Grußwort zur Eröffnung des Festivals des Theaters für junges Publikum „Augenblick Mal“ am 25. April 2017 in Berlin

Von Wolfgang Schneider

 

Wie schön, dass Sie Ihren Weg gefunden haben, Ihren Weg zu „Augenblick Mal!“. Sie sind freiwillig hier – das ist gut so. Oder Sie wurden eingeladen – das ist noch besser. In jedem Falle haben Sie sich auf den Weg gemacht, weil Sie offensichtlich das Theater für junges Publikum bewegt. Die einen haben etwas zu zeigen, die anderen wollen etwas sehen, alle zusammen können Sie sich austauschen.

 

 

Auch das Kinder- und Jugendtheater ist auf dem Weg, auf Wegen. Mit Umwegen und Auswegen. Es will etwas auf den Weg bringen, manchmal auch den Weg weisen. Beim Wegebau behilflich sein und Wegmarken setzen. Wegscheiden beschreiben und Wegzehrung geben. Ja, und auch diese Plattitüde muss noch sein: Der Weg ist das Ziel! Aber was ist der Weg? Was ist das Ziel?

 

Darüber gilt es, immer wieder nachzudenken. Deshalb hat sich auch die ASSITEJ auf den Weg gemacht. Nicht mehr und nicht weniger als ein Bericht zur Lage des Kinder- und Jugendtheaters in Deutschland soll es am Ende des Weges werden. Wer sind wir? Und wie viele? Wer fördert, wer macht mit, wer guckt zu? Was wird gespielt, in welchen Räumen, mit welchen Mitteln? Eine quantitativ angelegte empirische Studie soll der Selbstvergewisserung dienen. Sie wird durch Ihre Teilnahme qualifiziert, mit Beispielen aus der künstlerischen Praxis und durch die Analyse kulturpolitischer Rahmenbedingungen. Machen Sie mit, auf dem Weg zu den wahren Fakten, machen Sie Anregungen, was geht und was nicht.

 

Nach 70 Jahren Theater der jungen Welt, 50 Jahren Grips Theater und 40 Jahren Junges Schauspielhaus Düsseldorf  ist es an der Zeit zu fragen: Was bleibt, was ändert sich, was muss anders werden? Die Antworten finden sich von Cottbus bis Köln, von Kiel bis Konstanz; denn, wenn sich wer bewegt, dann ist es das Kinder- und Jugendtheater.

 

 

 

 

Und doch steht der Entwicklung immer noch so manches im Wege: Das Missverständnis von Kindertheater als Kinderteller, halbe Portion und halber Preis, oder die Aufkündigung des Jugendtheaters als Theater für alle und alles. Immer noch gibt es die Verteilungskämpfe, die Ungerechtigkeiten im System: Das Theater für junges Publikum, das mit dem geringsten Etat, mit den kleinsten Ensembles, die zudem die bescheidensten Buden bespielen müssen. Wenn sie überhaupt eine würdige Spielstätte ihr Eigen nennen dürfen. Jüngstes Beispiel: Das Theater o.N. in Berlin kriegt eine Kündigung. Wenn ihnen überhaupt eine würdige Förderung gewährt wird. Jüngstes Beispiel: Das Theater Pilkentafel in Flensburg. Was da abgeht, das geht ganz und gar nicht!

 

Das Kinder- und Jugendtheater ist trotz aller Widrigkeiten auf dem Weg, was Inhalte und Ästhetik betrifft; denn es ist das zeitgenössischste Theater, schon allein wegen der Zielgruppenorientierung. Das Publikum lebt hier und heute, selten in gestern. Es ist das vielfältigste Publikum und deshalb hat es Vielfalt verdient, die Diversität als Thema, eine Polyphonie der Stile. Ein Streit über Formate ist obsolet. Das zeigt auch wieder die bunte Palette der Theatermöglichkeiten, wie sie „Augenblick Mal!“ zu bieten im Stande ist.

 

Während im Feuilleton noch über das Gegeneinander von Schauspielerei und Performancekunst gestritten wird, ist das Kinder- und Jugendtheater schon längst auf dem Weg, die Bühne ohne Dogmen zu bespielen: Denn es gibt eben nicht den einen Weg, Theater zu machen. Es geht um das Geschichtenerzählen und um die Rauminstallation, es geht um künstlerische Teilnahme und kulturelle Teilhabe, es geht um das Theaterhaus und den öffentlichen Raum; wichtig ist nach wie vor, dass es um etwas geht, dass die Darstellenden Künste Wege wagen, mit Relevanz, Substanz und Brisanz.

 

Ja, und auch ich bin auch auf dem Weg, auf dem Weg nach Kapstadt – in guter und großer Gesellschaft. Dort findet im Mai der nächste Weltkongress der ASSITEJ statt, zum ersten Mal in Afrika. Und zum ersten Mal mit einer Handvoll Koproduktionen aus Deutschland, Koproduktionen mit Theatergruppen aus afrikanischen Ländern, aus Zimbabwe, aus Südafrika, aus Ruanda, aus Nigeria, aus Kamerun. Das deutsche Kinder- und Jugendtheater auf dem Weg von Nord nach Süd, um neue Theaterlandschaften kennen zu lernen, um über den Tellerrand zu schauen, um partnerschaftlich sich zusammenzutun, in eine Welt, mit den nächsten Generationen. Denn Kinder gehören nicht in poröse Schlauchboote von skrupellosen Schlepperbanden, Kinder gehören überall auf der Welt geschützt!

 

Zur Daseinsvorsorge gehört aber auch die kulturelle Identität, die beim Kongress in Kapstadt im Mittelpunkt steht: „Cradle of Creativity“, so lautet das Motto und das will uns auf die Wiege der Menschheit aufmerksam machen. Es geht darum, von klein auf das Recht auf Kunst und Kultur zu verwirklichen. Es geht darum, Kinder zu bewegen und die Welt kinderfreundlicher zu gestalten. Wir dürfen uns auf unseren Wegen nicht selbst genug sein, in der „international fair cooperation“ liegt die Chance, das Leben gelingend zu gestalten – zumindest ist das die Hoffnung – und Visionen sind ja irgendwie auch Wege, gedachte Wege in die Zukunft.

 

 

Ich danke allen, die die Wege zu „Augenblick Mal!“ möglich gemacht haben und ich wünsche allen gute Wege durch das Festival.