern ernst genommen und nicht herunter gerechnet werden. Ähnlich frappant sei die Streichung der sogenannten Eigenmittel aus den Finanzierungsplänen, denn diese bestehen meist nur aus unbaren Entgelten, sprich unbezahlter Arbeitszeit. Beim Land Baden-Württemberg müssen bei Antragsstellung bereits keine Eigenmittel mehr eingebracht werden.

    "Was macht die Freien Theater unfrei?" Diese Frage wurde im Lauf des Symposiums immer wieder mit dem Wort "Finanzierung" beantwortet. Im Bereich der Kulturellen Bildung beispielsweise, wo Freie Kulturschaffende ein wichtiges Standbein bilden, muss darauf geachtet werden, dass den Künstlern auch weiterhin die Wahl bleibt, ob sie soziokulturelle Arbeit leisten oder künstlerisch avancierte Projekte durchführen wollen: Wenn immer mehr Fördermittel in die Kulturelle Bildung fließen, ist diese Entscheidungsfreiheit gefährdet. So wurde auch im Tischgespräch zur kulturellen Bildung gleich zwischen jenen Künstlern unterschieden, die nur aus finanzieller Not in der Kulturellen Bildung tätig sind - und solchen, die es aus Leidenschaft und Ãœberzeugung tun.

    Das Symposium schloss mit konkreten Forderungen: Enthusiasmus und Idealismus der Freien Kulturschaffenden sollen nicht eingedämmt werden - aber auch keine Basis sein für die Akzeptanz von selbstausbeuterischer Arbeit. "Wir freien Künstler", sagt Jan Deck abschliessend, "sollten es nicht einfach hinnehmen, dass wir zur Avantgarde der Prekarisierung, zur Speerspitze der Zerschlagung sozialer Sicherungssysteme gemacht werden. Wir müssen verstärkt unsere eigene ökonomische Basis reflektieren. Und uns Gedanken machen, wie wir Nachhaltigkeit schaffen, ohne unflexibel zu werden. Wie wir Sicherheiten schaffen, ohne neue Abhängigkeiten zu produzieren. Wenn es in 30, 40 Jahren noch Freies Theater geben soll, dann brauchen wir ein flexibles und ausdifferenziertes Fördersystem, neue Modelle sozialer Sicherung und Produktionsbedingungen, die langfristiges Arbeiten ermöglichen."

  • "Das ist sinnvoll vertane Freizeit!"

    Eine Tagung in Wolfenbüttel widmete sich der Bildungsarbeit Freier Theater

    aus: die gazette II.2008 www.laft.de



    Bildung hat Konjunktur. Theater, die für junge Zuschauer, vor allem aber auch mit aktiven Alten, bildungsfernen Jungs oder ›Menschen mit Migrationshintergrund‹ produzieren, setzen in Zeiten sozialer Desintegration ein Zeichen – und haben zusätzliche Argumente, wenn es daran geht, Sponsoren- oder Fördergelder einzuwerben. Dass nach Hamburg, Düsseldorf und Hannover ab der kommenden Spielzeit auch die Stadttheater in Frankfurt und Göttingen neue Sparten unter dem Label ›Junges Schauspiel‹ eröffnen, ist Teil dieser Entwicklung.