Das große Ranking der Spielzeithefte

Kategorie: Facing the Faces

1) Staatstheater Mainz = Würde nicht Spielzeitheft draufstehen, könnte man unter dem Cover auch einen Portrait-Querschnitt der (weißen) deutschen Gesellschaft vermuten. Das fast 500 (!) Seiten dicke Büchlein aus Mainz verzichtet auf einleitende Worte. Es folgen 300 (!) einheitliche Einzelportraits: Herrenschneiderin, Maschinentechniker, Chefmaskenbildner, Pförtner, Leiter Malersaal. Alle nehmen vor schwarzem Hintergrund Blickkontakt mit uns auf. 

2) Theater Osnabrück = Yolo! Modernisiert euch! Und was könnte hipper sein als ein Selfie? Daraus wurde das Motto für das Spielzeitheft geknüpft. Statt klassischer Studiofotografie werden wir mit einer Selfieflut konfrontiert. Der Jugendclub treibt es auf die Spitze. Ein Haufen Grimassen. Die Hypermoderne ist da. Aber nur echt mit Instagramfilter.

3) Staatstheater Braunschweig = Je ein Schauspieler darf in der Halbtotalen ein Stück der Spielzeit verkörpern. Wir merken: Kleider machen Leute, die Motive werden klassisch aufgelöst. Aber das Staatstheater Braunschweig existiert ja auch schon seit 1690.

Kategorie: Spärlicher ist mehr

1) Vaganten Bühne Berlin = Aufklappbarer Flyer in Papp-Haptik. Das größte Gestaltungselement ist die französische Tricolore, das gesamte Repertoire wird gar auf einer halben Seite resümiert. Favorit aller Bauhausfans.

2) Theater Bremen: Gibt sich als Anarchistin unter den Minimalisten. Das Buch- oder Heftformat wird dekonstruiert. Auf dünnen, olive-gefärbten Seiten werden pro Seite vier Stücke abgehandelt. 15 Premieren werden auf eine Seite gebannt. Ef-fi-zi-enz.

3) Comedia Theater = 50 Seiten, davon keinen Fleck verschwendet. Ein bisschen Werbung darf sein, ansonsten Bild und Bild in Reihe. Übersichtlich! Im positivsten Sinne.

Kategorie: Lokalheld

 

1) Die Badische Landesbühne = Karlsruhe ist mit dem Badischen Staatstheater der Platzhirsch im

Bundesland. Die Landesbühne inszeniert sich in ehrlichem Grün als David der

Theaterlandschaft. Fürs Fotoshoot ging's raus in die echte Welt. Auf dem Bruchsaler Markplatz

wird neben Sozialarbeitern, Gewerkschaftlern und Erdbeeren posiert. Klein aber fein.

Kategorie: Productplacement

 

1) Theater Pforzheim = Autonomie der Kunst hin oder her. In Pforzheim hätte man mit einem

penetranten, das ganze Spielzeitheft umschlingenden Porsche-Banner gerechnet. Stattdessen:

Bald so viel Werbetext wie Spielzeitinfo. Warum? Zum 250-jährigen Bestehen der Goldtstadt

Pforzheim wurde alles auf das luxuriöse Edelmetall getrimmt, siehe Stückauswahl: „Das

goldene Vlies“, „Die goldene Gans“, „Der goldene Drache“, „Goldberg-Variationen“,

„Supernova (Wie Gold entsteht)“. Kreativpotenzial voll ausgeschöpft. Das wirkt sich auch auf

die Werbepartner aus: Altgoldhändler, Juweliere und Uhrenmacher geben sich die goldene

Klinke in die Hand.

Das große Ranking der Spielzeithefte 2016 / 2017

Die Hefte, die die Welt bedeuten.
Das große Ranking der Spielzeithefte 2016 / 2017

Wer geht schon unaufgefordert ins Theater? Vielleicht der Bühnentechniker. Ansonsten braucht es ein
paar zusätzliche Anreize. Bei Max Reinhardt hieß es noch Reklame, später Werbung, heute spricht man
von visueller Kommunikation und Marketing. Das Herzstück des Theatermarketings, trotz der digitalen
Wende, ist nach wie vor das gedruckte Spielzeitheft. Die Redaktion von theaterpolitik.de hat die
Publikationen aller deutschen Staats- und Stadttheater für den Zeitraum 2016 / 2017 unter die Lupe
genommen und küren nun mit analytischem und zwinkernden Blick unsere Favoriten des Jahres.

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