Poesie braucht Fantasie

Kategorie: Schaukasten
Veröffentlicht am Dienstag, 16. Mai 2017 10:29
Geschrieben von Wolfgang Schneider

Laudatio zum ASSITEJ Preis 2017 für Rudolf Herfurtner

Von Wolfgang Schneider 

 

Wer ist er, der diesjährige ASSITEJ-Preisträger? Was hat er getan? Was zeichnet ihn aus? Es ist ein Preisträger, der mit Dramatik und Prosa, Drehbuch und Libretto spielt und seine eigenen und die Werke anderer vom Buch auf die Bühne, von der gedruckten Seite auf die Leinwand und von der Textebene ins Ohr übersetzt.

Ein Preisträger, für den Sprache Musik ist. Ein Preisträger, der schon lange wirkt mit seinem Werk und der zudem in diesem Jahr einen runden Geburtstag feiert.

Mit dem ASSITEJ Preis 2017 wird  Rudolf Herfurtner geehrt. 

Die Jury, der ich angehören durfte, hat in ihrer unendlichen Weisheit darüber entschieden. Dem Laudator, der ich sein darf, ist es ein großes Vergnügen, Ihnen zu erzählen, warum wir Dich, lieber Rudi, heute mit diesem Preis auszeichnen. 

In den letzten Jahren haben die Theater in diesem Land viele Jubiläen gefeiert und es gibt Theater, die sind so alt wie Du und älter, wie zum Beispiel das Theater der jungen Welt in Leipzig oder etwas jünger, wie zum Beispiel die Schauburg in München. Es gibt die ASSITEJ, die nun über 50 ist. Es gibt Verlage wie den Verlag der Autoren, der ja auch dir gehört, die sich der dramatischen Literatur auch für ein junges Publikum widmen und es gibt das Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland, das seit 1989 Diskurse bündelt. 

Was hat das nun alles mit Dir zu tun? Du bist ein Autor, ein altmodischer Dramatiker im besten Sinne, ein Einzelgänger, ein Einzelkämpfer, ein Unikum. Du machst Dein Ding. Klar, Deine Stücke werden inszeniert, Deine Drehbücher verfilmt, Deine Bücher lektoriert, verbreitet und im besten Sinne gelesen. Und es geht immer um Geschichten, um Poesie, verdichtete Wirklichkeit und soziale Fantasie, die Du erzählst. 

Große Mythen wie Nathan und die Nibelungen stehen dann im Regal und auf der Bühne neben Themen wie Nationalsozialismus und Nonkonformismus. Sie werden verkörpert von kleinen und großen Helden oder von kleinen und großen Tieren – da gibt es zum Beispiel Spatzen, Katzen und Schweine. Glaube, Liebe, Hoffnung. Große Themen sind Deine Themen. Ängste werden thematisiert, Solidarität geübt, Auseinandersetzung gepflegt. Immer wird die Welt neu entdeckt – im besten Sinne. 

Aber jetzt nochmal: Warum der Hinweis auf Alter und Tradition als Einstieg in einer Laudatio auf einen Autor, dessen Stoffe nicht altern, dessen Neugier nicht schwindet, dessen Risikobereitschaft nicht vergeht?

Es geht hier wirklich nicht um die 70, die Du vollendest, sondern um einen gemeinsamen Weg. Deine Stücke begleiten uns seit dem ersten „Spielplatz“ im Jahr 1988 – „Geheime Freunde“. Hier geht es – heute aktueller denn je – um Krieg und Flucht, Angst und Trauma, Ausgrenzung und Rassismus. Ich durfte dabei sein bei Proben und Prozess am Theater der Jugend in München. 

Deine Stücke haben preisgekrönte Kinder- und Jugendliteratur für die Bühne adaptiert und damit neu erfunden, zugänglich gemacht und das Repertoire bereichert. Eines Deiner Stücke, „Waldkinder“, hat den ersten Deutschen Kindertheaterpreis erhalten. 1996 war das. Da war dieser einzige Staatspreis für dramatische Literatur für junges Publikum gerade erfunden worden. Und ich durfte ihn Dir auf dem Weg nach Hildesheim überreichen.

Herbert Heckmann, ehemaliger Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, konnten wir für die Laudatio gewinnen. Er blickte eher düster in die Zukunft einer Gesellschaft, in der „für Kinder immer weniger Platz“ sei. Ihre Fantasie, so Heckmann, hinterfrage die Welt der Erwachsenen und schon dieses Fragen werde als Bedrohung empfunden. Heckmann sagte: „Das Verhältnis der Gesellschaft zu ihren Kindern ist das Indiz ihrer Intaktheit, ihrer Menschlichkeit und Zukunftszuversicht.“ 

Du stehst mit Deinem Werk, das so viele Ausdrucksformen einschließt, für genau diese Wertschätzung des Kindes als Teil unserer Gesellschaft. Kinder haben das Recht auf Teilnahme und Teilhabe an Kunst und Kultur. Kinderrechte sind Menschenrechte. 

Kinder sind in Deinen Stücken Helden – wahre Helden und zufällige Helden, heldenhaft im besten Sinne. Sie sind aber auch das Publikum – von heute. Deine „Waldkinder“ sind, so noch einmal Herbert Heckmann, „ein Plädoyer für die Phantasie, die das Kind ins Leben führt“. Diese Phantasie trägt jedes Kind in sich und Du sprichst sie mit Deinen Texten an. 

„Vor allem möchte ich dem Autor Herfurtner auch an dieser Stelle attestieren: er ist ein großer Dramatiker.“ Das war wieder ein Zitat und zwar von der ASSITEJ-Preisträgerin Christel Hoffmann. Sie hat, wie sollte es anders sein, wieder mal recht. 

Wir wünschen uns für die Zukunft viele weitere Werke von Dir, die wir sehen und hören, lesen und singen können - im besten Sinne sinnstiftend. 

Lieber Rudi, herzlichen Glückwunsch!