Am 02.01.2015 erscheint das Jahrbuch von "IXYPSILONZETT"

 Generation IX, YPSILON oder ZETT?

 

 Theater für junges Publikum zwischen Last des Erbes und Lust auf Zukunft

 

 Editorial von Wolfgang Schneider

 

 Es heißt, Zukunft will gestaltet werden. Fragt sich nur, wer das machen soll. Und was das für das Kinder- und Jugendtheater bedeutet – künstlerisch und personell. Wer sind die nächsten Macher, was will sie und wie geht sie mit der Last des Erbes um. Kommt es zum Clash of Generations?

Auf der Bühne tobt der ewige Kampf der Pubertät, in manchen Kinderstücken kommen Erwachsene gar nicht mehr vor, die Digital Natives nennen es Performance und zeigen es den Dinos der Dramaturgie. Schon gibt es Laboratorien für den Nachwuchs: Sind es Proberäume für den Putsch oder bleibt alles wie es ist, nur anders? Das deutschsprachige Kinder- und Jugendtheater ist in die Jahre gekommen und ebenso seine Akteure. Die Traditionen von gestern stehen heute auf dem Prüfstand, aus den Visionen wird eine Theaterkunst für morgen möglich.

Darüber nachzudenken ist Gegenstand des Jahrbuchs für Kinder- und Jugendtheater 2015 IXYPSILONZETT der ASSITEJ Deutschland. Die Beiträge beschäftigen sich mit dem Generationenwechsel in den Kinder- und Jugendtheatern, mit Generationsfragen auf dem Theater für ein junges Publikum, mit Fragen zu Inhalten und Ästhetik der nächsten Theatergeneration: IX, YPSILON oder ZETT, wie Soziologie und Zeitgeist die jungen Gesellschaften auszudifferenzieren versucht.

 Im „Duden“ werden uns zum Thema drei zusammengesetzte Hauptwörter angeboten: Generationenkonflikt, Generationenwechsel und Generationenvertrag – das klingt programmatisch. Und zur Generation X kann man lesen: "… durch Orientierungslosigkeit, mangelnde Zukunftsaussicht u. a. charakterisierte Gruppe der 20- bis 30-Jährigen“ (Der Duden. Bd. 19, S. 308). Das war 1996.

 2014 ist es schon die Generation Y, die analysiert wird. Kerstin Bund – selbst Kind der zwischen 1980 und 1995 Geborenen – formuliert die Essenz ihres Buches „Glück schlägt Geld. Generation Y: Was wir wirklich wollen“ (Murmann-Verlag, Hamburg): „Manche halten uns für Freizeitoptimierer, die, anstatt an ihrer Karriere zu arbeiten, lieber pünktlich Feierabend machen oder sich gleich ins Sabbatical verabschiedeen. Aber sind wir wirklich die ‚Generation Weichei‘, als die uns manche Medien verspotten?“ (Die Zeit vom 27. Februar 2014) Sie wären nicht faul, sie wollten ja arbeiten, nur anders, mehr im Einklang mit ihren Bedürfnissen. „Wir suchen Sinn, Selbstverwirklichung und fordern Zeit für Familie und Freunde.“ Es geht ihnen um Flexibilität, Freiräumen und Feedback. Selbstbestimmung wird also zum Statussymbol einer Generation postuliert.

 Der Pädagoge Klaus Hurrelmann und der Journalist Erik Albrecht spitzen ihre Reflektion zu und schreiben in „Die heimlichen Revolutionäre“ darüber, „Wie die Generation Y unsere Welt verändert“ (Beltz Verlag, Weinheim und Basel 2014): „Sie haben in kurzer Zeit den strukturellen Wandel in Politik, Wirtschaft, Arbeitsleben, Familie, Technik und Freizeit eingeleitet.“ (S. 7) Und weil sie die Frage nach dem Sinn des Lebens zum Merkmal ihrer Generation machen, werden sie mit dem vorletzten Buchstaben unseres Alphabets etikettiert: Y – im Englischen ausgesprochen wie „why“. Fehlt nur noch das Fragezeichen, um mehr als ein ganzes Jahrzehnt Jahrgänge medial auf den Punkt zu bringen.

 Das alles muss die, die von Berufswegen sich mit den jungen und jüngeren Generationen beschäftigen, interessieren - insbesondere in Kunst und Kultur. Die „68er“ sind noch immer am Ruder, die „Babyboomer“ mittendrin, die Generationen „Golf“ und „Praktikum“ übernehmen Verantwortung – auch im Kinder- und Jugendtheater. Es gilt, ein gesellschaftliches Gespräch aufzugreifen über sich verändernde Lebensentwürfe, Vorstellungen von Arbeit und Freizeit – und nicht zuletzt über künstlerische Konzepte.

Wenn nicht die Darstellenden Künste für ein junges Publikum, wer sollte es dann tun? Dort wird ausgetragen auf und hinter der Bühne, wie es weiter geht, dort werden Generationenkonflikte, -wechsel und -verträge ausgehandelt, dort findet die Auseinandersetzung real und fiktiv statt, die Suche nach der Lebenskunst, die Erörterung der Reformbedarfe, die pubertären Kämpfe des dramatischen Lebens. Das Kinder- und Jugendtheater hat schon aus seinem Selbstverständnis heraus Lust auf Zukunft. Fragt sich nur mit wem, und wie, und überhaupt. Die Beiträge dieses Jahrbuches mögen den Diskurs begleiten. Denn nach der Generationen IX und YPSILON kommt die Generation ZETT, und die sitzt zur Zeit - im besten Falle – im Parkett, und was wird dann?


Das Jahrbuch kann hier bestellt werden.